Mit dem Zumsel kam der Krieg

An diesem Sonnabend wird der Komiker und Schauspieler Dieter Hallervorden 80

  • Von Hans-Dieter Schütt
  • Lesedauer: 5 Min.
Vom Volltrottel, Biederbürger mit Glubschaugenbrille und Biedermiefkasper zum altersweisen Charakterkopf oder wie aus dem blödelnden Komiker »Didi« Hallervorden dann doch noch ein Dieter Hallervorden wurde.

Der lachende Philosoph ist ein Wunschtraum. Denn der Ernst seiner Arbeit erlaubt keine Flucht in die Entlastung. Entlastung ist Schein und muss unbedingt entlarvt werden - was die denkenden Gesichter noch mehr kerbt. Die denkenden Gesichter der Philosophen, ja aller mit dauerkritischer Intelligenz Geschlagenen. Eine Last, solche Leute. Gegen diese Über-Gewichtigen musste dringend etwas erfunden werden, weil der Mensch, umstellt von Wissenden und Besserwissenden, von Mahnern und Bewusstseinsdompteuren, auch mal befreit in eine Sinnlücke springen möchte. Am liebsten per Arschbombe. Und also wurde Didi erfunden.

Der Volltrottel. Der Biederbürger mit Glubschaugenbrille. Der Biedermiefkasper. Die komische Urknolle, prädestiniert für Wunschträume wie »Ich hätt’ gern ’ne Flasche Pommes frites.« Dieter Hallervorden: gegen die Kritikaster - wunderbar grob; gegen die Mehrheitsfürchter - aufreizend gemeinschaftsstiftend; gegen die Hochkulturalen - entspannend geistklein. Jahrelang mit einem Spielpartner, der nicht mal Schmidt heißen durfte, sondern (Kurt) Schmidtchen heißen musste (er gab einst im DEFA-Film das tapfere Schneiderlein).

Es war an Komikern wie Hallervorden jahrelang sehr beispielhaft zu beobachten, wie die wächternden Beckmesser so schneiden: Sie konstatieren am einfältigen Witz angewidert, wie sich das Publikum durch Lachen kurzfristig von der Normenwelt entfernt - aber sofort verweisen sie darauf, wie just diese gemeinsame Lust am Unsinn ein neues Normenkollektiv schafft. Massenheiterkeit - ein Menetekel? Gähn, gähn. Dann doch lieber Didis Erörterungen über den »Zumsel«, jenen Scheuerlappen im Antiquitätenstatus, der leider beschädigt worden sei, im Weltkrieg - welcher allein dadurch ausgebrochen sei, weil die Bayern nicht damit einverstanden waren, dass man Einstein mit dem Zumsel zum deutschen Kaiser krönte. Herrliche deutsche Geschichte.

Geboren wurde Hallervorden 1935 in Dessau, als Sohn einer Arzthelferin und eines Diplomingenieurs. Er studierte an der Humboldt-Universität, verließ 1958 die DDR (»ich fühlte Drahtverhaue im Hirn«). Man muss nun rasch auf Westberlin zu sprechen kommen. Dies ist bekanntlich keine Stadt gewesen, sondern ein Schicksal: erst total vom Osten umzingelt, und dann, im Hauptstadtboom der neuen Mitte, nach der Wiedervereinigung, derart am Verkümmern, dass der Kurfürstendamm unweigerlich ins Dörfliche abrutschen musste und also aus dem Ku’damm ein Kuhdamm wurde. Das nennt man Frieden: wenn aus einer Frontstadt Hinterland wird. Nicht sehr lustig. Aber an einer einzigen Stelle hatte Westberlin stets gut lachen: bei den »Wühlmäusen«, jenem Kabarett-Theater, dessen Begründer (1960) - Dieter Hallervorden heißt.

Der Komiker als Humorist - seit der TV-Erfolgsserie »Nonstop Nonsens« (häufiger Texter: Wolfgang Menge) war die Zuordnungsschublade zugeknallt, und wollte er sie öffnen, klemmte sie boshaft ausdauernd. Geboren als Dieter, lebendig begraben im Didi. Immerhin, schon lange vor heutigen Comedians ladenklingelte er in aller Ohren: »Palim, Palim«. Mit dem politkabarettistischen TV-»Spottlight« erfolgte dann die sanft-entschiedene Wiederannäherung ans weniger Grobe. Das er freilich nach wie vor mit Grandezza beherrschte. Etwa als »Zebralla«, einem zerzauselten Alt-Achtundsechziger mit Politologie-Träumen; ein Urnenhuscher aus der großen Freak-Show, die Leben heißt. »Spottlight« übrigens war die Nachfolgesendung der »Spottschau«. Die lief leider bei Sat.1, dort saß Scharfmacher Heinz Klaus Mertes am Schalthebel für Meinungsfreiheit, Hallervorden hatte ihn für die Ehrung als »Arsch mit Ohren« auserkoren. Die betreffenden Ohren wackelten, Hallervordens Sendeplatz nicht: Er wurde gekippt.

Der späte Hallervorden. In Kilian Riedhofs Film »Sein letztes Rennen« spielte er den Ex-Marathonläufer Paul Averhoff, einen rebellischen Altersheimer (klingt wie Alzheimer und meint’s auch so, denn: Vergiss dein Leben!, sagt der Staat gewöhnlich dem, den er »pflegend« übernimmt). Bezwingend, berührend, wie das in Lustigkeits- bis Lächerlichkeitsreflexen verbrauchte Hallervorden-Gesicht zum Spiegel eines großen Welt-Erschreckens wird, wie große wässrige Ungläubigkeitsaugen diese Welt nicht mehr begreifen - das ist ein Ereignis jenseits aller derben Assoziationen zum klischiert festgefrorenen Bild vom gewohnten (tollen!) Blödheini. Mancher mag bei diesem Spieler noch immer reflexhaft zum vorsätzlichen Musterbescheid neigen: nicht tauglich zu Leidensstoffen - und dann trifft man plötzlich auf eine mimische Regungslandschaft zwischen Urkraft und Unsicherheit, nackter Angst und hochgeschlossener Unnahbarkeit - gegen ein aufseherisches Regime, das Alte in die Unmündigkeit zwängt.

Was etwa einem Otto Waalkes unmöglich wäre, nämlich die Verwandlung einer Hochqualitätsmarke in einen tief erfassten Charakter auf völlig neuem künstlerischen Feld - Hallervorden hat es in diesem Film geschafft.

An diesem Sonnabend wird der Schauspieler, auch Chef des Berliner Schlosspark-Theaters - 80 Jahre alt. Ein Leben für das Lachen und die Wahrheit, die jeder Witz verkörpert. Jeder Witz ist der Kränkungsgeschichte der Menschheit entnommen. Diese Geschichte speist sich daraus, dass es keine Versöhnung zwischen Subjekt, Gesellschaft und Natur gibt. Wir sind auf bittere Weise dreifach an die Welt gekettet: durch den Zwang, ein ganz bestimmter festgelegter Mensch zu sein, durch die Fremdbeobachtung dieses Zwangs und durch die ständige Gefahr, als Opfer dieser Zwänge auch noch verlacht zu werden. Der Komiker tröstet uns, indem seine albernen Figuren ihr eigenes bespottenswertes Schicksal in die Runde werfen - in der wir lustspiellang oder auch nur auf die Dauer eines Sketches Überlegene, Unangetastete sein dürfen. Das sind wir im Leben nie. Denn mag Jesus zwölf Apostel gehabt haben, der Teufel hat mehr. Böse Einflüsterer. Da kommt doch Freude auf, wenn uns anderes in den Ohren klingelt. »Palim, palim.«

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