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Ruf der Wildnis

Das DDR-Nationalparkprogramm von 1990 ist eine Erfolgsstory - auch wenn es Konflikte gibt

Vor 25 Jahren - am 12. September 1990 - wies die letzte DDR-Regierung 4,5 Prozent ihres Territoriums als Großschutzgebiete aus. Heute sind sie Rückgrat des Naturtourismus. Doch es gibt auch Kritik.

Greifswald. Vor den Kreidefelsen auf Rügen glitzert die Ostsee türkisfarben. Auf dem Kliff, das sich senkrecht am Ufer erhebt, rauschen alte Buchen im Herbstwind. Die wildromantische, geheimnisvoll anmutende Landschaft der Rügener Kreideküste, die bereits vor 200 Jahren den Maler Caspar David Friedrich faszinierte, ist heute Kern des Nationalparks Jasmund. Es ist der kleinste und zugleich einer der meistbesuchten Nationalparks in Deutschland.

Mit Beschluss vom 12. September 1990 besiegelte die DDR-Regierung kurz vor ihrem Ende für 4,5 Prozent ihres Territoriums einen besonderen Schutzstatus: Als »Tafelsilber der deutschen Einheit« gingen fünf Nationalparks, sechs Biosphärenreservate sowie drei Naturparks zwischen Ostsee und Thüringen in der vereinigte Deutschland ein. »Das Nationalparkprogramm ist eine Erfolgsgeschichte«, zieht der Initiator des Programms, der Greifswalder Michael Succow, Bilanz. Alle Bundesländer hätten das Programm weitergeführt und um Flächen erweitert. In Brandenburg seien heute 34 Prozent der Landesfläche Schutzgebiete, in Mecklenburg-Vorpommern 24 Prozent.

Der Nationalpark Harz ist heute ganz und gar nicht mehr das, was er vor 25 Jahren war: Der auf Beschluss der DDR-Volkskammer gegründete Nationalpark Hochharz auf sachsen-anhaltinischer Seite fusionierte 2006 mit dem 1994 in Niedersachsen eingerichteten Nationalpark Harz. Damit entstand vor bald zehn Jahren der neue Nationalpark Harz mit einer Fläche von rund 25 000 Hektar - das sind rund zehn Prozent der Gesamtfläche des Harzes.

Auch im Spreewald in Brandenburg ziehen Naturschützer eine sehr positive Bilanz: Die Region ist als Biosphärenreservat ausgewiesen, was Naturschutz ermögliche - »aber nicht unter Ausschluss des Menschen«, wie BUND-Naturschutzreferent Axel Heinzel-Berndt sagt.

Succow, im Jahr 1990 war er stellvertretender Umweltminister der DDR, gilt als Vater der Nationalparks. Auf sein und das Betreiben von Gleichgesinnten hin stellte die Modrow-Regierung zwei Tage vor den ersten freien Wahlen am 18. März 1990 mit ihrer letzten Verfügung ausgediente Truppenübungsplätze, Grenz- und Staatsjagdgebiete vorläufig unter Naturschutz. »Wir hatten ein kleines Zeitfenster in einem nicht gefestigten System. Das hat uns ungeheure Freiräume eröffnet«, erinnert er sich.

Kritik übt Succow heute am Freistaat Sachsen. Der Nationalpark Sächsische Schweiz sei dem Landesforst - einem Produktionsbetrieb - unterstellt. »Der Nationalpark ist damit dem Produktionsdiktat unterworfen.« Am konsequentesten würden die Schutzziele heute in Mecklenburg-Vorpommern umgesetzt, ist Succow überzeugt.

Mit drei Nationalparks, drei Biosphärenreservaten und sieben Naturparks ist der Nordosten »die grüne Lunge Deutschlands«, meint Mecklenburg-Vorpommerns Umweltminister Till Backhaus (SPD). Er sieht deshalb auch andere Bundesländer in der Pflicht, spricht sich für einen ökologischen Finanzausgleich - eine Art »Grünen Soli« - aus.

Die wilden Flächen im Nationalpark Sächsische Schweiz sind seit der Gründung stetig gewachsen, heißt es aus Sachsen. Handelte es sich 1990 laut Nationalparkverwaltung nur bei etwa 34 Prozent der Fläche um naturnahe Waldbereiche, seien es heute mehr als die Hälfte der Wälder, sagte Nationalparksprecher Hanspeter Mayr. Er spricht von einer »sehr hohen Besucherdichte, für die der Nationalpark auch schon einmal bundesweit kritisiert werde«.

Die Großschutzgebiete gelten heute als das Rückgrat für den Naturtourismus. Succow sieht darin einen »großen Gewinn für die Wertschöpfung vor Ort«. Einer Untersuchung der Universität Würzburg zufolge sind rund 12 200 Arbeitsplätze durch den Naturschutz in den drei Nationalparks Mecklenburg-Vorpommerns und dem Biosphärenreservat Schaalsee entstanden. Jährlich erbringen demnach allein in den Nationalparks des Nordostens über 5,8 Millionen Besucher einen Umsatz von rund 360 Millionen Euro.

Dennoch kommt es immer wieder zu Konflikten. In Sassnitz nahe der Rügener Kreideküste machen Anwohner den Nationalparkstatus mitverantwortlich für Hangabbrüche, weil es keine gezielte Entwässerung mehr gibt - Vorwürfe, die die Nationalparkverwaltung zurückweist. Auch im Nationalpark Müritz kommt es immer wieder mal zu Unmut, weil Windbruch über Jahre hinweg liegen gelassen wird. dpa/nd

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