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Freihandel nur auf Augenhöhe

Ökonom Hermann Adam über Vorteile der Starken, Chinas Weg und das TTIP-Abkommen

Gerade ist die 16. Auflage des Lehrbuchs »Bausteine der Wirtschaft« erschienen, eines der erfolgreichsten einführenden Ökonomie-Lehrbücher auf dem deutschen Markt. Autor ist der Wirtschafts- und Politikwissenschaftler Hermann Adam. Mit dem 67-Jährigen, der am Otto-Suhr-Institut der Freien Universität Berlin lehrt, sprach Hermannus Pfeiffer.

Kanzlerin Angela Merkel hat während ihrer Haushaltsrede vergangene Woche für das transatlantische Freihandelsabkommen TTIP geworben. Lassen wir politischen Bedenken mal beiseite: Kann freier Handel für die Beteiligten grundsätzlich mehr Wohlstand bringen?
Auf jeden Fall. Das zeigt die ganze Wirtschaftsgeschichte. Je mehr Länder miteinander handeln, um so mehr können sie sich auf die Produkte spezialisieren, bei denen sie kostengünstig produzieren können - und importieren dann Waren und Dienstleistungen, bei denen die anderen Länder besser sind.

Sie geben also Klassikern wie David Ricardo Recht, der vom Nutzen des Handels überzeugt war: Wenn Portugal sich auf den Anbau von Wein konzentriert und England auf die Produktion von Tuch, hätten beide Seiten etwas davon.
Das ist vom Grundsatz her richtig.

200 Jahre später: Konnten Sie diese »komparativen Kostenvorteile« konkret feststellen?
Ja. Diese positive Entwicklung hat stattgefunden. Aber nur bei Ländern, die eine ähnlich gute Wirtschaftskraft hatten, nicht aber zwischen reichen und armen Ländern.

Und Ricardos klassisches Beispiel?
Es hat nicht so funktioniert, weil England wirtschaftlich überlegen war.

In den letzten Jahren wurden aber sehr viele bilaterale Freihandelsabkommen zwischen Starken und Schwachen abgeschlossen.
Freihandel funktioniert insbesondere dann nicht, wenn der Schwache auf Exporte angewiesen ist, die der Starke auch woanders kaufen kann. Beziehen wir das auf das Verhältnis Industrieländer/Dritte Welt und denken an Afrika: Kaffee kann man auch woanders beziehen, Bananen auch. Aus Brasilien beispielsweise.

Sie halten es also mit Friedrich List - der deutsche Ökonom trat für Zollschranken ein, mit denen wirtschaftlich schwächere Länder ihre heimische Wirtschaft schützen …
... und eigene Industrien aufbauen mit der Perspektive, eines Tages auf Zollschranken verzichten zu können.

China folgte den Ratschlägen Lists und schützt die heimische Wirtschaft mit Zollschranken, die man nach und nach öffnet. Ein Vorbild für andere Schwellenländer?
Ja und nein. Kleine Schwellenländer werden es schwer haben, da mitzuhalten. Wenn man andererseits daran denkt, wie gut sich Korea entwickelt hat, hätten wir ein weiteres Beispiel für eine erfolgreiche Zollpolitik.

Wäre es nicht zweckmäßig, wenn die schwächeren Länder miteinander Freihandel betrieben, um komparative Kostenvorteile zu entfalten?
Was die weniger entwickelten Länder brauchen, sind industrielle Erzeugnisse. Die haben sie nicht. Es bringt nichts, Bananen gegen Apfelsinen zu »tauschen«. Schon das alte Beispiel Ricardos zeigte keine nachhaltige Wirkung - die einen hatten lediglich Nahrungsmittel, die anderen ein industrielles Produkt. Es funktioniert vor allem nicht, wenn es unter den Rohstoffanbietern viel Konkurrenz gibt, die es bei hochwertigen Industriewaren so nicht gibt: »Made in Germany« ist einfach nicht zu schlagen.

Man muss von seiner Arbeit leben können.
Das ist ein anderes Problem. Wenn es zu Freihandel kommt, wirbelt dies die Arbeitsmärkte durcheinander. Handel führt zu einer weiteren Spezialisierung und Arbeitsteilung - in manchen Bereichen wird Arbeit wegfallen, in anderen werden Arbeitsplätze dazukommen. Das wusste schon Ricardo. Es gibt vorübergehend Probleme, seit wir internationalen Handel haben und dadurch Strukturwandel.

Schwarz-Weiß - hier Freihandel, dort Schutzzölle - muss also differenziert werden.
Das Verhältnis müsste man eigentlich ständig neu justieren. Weil sich die Produktivitäten in allen Ländern ändern und damit auch die Wettbewerbsfähigkeit.

Könnte TTIP, gut gemacht, Europa und USA mehr Wohlstand bringen?
Könnte es. Wenn man es gut macht, heißt das für mich, man konzentriert sich sehr stark auf die Vereinheitlichung der Normen für die Produkte, um die »nichttarifären« Handelshemmnisse zu beseitigen. Wie die Lichter an den Pkw angebracht werden, darauf kann man sich schon verständigen. Das könnte tatsächlich einen großen Schub bringen. Auf anderes kann man sich dann eben nicht verständigen, etwa die Qualität von Lebensmitteln. Das lässt man besser raus beim TTIP.

Freihandel bietet also Chancen für Wohlstand und birgt große Gefahren.
Wie überall in der Wirtschaft: Konkurrenz ist im Prinzip gut. Aber man muss das alles staatlich kontrollieren, steuern und ein Auge darauf haben.

Belastet der weltweite Handel nicht auch unsere Umwelt?
Und ob! Die Transporte der Waren rund um den Erdball erzeugen enorme Umweltschäden. So sollten wir uns schon überlegen, ob wir wirklich auch Rindfleisch und Wein aus Neuseeland importieren. Aber wenn die Neuseeländer unsere Autos fahren möchten, müssen sie uns im Gegenzug etwas anbieten, was wir ihnen abkaufen können. Da ist neuseeländisches Rinderfilet und ein neuseeländischer Rotwein dazu für die wohlhabenden Deutschen schon passend.

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