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Glück lässt sich nicht speichern

Über Missstimmungen zwischen erwachsenen Kindern und ihren Eltern

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Die 30-jährige Tochter hat ein paar Tage Urlaub genommen und ist zu ihren Eltern in die Kleinstadt gefahren, um Weihnachten zu feiern. Das Fest soll sein wie immer, auch der ältere Bruder ist da, zusammen mit seiner Frau, einer Geschiedenen, welche die Mutter nur ungern eingeladen hat, aber sonst wäre ihr Sohn eben auch nicht gekommen. Der Karpfen, den die Tradition verlangt, schmeckt ein wenig nach Moder, wie das oft bei Karpfen der Fall ist; das Gespräch will nicht so recht in Gang kommen.

Der Vater hat die Krippe aufgestellt, die der Urgroßvater auf seiner Hochzeitsreise in Oberammergau gekauft hat. Wie jedes Jahr erläutert er, dass nur brennende Kerzen am Christbaum die richtige Stimmung machen und wie absurd es sei, dass diese in Amerika verboten sind. »Nicht in Amerika«, sagt die Tochter, »in den USA!«

»Man muss eben eine Decke und eine Gießkanne mit Wasser bereitstellen«, sagt unbeirrt der Vater, wie jedes Jahr.

Am nächsten Morgen beim Abwasch sagt die Mutter zur Tochter: »Weihnachten war doch sehr schön?«

»Ich fand es etwas langweilig«, entgegnet die Tochter. Sie hat plötzlich das Gefühl, dass ihr Vorrat an freundlichen Lügen aufgezehrt ist.

»Wenn es dir nicht gefallen hat, musst du nächstes Jahr nicht mehr kommen«, sagt die Mutter erbittert. Später trösten sich die beiden: »Ich darf doch auch einmal etwas Kritisches sagen!« »Ich aber auch!«

Eine andere Mutter bringt die Doktorarbeit ihrer Tochter mit. Aufgeschlagen ist die letzte Seite mit den Danksagungen. Dort wird der besten Mutter der Welt für die aufopferndste Unterstützung gedankt, ohne die das Werk nie zustande gekommen wäre. »Das ist jetzt drei Jahre her«, sagt die Mutter bekümmert. »Und stellen Sie sich vor: Meine Tochter redet nicht mehr mit mir. Es fing damit an, dass sie mich immer nur per SMS informiert hat, wann ich den Enkel hüten soll. Ich mache das ja gerne, aber ich finde etwas persönliche Ansprache normal. Wenn ich das angesprochen habe, hat sie an mir vorbeigesehen und gesagt, sie hat jetzt keine Zeit. Ich wollte keinen Druck machen, sie hat ja wirklich viel zu tun mit Beruf und Haushalt, und mein Schwiegersohn ist viel auf Reisen. Aber etwas mehr Dankbarkeit hätte ich mir schon erwartet, ich habe während der ganzen Promotion die Kinderfrau gespielt, von morgens um sechs Uhr bis zum Abend, das macht doch keine bezahlte Hilfe.

Irgendwann habe ich die Geduld verloren und sie direkt angesprochen und gesagt, wir müssen reden, so geht das nicht weiter. Sie hat mich angeschaut wie ein angeschossenes Reh und ist einfach gegangen. Und dann hat mein Schwiegersohn angerufen und hat gesagt, dass meine Tochter seit einem halben Jahr in Therapie ist wegen einer Depression. Seither ist sie überzeugt, dass sie große Probleme mit mir hat, ich sei dominant und hätte sie immer kontrolliert. Was habe ich nur falsch gemacht? Bin ich eine schlechte Mutter?«

Es gibt kaum etwas Unzuverlässigeres als die menschliche Erinnerung an Beziehungen. »Du warst doch ein zufriedenes, glückliches Kind!«, sagt die Mutter. »Ich habe die alten Fotoalben durchgesehen!« »Alles vorgetäuscht«, sagt die Tochter, »ich habe dir nur keinen Kummer machen wollen, indem ich dir zeigte, wie es mir wirklich geht!«

Die Mutter würde am liebsten die Glücksmomente der Zeit mit der Tochter fortschreiben und wie das Paradiesgärtlein im mittelalterlichen Kloster immer wieder besuchen. Die Tochter hingegen kämpft um ihre Autonomie und will nichts mehr von der früheren Bewunderung, Nähe, ja Verschmelzung mit der Mutter wissen. Die Tochter trennt sich leichter dort, wo nie etwas Gutes gewesen ist - und die Mutter ist gar nicht getrennt, solange das Paradiesgärtlein unverwüstet besteht. Vielleicht tröstet es in solchen Situationen ein wenig, dass Beziehungen sich nicht nur verändern, sondern dass in diesen Fällen auch die Geschichte so lange gefälscht wird, wie die errungene Autonomie noch wackelt.

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