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Merkels Plagiatoren

Netzwoche

  • Von Robert D. Meyer
  • Lesedauer: 2 Min.

Um die Wertschätzung geistiger Schöpfung stand es in Teilen der Gesellschaft noch nie besonders gut: Während die Allgemeinheit einerseits den Preis eines Brotes oder einer anderen physisch fassbaren Ware als kapitalistischen Sachzwang stillschweigend akzeptiert, haben es anderseits nicht greifbare, kultureller Güter schwer, auch als Leistung wahrgenommen zu werden, die in den herrschenden Verhältnissen das monetäre Überleben ihrer Schöpfer sichern.

Im Fall wissenschaftlichen Arbeitens geht es oft nicht einmal um finanzielle Leistungen, sondern lediglich um die rein formale Wertschätzung fremder Arbeit. Wer andere Autoren richtig zitiert, äußert seinen Respekt vor deren geistiger Leistung.

Seit dem Fall des Plagiators Karl-Theodor zu Guttenberg dürfte sich herumgesprochen haben, dass selbst die, die sich selbst zur geistigen Elite zählen, es mit der Wertschätzung oft nicht ernst meinen. Laut der Plattform VroniPlag, einer kollaborativen Website zur Aufdeckung wissenschaftlicher Plagiate, wurde nun auch Ursula von der Leyen erwischt. In ihrer Dissertation würden sich auf 27 von 62 Textseiten Plagiate finden, auf fünf Seiten seien sogar mehr als 75 Prozent abgeschrieben worden.

VroniPlag-Gründer Martin Heidingsfelder forderte den Rücktritt der Verteidigungsministerin, während Parteifreunde ihre CDU-Kollegin in Schutz nahmen. »Im Moment steht anderes im Mittelpunkt als irgendwelche Plagiatsvorwürfe«, sagte der stellvertretende CDU-Vorsitzende Thomas Strobl. Kulturelle bzw. wissenschaftliche Leistungen zählen in einer Partei, die selbst auf den Respekt vor Werten großen Wert legt, offenbar nicht viel. Nicht wenige in der Union wünschen sich bekanntlich den vor Jahren überführten Plagiator Guttenberg zurück.

Im akademischen Lehrbetrieb (besonders im medizinischen) liegt etwas Grundsätzliches im Argen, urteilt Joachim Müller-Jung in der FAZ. »An den Universitätskliniken stapeln sich die dürftigen fünfzig- bis sechzigseitigen Literaturrecherchen über angebliche Arzt- oder Zahnarztlegenden, reihenweise verbergen sich da Therapiewunder, die aus dem Mittelwert über sieben Patientenbetten hergeleitet wurden«, heißt es ernüchternd. Der Konflikt im Medizinstudium beginnt demzufolge nicht erst mit dem Verfassen der Abhandlung, sondern bereits mit den notwendigen Studien, deren wissenschaftliche Aussagekraft kaum einer ernsthaften Prüfung standhalten würde. Es wäre ein Wunder, wenn in anderen Fachdisziplinen nicht ähnliche Verhältnisse herrschen würden.

Wenigsten nur bei sich selbst, respektive ihrem Pressestab, bediente sich Angela Merkel. Zum 70-jährigen Jubiläum des Berliner Tagesspiegels übersandte die Kanzlerin der Zeitung ihre Glückwünsche. Dumm nur: Teile ihrer Gratulation hatte Merkel nur wenige Tage zuvor bereits dem ebenfalls 70. Geburtstag feiernden Weser-Kurier wortgleich übersandt.

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