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»Tief Ilse« über Bitterfeld

Dirk Laucke über einen Abiturienten ohne Studienplatz und einen Vater, der Briefe nach Chile an Margot Honecker schreibt

  • Von Irmtraud Gutschke
  • Lesedauer: 4 Min.

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Rekordniederschläge und Hochwasser - »Tief Ilse« gab es wirklich. Dem Abiturienten Phillipp aus dem Roman von Dirk Laucke bringt es wenigstens den Vater ein Stück näher. Andererseits …

Wie erzählt man von einem Jungen, der zur Kunsthochschule will, dessen größtes Talent jedoch im Moment darin besteht, »freie Zeit mit Nichtstun totzuschlagen«? Das sei die einzige Übung, die er in seinem Leben »mit Bravour« absolviert habe, meint Phillipp, »und ich würde nicht ohne Stolz behaupten, es darin zu einer Art Meisterschaft gebracht zu haben«. Davon zu erzählen, dazu noch aus der Ich-Perspektive, dazu eignet sich am besten ein sarkastischer Ton.

Nun ist Dirk Laucke, 1982 in Schkeuditz geboren, kaum älter als sein »Held«, doch darf man ihn bereits einen erfolgreichen Dramatiker nennen, der sogar schon mehrere Preise erhielt. Aber wer weiß, vielleicht gab es vorher auch bei ihm so eine Phase mit »Abhängen und Grübeln«. Wer weiß.

Welche autobiografischen Erfahrungen auch hineingeraten sein mögen, dies ist natürlich ein fiktiver Text, mit einem überzeugenden Charakter, das sei hinzugefügt. Dirk Lauckes Stücke handeln ja ebenfalls von Menschen in schwieriger Lebenslage, die selbst, wenn sie darin stecken bleiben, ihre Träume haben. So kommt auch Phillipp einem nahe, der sich nach des Autors Willen ganz direkt an die Leser wendet. Als ob wir an seiner Seite wären, spricht er unbefangen von sich. Die Sprache: unverblümt direkt und schnoddrig, wie kann es anders sein. Denn da begehrt einer auf - trotzig, dann wieder traurig, voller Ängste und Befürchtungen, mal niedergedrückt, dann wieder selbstbewusst. Von diesem Auf und Ab der Stimmungen lebt das Buch - und von einem Einfall, zu dem man dem Autor nur gratulieren kann: »Mit sozialistischem Grusz« wendet sich Hermann F. Odetski, Phillipps Vater, an Margot Honecker.

Das »ß« funktioniert nicht auf seiner alten Schreibmaschine »Erika«, und auch sonst macht er manche Fehler, ungelenk sein Stil, aber er muss sich etwas von der Seele schreiben. Glaubt er wirklich, dass aus Chile Antwort kommt, da er nicht einmal die Adresse weiß?

Der Sohn soll sich kümmern. Er verdächtigt ihn, zu Recht, den Brief (es wird noch ein Päckchen gepackt), nicht abgeschickt zu haben. Phillipp liest die Ergüsse seines Vaters, klaubt sogar noch die weggeworfenen Entwürfe aus dem Müll. Er liest von des Vaters Ängsten, dass er, der Sohn, in Langeweile versinkt, dass er seinen Weg nicht findet, weil niemand ihm hilft. Damit muss er sich auseinandersetzen und macht sich seinerseits Sorgen um den Vater, der ebenfalls ohne Arbeit ist, einsam noch dazu. Denn die Mutter ist schon Anfang der 90er mit einem roten Polo gen Bayern abgerauscht, wo sie eine Anstellung und offenbar auch einen neuen Mann gefunden hat. Phillipp war 13, als er von der Mutter zurückgelassen wurde. Misere, Melancholie.

Bitternis in Bitterfeld - es ist ein politisches Buch, weil es die Folgen des ostdeutschen Umsturzes vor Augen führt. Es ist ein Buch voller Menschlichkeit, weil der Autor sich den Verlierern zugesellt. Der dreifachen Mutter Jutta zum Beispiel, die mit Phillipp in eine »Maßnahme« gezwungen ist und deren Kinder oft krank sind. »Wie wollen sich deine Kinder in der Welt, ich sag mal, wohl fühlen, sag ich mal, wenn die als Stifte schon sehen, wie alle Schiss haben, dass der Betrieb ja nicht krachen geht, dass die Stütze nicht gestrichen wird, dass der Vater den Unterhalt nicht zahlt …« Ein starker Satz des ABM-Kollegen Thilo. Da merkt man schon auf Seite 27: Dirk Laucke will auf Grundsätzliches hinaus.

Und wie geht es weiter mit Margot Honecker? Der Vater erhält einen Antwortbrief, der es in sich hat, und man sieht, wie klug dieser Phillipp ist und wie der Autor das Bitterfeld von heute mit dem von damals in Beziehung bringt. Und wie geht es weiter mit Nicole, die Phillipp geküsst hat, doch dann ist er weggelaufen? Ein billiges Happy End hat Dirk Laucke sich nicht gestatten wollen.

Dirk Laucke: Mit sozialistischem Grusz. Roman. Rowohlt. 208 S., br., 10,99 €.

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