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Ich will hier mit dir glotzen

Der Poet Sebastian Krämer stellt heute im Heimathafen Neukölln seine neuen Lieder vor

Der Chansonnier, Pianist und Poet Sebastian Krämer gehört nicht zu den hiesigen austauschbaren Kabarettbeamten. Auf seinem neuen Album erzählt er in seinen Liedern mal melancholische, mal zärtlich-sardonische Geschichten.

Auf Fotos sieht Sebastian Krämer mit seiner eigenwillig gebundenen Krawatte, seinem Jackett und seiner adrett zurechtgewuschelten Frisur ein wenig aus wie ein Mitglied der Spießerpopgruppe Spandau Ballet oder wie einer von den schnöseligen Jünglingen aus der Jungen Union, die einem damals, in der westdeutschen Provinz in den 80er Jahren, als Ausbund der Scheußlichkeit erschienen. Doch Krämer, 39 Jahre alt, könnte geistig nicht weiter entfernt sein von den Lackaffen und Bütteln des CDU-Regimes. Er ist ein ernstzunehmender, sensibler Künstler.

Schon als Schüler stand er regelmäßig auf der Bühne. Er sei, so meint der »Tagesspiegel« in seiner die Dinge wahlweise verkennenden oder banalisierenden Art, »einer der besten Musikkabarettisten des Landes«. Das aber ist ein weit verbreitetes Missverständnis. Zwar erhielt Krämer vor drei Jahren den Deutschen Kabarettpreis und man bescheinigte ihm »subtil-boshaften Humor, verpackt in wunderschöne Melodien«, doch ein Kabarettist im herkömmlichen Sinn ist er eben nicht. Krämer hat nichts gemein mit den Schießbudenfiguren und Schwachdenkern, die mit ihrem faden Klamauk und ihren Huldigungsadressen an die SPD das deutsche Abendprogramm verstopfen.

Krämer ist ein echter Poet, einer, der aufrechten Sinnes ist und vermutlich reinen Herzens. Er »ist Dichter, weil es für ihn keine andere von der Gesellschaft geduldete Daseinsform gibt, zumindest nicht außerhalb der Staatsgefängnisse und Landeskrankenhäuser« (Lisa Politt).

Er ist ein Aufklärer, der die Lethargie vernunftloser Kreaturen anklagt wie einst Voltaire anlässlich des Erdbebens von Lissabon das Wüten einer vernunftlosen Natur: »Deutschlehrer! / Ihr hättet Bushido verhindern können! / Und Xavier Naidoo! / Ihr hättet es verhindern können! / Wer, wenn nicht ihr, Deutschlehrer? / An euch wäre es gewesen zu sagen: ›Das reimt sich nicht! Das sind schiefe Bilder! Das ist ja gar kein vollständiger Satz!‹«

Die scharfe Anklage des Chansonniers Sebastian Krämer gegen die Deutschlehrer, das »Abführmittel der Kultur« (Krämer), und deren geistig-moralisches Versagen dürfte eine seiner bekanntesten Kompositionen sein. Mit diesem Stück hat der vielfach mit Preisen überhäufte Dichter und Pianist, der sich meist selbst am Flügel begleitet, bewiesen, dass er keine Angst hat, auch Themen anzupacken, die überaus heikel sind und vor denen andere zurückschrecken: »Zuhause steht Robert Musil im Regal und wurde noch nicht einmal angefangen! / Deutschlehrer! Schande über euch!«

Hier geht es nicht, wie bei all den austauschbaren deutschen Kabarettbeamten, um den mit den immergleichen schlechten Wortspielen verarbeiteten Käse (Umwelt, Bonzen, Krieg, Ungerechtigkeit usw.), sondern um wirklich wichtige Dinge: um die Ignoranz, um das fulminante Desinteresse der hiesigen Bevölkerung an Kunst, Literatur, Poesie, Philosophie, um den Verrat am Denken, an der Kultur insgesamt.

Anfang Oktober erscheint nun das neue Werk des Ausnahmetalents, die »Lieder wider besseres Wissen«, die, was Stil und Machart angeht, auch an die Lieder Georg Kreislers denken lassen.

So hören wir etwa bisher unausgesprochene Wahrheiten über den Terror der Verwandtschaft (»Wenn dir nichts auf der Welt auf die Nerven fällt / Dann fehlt dir wahrscheinlich ein Bruder«) oder werden am Beispiel Leipzigs auf die stille Schönheit des städtebaulichen Verfalls hingewiesen (»Drei Straßen weiter waltet längst der Westen / Mit Joop und Gucci bis zum Bahnhof rauf / Ich hab’s mir anders überlegt, am besten / Baut ihr Leipzig doch nicht wieder auf«).

Oder »100 Schritte«, ein kämpferisches Lied gegen den Irrsinn des sinnlosen Herumreisens und Weltbeglotzens, gegen die grundblöde Daueraktivität des Weltenbummlers und selbsternannten Abenteurers. Es ist als Plädoyer für den intimen Kulturgenuss in den eigenen vier Wänden zu verstehen, als stolzes Bekenntnis zum Leben als »Sofakartoffel«, für das bloß läppische hundert Schritte zur nächsten Videothek erforderlich sind, die man auch im Pyjama zurücklegen kann und für die man »kein Trekking-Equipment« benötigt: »Und wenn andere mit Familie nach Norwegen radeln, an den Nil oder die Cote d’Azur / Will ich hier mit dir glotzen, geh’ nur auf ’ne DVD hundert Schritte von Tür zu Tür.« Als wunderbar zuckerwattig-schmierige Ballade kommt das Lied daher, einschließlich sahnigem »Baker-Street«-Saxophonsolo.

Überhaupt lotet Krämer musikalisch das weite Feld zwischen Kunstlied und Pomp-Ballade aus. Und wer behauptet, deutsche Texte ließen sich nicht singen, ohne dass sich der Gesang wie ein kaputtes Maschinengewehr anhört, wird hier widerlegt: Krämers nuancenreiche Singstimme, mit der er seine sprachlich genau gearbeiteten, mal melancholischen, mal zärtlich-sardonischen Geschichten vorträgt, schmiegt sich sanft in das meist beschwingte Auf und Ab der mit Cello, Horn und Klarinette ausgepolsterten Klaviermelodien.

Sebastian Krämer und die gelegentlich auftretenden Schwierigkeiten: »Lieder wider besseres Wissen« (Reptiphon / Broken Silence). Das Album erscheint am 9.10. Heute, am 18.9., findet die Live-Premiere im Heimathafen Neukölln statt, Karl-Marx-Straße 141, 20 Uhr.

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