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Die Kunst stirbt niemals

Im Kino: »Giovanni Segantini - Magie des Lichts« von Christian Labhart

  • Von Marion Pietrzok
  • Lesedauer: 4 Min.

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Was ist Licht? Was ist Farbe? Was Malerei? Scheinbar ewige Fragen. Des Künstlers Antrieb: aus dem Dunkel heraus, dem der Existenz, Antwort zu finden. Einer Antwort, die aus dem eigenen unvergleichlichen Lebenskern keimte, ist Giovanni Segantini (1848-1899) allen Schicksalsschlägen und Widerständen trotzend entgegengestrebt.

Seine monumentalen Gemälde, mit denen er zu den realistischen Symbolisten gezählt wird, hängen heute in großen Museen Europas. Der »Gaugin der Alpen« und der »Van Gogh der Alpen« wurde er bei seiner Wiederentdeckung vor einigen Jahren genannt. Seine Berglandschaften in all ihrer Vielfalt und Großartigkeit und die Darstellungen des Lebens der einfachen Menschen, der Bauern mit ihren Tieren, unter denen er mit seiner Frau und den vier Kindern lebte, waren eben mehr als Heimatmalerei.

Segantini, ein Mann mit erschütternder Biografie, zeitlebens staatenlos und ohne Papiere, hatte seine Antworten gefunden. Seine schon stark expressionistische, einzigartige, aufwendige Maltechnik - ungemischte Farben setzte er Strich an Strich, wodurch sich die Leuchtkraft der Farbe intensivierte - und das eigentümliche Komponieren seiner Motivwelt gibt den Bildern eine Magie, die auch den heutigen Betrachter in ihren Bann zieht. Die stolzen Alpensilhouetten, Licht und Schatten, großzügige Horizonte, unerhört schön in ihrem luftigen Blau: »Kunst, welche den Betrachter kalt lässt, hat keine Daseinsberechtigung«, wird er im essayistischen Dokumentarfilm des Schweizers Christian Labhart zitiert.

Der Film geht biografischen Stationen des Künstlers nach: Der frühe Tod der Mutter, die »schön war wie ein Sonnenuntergang des Frühlings«, der Vater, der ihn bei der hartherzigen Halbschwester zurückließ, ohne jemals wieder zurückzukehren entgegen seinem Versprechen, das Aufwachsen in Angst und »grenzenloser Einsamkeit«, immer mit »brennendem Bedürfnis nach Liebe«, hungernd und von den anderen hungernden Kindern verprügelt, nach Jahren des Auf-sich-selbst-gestelltseins mit zwölf von der Polizei in eine »Besserungsanstalt« gesteckt - tiefe Lebensspuren, die in den unscharf gemalten Gesichtern der Menschen bei der Arbeit, mit ihren als gleichberechtigte Kreatur verstandenen Tieren, in Frauen- und Mutter-Kind-Darstellungen ihr Äquivalent bekommen werden. Und dann die Wasser, der Schnee, das Geröll, die Almen, die Gipfel, die endlose Natur, sie vor allem: ein »Instrument, das Töne von sich gibt«. Aber da: die Kürbisernte schon neben vorbeistampfender Dampflok. Doch die Berge: »vor dem Himmel aufgerichtete Altäre«. Hinter den Bergen: das Nirwana.

Die »Freiheit des Ichs«, die Unabhängigkeit, die nur ein Künstler erreicht, weil niemand über ihm steht, sie war Segantini heilig, war seine Erfüllung. Er habe niemals einen Gott gesucht »außer mir selbst«. Und er grenzte wahre Künstler von den »Handwerkern« ab, jenen, die nur um des Geldes willen malen. Segantini starb früh, erst 41-jährig. Im Engadin, auf dem Schafberg in einer Alphütte in 2700 Meter Höhe, wo er auf der Suche nach dem Licht unter freiem Himmel an einem Triptychon arbeitete, erlag er einer Bauchfellentzündung.

»Die Kunst stirbt niemals, sie ist ein Teil unseres Ichs«, hat Segantini geschrieben - Christian Labhart lässt von Bruno Ganz gesprochene Äußerungen des Künstlers - seiner fragmentarischen Autobiografie, seiner umfangreichen Korrespondenz, seinen programmatischen Schriften entnommen - und Auszüge aus der Segantini-Biografie »Das Schönste, was ich sah« von Asta Scheib, gelesen von Mona Petri, als einzigen Wortkommentar zu den Bildern gelten. Und die schwebende, getragene Musik (Bach, Mozart und Paul Giger in intensiver Interpretation durch das Carmina Quartett, durch Cembalo, Percussion und Countertenorgesang). Nicht nur Gemälde sind zu sehen, sondern auch historische fotografische Aufnahmen der Lebens- und Schaffensorte. Unaufdringlich der Vergleich zu heute, wenn der Blick, verweilend auf gegenwärtigen Landschaften, Himmeln und Vogelzügen, zu den Stadthorizonten mit Schornstein- und Hochhaus-»Gipfeln« und zum Stadtpulsieren mit immensem Verkehr gelenkt wird. Wie anders hier das Licht. Man versteht, dass der Pantheist Segantini, im österreichischen Arco geboren, in Mailand aufgewachsen, in Maloja gestorben, Stadt und Industrialisierung abgelehnt hat.

»Werden - Sein - Vergehen« heißen die Kapitel der Annäherung an das dramatische Leben des Künstlers und an sein Werk - so wie das legendäre »Alpentriptychon« den Lebenszyklus benannte und beschrieb. Christian Labhart hat einen Film geschaffen, der mehr ist als ein gutes Künstlerporträt: Die meditative Reise gilt existenziellen Fragen, geknüpft an den Schicksalsweg eines Menschen. Die Begegnung, die der Zuschauer mit ihm erfährt, ist eine mitfühlen wie nachdenklich machende, lebendige. Das ist nicht zuletzt auch der visuellen Fantasie und des herausragenden Handwerks des meisterlichen Kameramanns Pio Corradi zu verdanken. Dessen Bildschöpfungen sind gleichsam Atem, Fühlen und rebellierendes Denken Segantinis.

Kurz vor seinem Lebensende war Segantini endlich erfolgreich. Aus elender Armut war er mutig und stetig hinauf, vom Dunkel zum immer helleren Licht gegangen, zu immer stärkerer künstlerischer Ausdrucksfähigkeit. Auf den Bergen, so sagte er, sehe man »die Dinge natürlicher als im Tal«.

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