Angedeutete Wangenküsse

Adam Soboczynski offeriert ein Geflecht von Beziehungsgeschichten

  • Von Irmtraud Gutschke
  • Lesedauer: 5 Min.

Der Autor leitet das Feuilleton der »Zeit«; dass man ein sprachgewitztes Buch erwarten kann, weiß man, wenn man seinen Namen auf dem Umschlag sieht. Es sei der erste Roman des Journalisten, der bereits mehrere Sachbücher verfasst habe, kündigt der Verlag Klett-Cotta an. Indes waren diese Bücher, bei Aufbau erschienen, auch schon von eher belletristisch-essayistischer Art. Zumindest zwei davon - »Die schonende Abwehr verliebter Frauen« und »Glänzende Zeiten. Fast ein Roman« - beschäftigten sich mit Beziehungsproblemen vor heutigem Großstadthintergrund.

Der Autor als genauer, humorvoll-sarkastischer Beobachter - so ist es auch hier, nur dass er sich mit seiner Person diesmal versteckt. Auch wenn der Journalist Per Heisig im Roman heimlich im Büro über »die Wirren seines Bekanntenkreises« schreibt, ein Buch, »das in kurzen Episoden das Liebesleben unserer Zeit charakterisieren soll«, ist er nicht mit Adam Soboczynski zu verwechseln. Ob hinter seinen Gestalten reale Personen stehen wie in Per Heisigs Roman, der deshalb Furore macht? Wer weiß - müssen wir’s wissen?

Eine »klassische Dreiecksgeschichte« kündigt der Verlag an, aber eigentlich ist es ein Mosaik. Der Maler Hans Weinling, Julia Gräber, die für ein Internetmagazin arbeitet, und der Architekt Sebastian, mit dem sie Schluss gemacht hat, Weinlings Tante Eva Hersohn, Kunsthistorikerin, und ihre Freundin, die Deutschlehrerin Helene Kerst: Eva bändelt mit einem spanischen Museumsdirektor an, Helen ist die geschiedene Gattin des Literaturprofessors Werner Kerst. Mit ihm hat sie einen Sohn, Mark, der mit seinem Freund in London lebt, aber auch mal in Berlin zu Besuch ist, wo es ihn in ein Krankenzimmer mit Sebastian verschlägt. Dieser bekommt E-Mails von Charlotte, einer flüchtigen Bekanntschaft aus Paris. Und dann ist da noch Julias Freundin Ellen, die sich ab und an in der Mittagspause mit Per Heisig in ein Hotel verzieht.

Mit schnellem Sex wird man im Roman verwöhnt. Aber Liebe - wahrscheinlich hat Eva Hersohn ihren verstorbenen Mann geliebt, aber Hans, Julia, Sebastian und die anderen wissen gar nicht, was das ist. Es wäre ihnen wohl auch zu anstrengend; sie würden sich nicht mehr so jung und so frei fühlen, wie sie sein wollen, wenn sie eine feste Bindung eingehen würden. Kinder? Nur der alte Professor Kerst hat einen Sohn, aber mit Mark weiß er nichts anzufangen.

Auf raffinierte Weise hat Adam Soboczynski seine Gestalten miteinander verknüpft. Beziehungsbögen, die sich überschneiden und dabei wie von einem großen Kreis umschlossen sind. Sie glauben sich in der großen, freien Welt, aber sie stecken in einem Mikrokosmos fest, um den herum ein ganz anderes Leben brodelt, das sie nicht kennen, das sie auch nicht kennen wollen, weil sie sich für etwas besseres halten.

Scharfsinnigerweise lässt der Autor schon auf den ersten Seiten Hans Weinling darüber sinnieren, was es bedeutet, keine Geldprobleme zu haben. In welche Luxussorgen sich Menschen da flüchten, hatte er bei seinen Eltern gesehen. Sein Ausweg war, die Malerei »mit dem finstersten Ernst« zu betreiben. Auch Julia ist als Unternehmertochter mit einem goldenen Löffel im Mund geboren. Sebastian stammt aus kleinbürgerlichen Verhältnissen, er schämt sich seiner Mutter, die ihn stolz ihren »Löwen« nennt, und er kämpft um seine Position im Architektenbüro.

Mit ganz feiner Ironie zeichnet Adam Soboczynski das Sittenbild jener Kreise, in denen er sich selbst bewegt. Die Zugehörigkeit hat er sich erarbeiten müssen; er ist in Torun geboren und mit seinen Eltern erst 1981 nach Deutschland gekommen. Der Vorteil: Er hat noch eine andere Welt in sich, er muss sich einfügen in seine Umgebung und kann sie zugleich von außen sehen. Man ist ihm dankbar beim Lesen, dass er das auch mitfühlend, verstehend tut. Er begibt sich nicht auf den ausgetretenen Pfad der Satire, überlässt es den Lesern, wie sie sich im einzelnen zu seinen Gestalten in Beziehung setzen wollen.

Julia, als sie noch mit Sebastian zusammen war, hatte an ihm jene für einen »Aufsteiger, der er war, nicht untypische Unsicherheit im Umgang mit ihresgleichen« beobachtet. »Wie oft und vergeblich hatte sie ihm gesagt, dass er immer der Frau zuerst die Hand zu geben habe, Wangenküsse bloß anzudeuten seien und so weiter«. Hans nun macht das alles richtig, wenn nur seine depressiven Stimmungen, sein Selbstzorn nicht wären. Er vergräbt sich in seine Tierbilder, so wie Professor Kerst in das Werk des inzwischen verstorbenen Hannes Maria Wetzlar. Und die anderen - sie schreiben irgendwas für Print oder Internet, wobei es »nicht darum ging, irgendetwas zu klären, sondern nur darum, Aufmerksamkeit zu erzeugen«.

Derlei feine Bemerkungen mag mancher gar überlesen, wenn er sich vom unterhaltsam geschilderten Spiel »Wer mit wem?« gefangen nehmen lässt. Die raffinierte Pointe, die der Verlag verspricht, suchte ich vergebens. Besser so. Die Handlung wäre dadurch ins Künstliche gekippt. So aber plätschert sie sich aus.

Irgendwann, so stellt man sich vor, werden Schicksalsschläge kommen, größere Umbrüche vielleicht auch. Bis dahin aber soll der Maskenball weitergehen, wobei die Masken oft schon so mit den Gesichtern verwachsen sind, dass sie nicht mal im Schlaf abgenommen werden können. Die Betroffenen wissen nicht, wie unecht sie wirken, während sie sich vor dem inneren Spiegel drehen und prüfend beobachten, ob sie ihrem Selbstentwurf auch entsprechen, der indes mitnichten ihr eigener ist.

Adam Soboczynski: Fabelhafte Eigenschaften. Roman. Klett-Cotta. 206 S., geb. 18,95 €.

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