CDU übt sich bunter und urbaner

Christdemokraten können bei Kommunalwahl in NRW drei bedeutsame Oberbürgermeister-Posten hinzugewinnen

Am Sonntag findet der erste Wahlgang in Nordrhein-Westfalen statt: In sechs der zwanzig größten Städte Deutschlands wird der Oberbürgermeister neu bestimmt. Die CDU könnte ein Comeback feiern.

Begeisterung mag zunächst nicht so recht aufkommen im Brauhaus »Dampfe« in Essen-Borbeck. Thomas Kufen ist einfach kein mitreißender Redner, er inszeniert sich als realistischer Pragmatiker in Zeiten leerer Stadtkassen. Bei Dampfbier und Apfelradler redet der Wahlkämpfer von der heimischen Energiewirtschaft, der Gesundheitsindustrie und von mehr Jobs. Über Entbürokratisierung, Ehrenamt und Einbruchsserien. Und von der besseren Integration von Flüchtlingen: Man sollte Turnhallen allein schon deshalb nicht mit Flüchtlingen belegen, weil Flüchtlinge über den Sport integriert werden sollten. Und für Sport brauche es leere Turnhallen, meint der Noch-Landtagsabgeordnete.

Fremdenfeindliche Töne und markige Law-and-Order-Parolen sind Kufen fern, er sieht sich lieber als sanfter Macher, der sich mit den Chefs libanesischer Problem-Clans zusammensetzt und ihnen nüchtern darlegt, warum man in Deutschland keinen Revolver zur Hochzeitsfeier mitbringen müsse. Nun johlen die 50 Zuhörer. Einmal nimmt der Mann mit der lila-farbenen Krawatte positiven Bezug auf die Kämpfe der feministischen Bewegung. Seine Homosexualität erwähnt der Sohn eines mittelständischen Unternehmers beiläufig: Er urlaube mit »meinem Partner« gerne in Istanbul.

Der der ehemalige Integrationsbeauftragte der Landesregierung gilt als lokaler Hoffnungsträger einer bunter gewordenen CDU, er soll den Oberbürgermeister-Posten für seine Partei zurückerobern in der immer noch ökonomisch wichtigen Stadt Essen. In Umfragen liegt er bei 37 Prozent, Amtsinhaber Reinhard Pass, SPD, werden 42 beschieden. »Ich gehe davon aus, dass es zu einer Stichwahl kommen wird«, sagt Kufen. Doch da ist mehr drin.

Die CDU sei in urbanen Milieus abgemeldet, so war in den letzten Jahren immer wieder zu lesen. Die Partei entspreche einfach nicht dem großstädtischen Lebensgefühl. In keiner Metropole mit mehr als 400 000 Einwohnern stellt die Merkel-Partei noch den Oberbürgermeister, nachdem zuletzt Frankfurt, Düsseldorf und Dresden verloren gingen.

Nimmt man die 20 einwohnerreichsten Städte zum Maßstab, so schaut es ein wenig besser aus: In Wuppertal (Platz 17) und Münster (Platz 20) stellt die CDU den obersten Repräsentanten, der zugleich als Verwaltungschef firmiert. Auch in diesen beiden NRW-Städten steht am Sonntag eine Neuwahl des Oberbürgermeisters an, während in vielen anderen Kommunen bereits 2014 gewählt wurde.

Wuppertals Peter Jung und Münsters Markus Lewe werden wohl ihr Amt verteidigen. Jung, der zwei Milliarden Euro Schulden verwaltet und der mit Wuppertals Einnahmen nicht einmal mehr die Pflichtausgaben tätigen kann, gilt dem »Deutschlandfunk« gar als »Großstadt-König seiner Partei«. Seine Hoheit könnte nun Konkurrenz bekommen.

Nicht nur Essen könnte kippen. Auch in der einstigen Bundeshauptstadt Bonn stehen die Chancen nicht schlecht für den neuen Mann der CDU. Der heißt Ashok-Alexander Sridharan und hat indische Wurzeln. In Köln wird wegen einer Stimmzettelpanne erst am 18. Oktober gewählt. Henriette Reker, parteilos und derzeit noch Sozialdezernentin auf grünem Ticket, wird auch von der CDU unterstützt. Und von der FDP. Die Schwarz-Grün-Gelbe ist laut Demoskopen die aussichtsreichste Kandidatin für die Nachfolge des SPD-Mannes Jürgen Roters.

»Ja, die CDU kann in Städten gewinnen«, betont Bodo Löttgen, Generalsekretär der CDU in NRW, gegenüber »nd«. Sie stelle ja bereits einige Oberbürgermeister oder oft die stärkste Ratsfraktion trotz SPD-OB, so wie in Düsseldorf. Nun will Löttgen drei Oberbürgermeister-Posten dazu gewinnen.

Essen, Bonn, Köln - die Rechnung könnte aufgehen. Dann würden fünf der 20 größten Städte Deutschlands von einem Christdemokraten oder einer Frau mit CDU-Unterstützung regiert.

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