Die Verstehenskluft

Schaubühne Berlin: Constanza Macras’ Stück »The Ghosts« erkundet kulturelle Differenzen zwischen China und dem Westen

Die chinesische Kultur prägt andere Mentalitäten. Das wurde auch bei dem über weite Strecken faszinierenden Kollaborationsprojekt eines chinesischen Familienzirkus mit dem Performanceensemble von Constanza Macras zum Abschluss des Berliner Festivals »Tanz im August« deutlich. Als im ersten Drittel des Stücks der Videobeamer ausfiel, der biografische Details der Akrobatinnen auf die Leinwand transportieren sollte, ließ sich die Erzählerin Huanhuan Zhang nicht stören und setzte trotz schwarzer Leinwand und ausfallender deutscher Untertitel stoisch ihren Vortrag fort. Man lauschte ihr und wurde sich angesichts der eigenen Unkenntnis der chinesischen Sprache der Verstehenskluft bewusst.

Natürlich füllte man das Nichtverstehen mit eigenem Vorwissen, Assoziationen, Vorurteilen und dem Reflektieren über die Vorurteile. Als schließlich Macras gemeinsam mit Schaubühnengastgeber Thomas Ostermeier die Bühne betrat, um Abbruch und Neuanfang des Abends zu verkünden, machten die chinesischen Künstlerinnen, die mittlerweile zu Stäben und Tellern gegriffen hatten, einfach lächelnd weiter. Sie ließen je drei Teller in jeder Hand an der Spitze der senkrecht gehaltenen Stäbe kreisen und veränderten dabei noch die Stand-, Sitz- und Liegeposition ihrer Körper. Sie mochten denken: Ach, schon wieder so eine Improvisationsübung unserer Chefin, lasst uns einfach das Programm fortsetzen.

Sie hatten unwillkürlich die richtige Entscheidung getroffen. Denn die technische Panne passte perfekt zu einer Erzählung im Programmheft: Vor ihrer ersten Tour in die USA in den Zeiten des Kalten Kriegs wurde eine Akrobatentruppe aus Shanghai instruiert, die Aufführung auf jeden Fall zu Ende zu bringen, selbst wenn aus dem Publikum, was erwartet wurde, Gegenstände auf die Bühne fliegen sollten. Während eines Auftritts in Chicago explodierte dann tatsächlich eine Tränengasgranate im Theater. »Nur langsam löste sich das Tränengas auf, aber wir setzten trotz tränender Augen und Schmerzen die Aufführung fort«, wird eine Beteiligte zitiert.

Die Mentalität des Weitermachens - koste es, was es wolle - gehört offenbar auch bei der aktuellen, schon vom Westen beeinflussten Künstlergeneration zur professionellen Grundausstattung. Die Panne und ihre Folgen wirkten wie glücklich inszeniert, um über kulturelle Unterschiede zwischen China und dem Westen aufmerksam zu machen.

Bei »The Ghosts« waren aber auch viele Dinge, die klappten, bemerkenswert. In der Eröffnungsszene etwa ließ eine in weiß gekleidete Frau einen langen Schrei aus ihrem Körper fahren. Ein rotes Band hing vom Bühnenhimmel bis auf den Boden. Das Arrangement einer Gespensterszene. Verloren ließ darin kurz danach ein Jongleur ein Diabolo kreisen, während die drei Frauen ihre je sechs Teller - hoch über dem Kopf rotierend - in stolzer Prozession auf die Bühne brachten.

In dieser Eingangssequenz war bereits alles enthalten, was »The Ghosts« versprochen hatte: Erzählungen über die Einsamkeit des Artistendaseins, die Entbehrungen, aber auch die technische Brillanz der Arbeit, die über Menschen mögliche Geschicklichkeit hinauszugehen scheint und schließlich der Versuch, die negativen Seiten dieser Existenz durch eine Einbettung in traditionelle Geistergeschichten kulturell zu kompensieren.

Und so blieben Münder offen stehen angesichts der Körperpyramiden, die die Akrobatinnen bauten. Herzen erstarrten, wenn von chinesischer Großgeschichte, etwa dem Massaker auf dem Platz des Himmlischen Friedens, und deren Auswirkungen auf individuelle Leben die Rede war. Der betrachtende Körper entspannte sich vor Freude, wenn er sah, wie das herkömmliche Ensemble von Macras den chinesischen Gästen nicht nur mit großem Respekt einen guten Rahmen lieferte, sondern alle darin wetteiferten, sich von den anderen etwas abzuschauen. Macras-Tänzerinnen gingen hoch ans Band und beteiligten sich an Körperpyramiden. Die Akrobaten tanzten. Und selbst der Trainer des chinesischen Familienzirkus, ein Kraftprotz, der auf Präzision und Disziplin gepolt ist, fügte sich in einige Gruppenchoreografien der wilden Macras-Horde ein. Der gegenseitige Transfer von Tanz- und Akrobatiktechnologie war außerordentlich.

Auch einige weniger bekannte Details aus Chinas Gesellschaft erfuhr man. Die Lücken im durchregulierten Regime waren offenbar größer, als gedacht. Die klassische Ein-Kind-Politik wurde häufig umgangen, indem die Eltern bei jeder neuen Geburt einfach die Stadt wechselten und das jeweils jüngste Kind dort registrierten. Mädchen wurden, um Platz für den erwünschten männlichen Nachkommen zu schaffen, auch gern weggegeben - zum Teil, wie es eben auch den jetzt an der Schaubühne gastierenden Künstlerinnen widerfuhr, an den nächstbesten Zirkus.

Macras ursprüngliches Vorhaben, die brutale Ausmusterung chinesischer Akrobaten kurz nach dem Höhepunkt ihrer physischen Leistungsfähigkeit zu thematisieren, geht angesichts der Brillanz der meist jungen Akrobaten, die sie einlud, allerdings ein wenig verloren. Und schade ist auch, dass es ihr, wieder einmal, nicht gelang, die Fülle des erarbeiteten Materials besser zu ordnen, und, ja, auch zu beschneiden. So folgt Nummer auf Nummer, Reiz auf Reiz, ganz so, wie es der chinesische Staatszirkus alter Prägung anzubieten pflegt. Mehr konzeptionelle Strenge, etwas weniger Didaktik - und dieser abwechslungsreiche Abend wäre eine Sensation.

Nächste Vorstellungen am 5., 7. und 8. September

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