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500. Folge von »Aktenzeichen XY ungelöst«: Kriminalität weiterhin hoch im Kurs

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Die Fahndungs-, manche sagen: Denunziationssendung »Aktenzeichen XY« feiert ihre 500. Ausgabe. Und hat in 48 Jahren nicht nur das Fernsehen verändert, sondern auch das Sicherheitsgefühl der Zuschauer. Nicht nur zum Besten…

Es gibt Taten, die sind so furchtbar, dass man gar nicht genug davor warnen kann. Entführung etwa, blutige Raubüberfälle, ganz zu schweigen von Kindsmord. Einige Taten wiederum sind so selten, dass etwas zu oft davor gewarnt wird. Entführung etwa, blutige Raubüberfälle, ganz zu schweigen von Kindsmord. Derlei Schwerstverbrechen, das zeigt die Kriminalstatistik der jüngeren Vergangenheit, gehen konstant zurück. Dennoch sind die drei genannten auch heute Teil dessen, womit das ZDF seit 48 Jahren den irrigen Eindruck erweckt, hierzulande herrsche das Verbrechen und sonst nichts.

Das war schon 1967 Unsinn, als »Aktenzeichen XY« mit seinem Erfinder Eduard Zimmermann erstmals auf Sendung ging, und es ist 499 Sendungen später nicht wahrer geworden. Zimmermanns Nachfolger Rudi Cerne, auch schon 13 Jahre im Moderationshochamt der Denunziationssendung, mag da zum Jubiläum noch so insistieren, seine Redaktion nehme »nur Kapitaldelikte auf, bei denen wir helfen sollen und können«, wobei seine Zuschauer bestens »zwischen Film und Realität unterscheiden« würden: Das traditionelle öffentlich-rechtliche Unterhaltungsformat sorgt auch in seiner 500. Ausgabe nicht nur für ein Stück interaktiver Amtshilfe; es verstärkt ein Klima der Angst, für das ihm Ordnungspolitiker von ziemlich bis ganz weit rechts nur danken können.

Und nicht nur ihm: Der Überhang an Kriminalthemen jeder Art zieht sich zu jeder Tageszeit durch alle Genres. Seit es Fernsehen gibt, ermitteln allerorten die Mordkommissionen. Und mit den Privatsendern, sagt der Kriminologe Christian Pfeiffer, »stieg der Anteil schwerer Verbrechen in allen Formaten nochmals an«. Mit Folgen für die Wahrnehmung. In seiner Studie »Die Medien, das Böse und wir« belegt Pfeiffer, dass jene Delikte, die von der Bevölkerung als »sehr bedrohlich oder emotional belastend« empfunden werden, seit Beginn der gesamtdeutschen Kriminalitätsmessung 1993 zwar abnimmt. Die Menschen aber denken das genaue Gegenteil.

Beispiel sexueller Missbrauch: Während seine Zahl in den vergangenen 15 Jahren um 22 Prozent sank, tippten 89 Prozent der Teilnehmer einer Umfrage auf leichte bis massive Steigerungen. Ähnlich sieht es bei Mord aus: Statt des Rückgangs um zwei Fünftel, nahmen die Teilnehmer im Schnitt eine Zunahme von zwei Fünftel an. War sexuelle Nötigung im Spiel, verschätzten sie sich gar um 475 Prozent. Der Kommunikationsforscher George Gerbner macht dafür die »Kultivierungstheologie« verantwortlich: Zuschauer dächten nicht nur, die Flut an TV-Verbrechen sei real; sie hielten Berufsgruppen, die im Film häufig töten, auch für krimineller.

Schließlich sorgt die Unwucht zwischen Realität und Fiktion nicht nur beim »Tatort« für Quote. Gut fünf Millionen Zuschauer sehen jeden Monat »XY«. Kein Wunder, dass die Fahndungsfilmchen nahezu jedes Verbrechen mit physischer Gewalt zur Todesgefahr hochjazzen, so gruselig wie unterhaltsam und zusehends inszeniert von renommierten Regisseuren, doch trotz aller Unterhaltsamkeit mit der gebotenen Zurückhaltung. »In 13 Jahren«, betont Moderator Cerne, »ist mir nicht ein Fall bekannt, in dem jemand auf falsche Hinweise hin Opfer eines Justizirrtums wurde«.

Dennoch könne die Sendung »nur zur Mithilfe mobilisieren, wenn die Emotionen der Zuschauer geweckt werden«, so Cerne weiter. Die Bebilderung von Fällen, die nicht selten bereits zu den Akten gelegt worden waren, sorge da nicht nur für rund 40 Prozent gelöster Fälle, sondern steigende Zuschauerzahlen. Das Publikum glaubt offenbar gerne, da draußen lauere hinter jedem Baum das Böse. Seit 500 Sendungen.

ZDF, 20.15 Uhr

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