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Großes Lob vom großen Nachbarn

24 Jahre nach dem letzten Ostderby bezwingt Erstligaaufsteiger SC DHfK Leipzig die favorisierten Handballer aus Magdeburg

  • Von Ullrich Kroemer, Leipzig
  • Lesedauer: 5 Min.
»Perspektivisch hat Leipzig ähnliche Möglichkeiten wie wir«, sagt Magdeburgs Manager Schmedt nach der Niederlage gegen den SC DHfK.

Bereits neun Minuten vor Abpfiff hielt es die Zuschauer in der Arena Leipzig nicht mehr auf den Plätzen. Der Großteil der 5500 Fans spürte, dass im wiederbelebten Ostduell zwischen Erstligaaufsteiger SC DHfK und dem SC Magdeburg ein Signal von den Rängen nötig war, um die kleine Handballsensation wahr werden zu lassen. Mit fünf Toren hatte der Underdog aus Leipzig nach einer Dreiviertelstunde bereits gegen den haushohen Favoriten geführt, ehe der SCM in den letzten zehn Minuten richtig ins Spiel fand. Das Leipziger Männerhandball-Publikum, das sich genau wie das Team auf dem Parkett noch in der neuen Liga akklimatisieren muss, veranstaltete plötzlich einen »Höllenalarm«, wie es DHfK-Geschäftsführer Karsten Günther später beschrieb.

Als dann Linksaußen Marvin Sommer den entscheidenden Treffer zum 26:25 (12:11) - sein elfter (!) an diesem Abend - per Aufsetzer im Magdeburger Tor versenkte, gab es kein Halten mehr. Der Überraschungscoup war perfekt. Spieler und Verantwortliche des SC DHfK Leipzig tanzten in einem ekstatischen Knäuel auf dem Spielfeld Pogo. »Ich habe gar nicht gewusst, dass die Zeit gleich um ist, nicht mehr groß nachgedacht, sondern einfach abgezogen«, sagte Sommer nach der eruptiven Jubelorgie atemlos. »Ich hatte heute einfach ein gutes Gefühl, da geht es automatisch, dass man die Lücke sieht und den Ball rein macht.«

Karsten Günther ist auch am Morgen danach noch euphorisiert. »Das war ein super emotionales Erlebnis, vielleicht das intensivste Spiel, das wir bisher hatten«, sagt Leipzigs Handballmacher. »Ein Sieg in diesem Duell ist für alle Riesenmotivation und Kraftschub.« Nach dem Erfolg zum Ligastart gegen Hamburg sei der Triumph im Prestigeduell »noch mal eine andere Hausnummer« gewesen.

Für die Gäste aus Sachsen-Anhalt hingegen kam der Auftritt einer Blamage gleich. Nachdem sich der höfliche isländische Trainer Geir Sveinsson noch recht moderat über die Leistung seine Mannschaft geäußert hatte, schnappte sich auf der Pressekonferenz plötzlich Steffen Stiebler das Mikrofon. Der 1,97-Meter-Hüne hatte einst 20 Jahre lang für den SCM in der Abwehr aufgeräumt und ist nun auch als Sportlicher Leiter kompromisslos. »Das war heute 50 Minuten lang Leidenschaft gegen Überheblichkeit«, urteilte er. »Wir sind extrem enttäuscht.«

Stiebler war selbst auf dem Feld dabei gewesen, als vor 24 Jahren das letzte Duell zwischen Leipzig und Magdeburg bei einem Ligaspiel stattfand. Die Partie in der letzten Saison der DDR-Oberliga 1991 endete 23:18 für die Sachsen, Magdeburg feierte den letzten Meistertitel. Zwar hatte sich auch der damalige SC Leipzig für die erste gesamtdeutsche Spielzeit 1991/92 qualifiziert, startete aber in der Staffel Süd. Danach drifteten die Wege der beiden Kontrahenten endgültig auseinander. Während die Leipziger in die 2. Liga abstiegen und sich in den Nachwendewirren 1995 auflösten, setzte der SCM seinen Siegeszug auch in der Bundesliga und im Europapokal fort. Als die Magdeburger Titel feierten, traten jahrelang nur Breitensportteams im Trikot des einstigen Europapokalsiegers SC DHfK an.

Das änderte sich 2007, als die Clique um den damaligen Sportstudenten und heutigen Geschäftsführer Karsten Günther begann, den schlafenden Riesen zu wecken. Bei einem Praktikum in der Handballabteilung des FC Barcelona reifte in Günther die Idee, Ähnliches auch in Leipzig aufzubauen und den SC DHfK wiederzubeleben. Dass der Klub acht Jahre später in der Bundesliga Siege gegen Hamburg und Magdeburg einfährt, ist ein modernes Handballmärchen.

Auch beim Gegner SCM erkennen sie die Arbeit der Leipziger um Geschäftsführer Günther, Trainer Christian Prokop, Manager Maik Gottas und Galionsfigur Stefan Kretzschmar an. »Leipzig ist eben kein Retortenklub, sondern hat sich über Jahre kontinuierlich entwickelt«, lobte SCM-Geschäftsführer Marc-Henrik Schmedt. Zwar hat der SCM dem kleinen Nachbarn eine 25-jährige Erfolgsgeschichte voraus und somit neben Siegermentalität und Selbstverständnis auch wirtschaftlich eine deutlich bessere Position. Doch ähnlich wie die Leipziger müssen sich auch die Magdeburger ihren Etat von kolportierten sechs Millionen Euro pro Jahr hart erarbeiten. Wie auch bei den Sachsen gibt es keinen vermögenden Mäzen oder Förderer. Stattdessen zählt der SCM auf eine breite Basis an Unterstützern. Weil sich kein potenter Hauptsponsor findet, der in der Lage ist, die nötige Summe allein zu stemmen, haben Schmedt & Co. 17 verschiedene Firmen unter der Dachmarke »Wir für Magdeburg« versammelt, die jeweils ein Heimspiel pro Saison präsentieren. So kann sich der Vorjahresvierte trotz eines vergleichsweise strukturschwachen Umfelds auch in punkto Etat im vorderen Tabellendrittel bewegen. Schließlich hat der wiedererstarkte SCM die Ambitionen, mit einer »Mischung aus Nachwuchs und Erfahrung« (Schmedt) konstant um die Plätze vier bis sechs mitzuspielen.

Und auch der SC DHfK wächst mit viel Herzblut und erfolgreicher Arbeit weiter kontinuierlich, »damit solche Momente wie gegen Magdeburg keine Eintagsfliege bleiben, sondern wir uns dauerhaft in der ersten Liga etablieren können«, sagt Günther. Da die bestehende Sponsorenschaft von etwa 140 Firmen ihr Engagement mit dem Aufstieg im Sommer um etwa 20 Prozent gesteigert hat und 20 neue Unterstützer dazugekommen sind, konnte der Etat von 1,5 auf 2,3 Millionen Euro angehoben werden. Derzeit ist der Klub drauf und dran, die sportliche Nummer zwei hinter Krösus RB Leipzig in der Messestadt zu werden. »Das ist für uns Ansporn, da wir diesen Status brauchen, um weitere Zuschauer und Sponsoren anzulocken«, sagt Günther. Auch Schmedt glaubt: »Perspektivisch hat Leipzig ähnliche Möglichkeiten wie wir.«

Vor ihrer Premiere in der oft beschworenen stärksten Liga der Welt haben die Leipziger gar nicht allzu viel verändert. Neben einigen Neuverpflichtungen vor allem im Rückraum wurden in der Geschäftsstelle anderthalb neue Stellen für Marketing und Ticketing geschaffen. Mehr war nicht nötig, da die Strukturen bereits zuvor in der 2. Liga ausgebaut worden waren. Die Startbilanz mit zwei Siegen aus vier Spielen, allesamt gegen favorisierte Teams, gibt den Leipzigern recht.

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