Die langen Schatten der Folter

Brasilianische Menschenrechtsgruppen wollen VW wegen Kollaboration mit der Militärdiktatur anzeigen

  • Von Christian Russau
  • Lesedauer: 3 Min.
Mehrere deutsche Konzerne müssen in Brasilien mit Anzeigen wegen Kollaboration mit der Militärdiktatur rechnen. Am Dienstag wird es VW treffen.

Die Verbrechen sind nicht vergessen: Das brasilianische Menschenrechtskollektiv »Memória, Verdade, Justiça e Reparação« (Erinnerung, Wahrheit, Gerechtigkeit und Reparation) wird am 22. September bei der Bundesstaatsanwaltschaft in São Paulo Anzeige gegen die brasilianische Tochter des Wolfsburger Autobauers, VW do Brasil, erstatten. Der Vorwurf: Zusammenarbeit mit Repressionsorganen der Diktatur zwischen 1964 und 1985. Neben VW sollten auch andere Konzerne angezeigt werden.

Álvaro Egea, der Anwalt des Kolletivs, machte das geplante Vorgehen gegen VW do Brasil im Rádio Brasil Atual öffentlich. Das aus Vertretern von Gewerkschaftern, sozialen Bewegungen, Menschenrechts- und Betroffenengruppen bestehende Kollektiv geht nach Ansicht seines Anwalts davon aus, dass die Bundesstaatsanwaltschaft die Anzeige formell in eine Anklage gegen den Multi überführen werde. Egea zufolge stützt sich der Vorwurf auf Aussagen Betroffener, die diese vor den Wahrheitskommissionen getätigt hatten, sowie auf in Archiven aufgetauchte Fundstücke, die die Kollaboration von VW belegen.

Lúcio Bellentani ist einer dieser Zeugen - und selbst Betroffener. Er arbeitete zwischen 1964 und 1972 bei VW als Werkzeugmacher und wurde 1972 an seinem Arbeitsplatz verhaftet. Bellentani war Mitglied der Kommunistischen Partei Brasiliens (PCB) und sagte zwischen 2012 und 2014 mehrmals sowohl vor der Nationalen Wahrheitskommission als auch vor der Munizipalen Wahrheitskommission »Vladimir Herzog« in São Paulo aus. »Ich arbeitete und es kamen da zwei Typen mit Maschinenpistole, die drückten sie mir in den Rücken, legten mir sofort Handschellen an, das war etwa um 23 Uhr. Als ich in den Raum der Sicherheitsabteilung von VW kam, fing gleich die Folter an, ich habe Prügel bekommen, musste Backpfeifen und Faustschläge einstecken«, schildert Bellentani den Tag seiner Verhaftung. Danach wurde er ins Gefängnis gebracht, wo er 45 Tage gefoltert wurde, unter anderem von Brasiliens berüchtigtstem Folterer, Sérgio Fleury.

Volkswagen do Brasil wird zudem vorgeworfen, schwarze Listen über Betriebsangestellte und Berichte über Mitarbeiter an Repressionsorgane der Militärdiktatur übergeben und als oppositionell geltende Angestellte entlassen zu haben. Dies gehe, so Anwalt Egea, aus Dokumenten hervor, die 2014 in brasilianischen Archiven gefunden worden waren. Im gleichen Jahr war auch bekannt geworden, dass VW-Mitarbeiter in den 1970er Jahren auch den Ex-Gewerkschafter und späteren Präsidenten Luiz Inácio »Lula« da Silva ausspioniert hatten.

VW war Ende Februar von der Wahrheitskommission des Landesparlaments von São Paulo zur Verstrickung von Firmen in die Militärdiktatur befragt worden. VW war neben der brasilianischen Firma Cobrasma die einzige Firma, die Vertreter zur Anhörung geschickt hatte. Über zwei Dutzend andere Firmen, darunter Nestlé, General Electric oder Daimler, hatten nicht reagiert. Der Aufsichtsratschef von Siemens, Gerhard Cromme, bekundete auf der Aktionärsversammlung Anfang 2015 sogar deutlich sein Desinteresse an Aufklärung der Firmenvergangenheit: »Uns interessiert Siemens heute!«

So ist VW einer der wenigen Konzerne, die Aufarbeitung zugesichert haben. »Es ist wichtig, dass große Konzerne wie Volkswagen, die in Deutschland viele Aktionäre haben, die diesen Prozess genau verfolgen, zur Verantwortung gezogen werden«, meint Egea. »Zuerst müssen sie ihre Fehler eingestehen, dann die Arbeiter und das brasilianische Volk um Entschuldigung bitten und zuletzt die Opfer entschädigen.«

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