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Die Kleinen und die Mehrarbeit

Bei den Berufsgewerkschaften spielen Arbeitszeitfragen eine große Rolle in Tarifauseinandersetzungen

  • Von Rainer Balcerowiak
  • Lesedauer: 3 Min.
Die Lokführergewerkschaft GDL hat jüngst eine Stunde Arbeitszeitverkürzung erstritten. Piloten und Ärzte kämpfen gegen zu lange Einsatzzeiten.

Die Tarifauseinandersetzung bei der Deutschen Bahn AG gehörte sicherlich zu den härtesten der jüngeren deutschen Arbeitskampfgeschichte. Sie endete am 1. Juli mit einem Schlichterspruch. Dieser garantiert der Gewerkschaft Deutscher Lokomotivführer (GDL) nicht nur das Recht auf die tarifliche Vertretung ihrer Mitglieder im gesamten Zugpersonal, sondern auch ein weiteres Kernanliegen: die Reduzierung der Arbeitsbelastung.

Neben der Begrenzung der Überstunden auf 80 pro Jahr gelang es auch, eine Verkürzung der Wochenarbeitszeit um eine auf 38 Stunden bei vollem Lohnausgleich ab 2018 durchzusetzen. Für die GDL ist dies ein wichtiger Etappensieg. Derzeit laufen Tarifverhandlungen bei mehreren privaten Konkurrenten der Bahn AG im Regionalverkehr, in denen Arbeitszeitregelungen ebenfalls einen großen Stellenwert haben.

Es war also ausgerechnet eine jener vom DGB gescholtenen Spartengewerkschaften, die dieses alte, aber kaum noch propagierte Kernanliegen der großen Industriegewerkschaften wieder aus der »Mottenkiste« holte. Damit steht die GDL keineswegs alleine.

Die Vereinigung Cockpit (VC), die als Berufsgewerkschaft die Interessen der Piloten bei der Lufthansa und anderen deutschen Airlines vertritt, strebt eine Reduzierung der Arbeitsbelastung an. Entsprechende Regelungen stehen im Manteltarifvertrag, der unter anderem Gegenstand der laufenden Verhandlungen ist. Allerdings lassen sich bei den Piloten schwerlich wöchentliche Flug- beziehungsweise Arbeitszeiten regeln. Darum strebt VC an, dass die maximale Flugzeit pro Schicht zehn Stunden nicht überschreiten darf und vor dem nächsten Start mindestens zwölf Stunden Ruhezeit liegen. Für viele Interkontinentalverbindungen würde dies den Einsatz eines dritten Piloten im Cockpit notwendig machen, was die Airlines aus Kostengründen vermeiden wollen. Im Jahr 2016 sollen neue europäische Regelungen in Kraft treten, die die von VC geforderten Standards nicht erfüllen.

Bei der Gewerkschaft beruft man sich vor allem auf medizinische Erkenntnisse, aus denen sich eine Gefährdung der Flugsicherheit bei überlangen Flugzeiten ableiten ließe, so VC-Sprecher Markus Wahl gegenüber »nd«. Das Problem sei dabei weniger die Lufthansa selbst, mit der man in Fragen der Arbeitszeit wahrscheinlich zu vertretbaren Ergebnissen kommen könne, wenn der Gesamtkonflikt um Vorruhestandsvergütungen und die Ausgliederung von Arbeitsplätzen beigelegt sei. Doch bei Eurowings, der neuen Dachgesellschaft für die Billigairlines der Lufthansa, sehe das anders aus. Diese sei in Österreich angesiedelt und das Management habe bereits angekündigt, sich bei den Arbeits- und Flugzeiten der Piloten an europäischen Minimalstandards orientieren zu wollen. Genau deswegen wende man sich auch so vehement gegen die weitere Ausgliederung von Lufthansa-Arbeitsplätzen, so Wahl, denn diese dienten vor allem der Aushöhlung deutscher Sozialstandards.

Für die Ärztegewerkschaft Marburger Bund (MB) sind Arbeitszeitfragen ebenfalls zentraler Bestandteil der Tarifpolitik. Allerdings ließe die medizinische Versorgung kein »striktes Arbeitszeitregime wie in anderen Bereichen zu«, so Stefan Pohlmann vom Referat Verbandskommunikation des MB gegenüber »nd«. Zentrales Problem sei der Personalmangel an vielen Kliniken, und dies betreffe nicht nur den ärztlichen, sondern auch den pflegerischen Bereich. Zwar habe man in den vergangenen Tarifverhandlungen eine Reduzierung der tatsächlichen Arbeitszeit unter Einbeziehung der Bereitschaftsdienste und die Verkürzung des Berechnungszeitraums für die Referenzarbeitszeit von zwölf auf sechs Monate vereinbaren können, viele Kliniken würden diese Vorgaben aber »schlicht ignorieren«.

Betriebsräte und Mitarbeitervertreter seien dem Druck der Klinikleitungen oft nicht gewachsen, daher fordert MB von den staatlichen Aufsichtsbehörden »in einem deutlich spürbareren Maße als bisher ihren Überwachungs- und Sanktionspflichten im Hinblick auf die Arbeitszeitgestaltung an Krankenhäusern nachzukommen«, so Pohlmann. Auch in kommenden Tarifrunden werde die Arbeitszeitgestaltung eine zentrale Rolle spielen, zumal immer mehr Mitglieder eine Reduzierung der Belastung möglichen Zuverdiensten durch Mehrarbeit vorzögen. Angesichts der Blockadehaltung vieler Klinikbetreiber werde dabei »sanfter Druck« notwendig sein.

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