Diese Website verwendet Cookies. Wir können damit die Seitennutzung auswerten, um nutzungsbasiert redaktionelle Inhalte und Werbung anzuzeigen. Mit der Nutzung der Seite stimmen Sie der Verwendung von Cookies zu. Unsere Datenschutzhinweise.
Werbung

Vor verbrannten Zelten und im eisigen Fluss

Chaos auf der Flüchtlingsroute durch den Balkan / Slowenien wirkt völlig überfordert

  • Von Thomas Roser, Brezice
  • Lesedauer: 2 Min.
Seit Slowenien zum neuen Transitland geworden ist, herrscht erneut Chaos auf der Balkanroute. Über 12 600 Menschen wurden hier in den letzten 24 Stunden gezählt. Die Flüchtlinge protestieren gegen die Grenzschließung.

Der beißende Geruch angekokelten Textils hängt noch immer über der Stadt. Hoch über dem Aufnahmelager von Brezice knattert unablässig ein Polizeihelikopter. Leise summend schwebt eine Kameradrohne über dem Gestänge der verbrannten Zelte. Eskortiert von behelmten Polizisten in schwarzer Kampfmontur stapfen Kolonnen von jeweils 50 Rucksackträgern im angeordneten Gänsemarsch stumm durch das Spalier der Fernsehkameras zu den Bussen.

Vor dem Wirtshaus «Lukez» lässt eine Rentnerin ihrer Entrüstung freien Lauf. Brezice sei immer eine «friedliche Stadt» gewesen, doch nun hätten die Flüchtlinge ihr «eigenes Lager angezündet», schimpft die weißhaarige Slowenin. Erst sagten sie, es würden hier 300 Leute kommen, und dann waren es mehr als 2000.«

Trotz wochenlang ausgetüftelter Notfallpläne wirkt Slowenien mit der unfreiwilligen Gastgeberrolle völlig überfordert: Früh ist die Absicht gescheitert, die Zahl der täglich nach Österreich geschleusten Flüchtlinge auf 2500 pro Tag zu begrenzen.

»Open - macht auf!«, skandierten die Flüchtlinge, als in Brezice am Mittwoch 27 der 50 Zelte in Flammen aufgingen. »Wir sind schon drei Tage hier, haben weder ausreichend Nahrung, Wasser, Decken noch irgendwelche Informationen erhalten«, ärgerte sich im kroatischen Fernsehen ein irakischer Flüchtling. Slowenische Behördenvertreter dementierten die Vorwürfe energisch.

Sloweniens Armee muss als Retter her. Panzerfahrzeuge versperren den Eingang zum Flüchtlingslager in Dobova. »Nein, sie müssen hier Abstand halten, gehen Sie auf die andere Straßenseite«, verwarnt ein Soldat zwei Journalisten, die mit den Flüchtlingen hinter dem Zaun ins Gespräch kommen wollen. Polizei schirmt auch am nahen Bahnhof die Flüchtlinge ab, die den Zug zur österreichischen Grenze besteigen.

Eher rüde Kommunikationslosigkeit ist auch bei Kroatiens Grenzhütern Trumpf. Die Scheinwerfer der Hubschrauber leuchteten in der Nacht zum Mittwoch nur die Köpfe der per Zug an die Grenze gekarrten Flüchtlinge aus. Ansonsten zeigte ihnen niemand den Weg zur Brücke ins nahe Slowenien. Teilweise bis zum Hals im eiskalten Wasser wateten die Grenzgänger durch den wegen der Regenfälle angeschwollen Grenzfluss Sutla. »Als wären wir Vieh«, klagte verbittert ein völlig durchnässter Familienvater aus dem Irak.

Dieser Artikel ist wichtig! Sichere diesen Journalismus!

Besondere Zeiten erfordern besondere Maßnahmen: Auf Grund der Coronakrise und dem damit weitgehend lahmgelegten öffentlichen Leben haben wir uns entschieden, zeitlich begrenzt die gesamten Inhalte unserer Internetpräsenz für alle Menschen kostenlos zugänglich zu machen. Dennoch benötigen wir finanzielle Mittel, um weiter für sie berichten zu können.

Helfen Sie mit, unseren Journalismus auch in Zukunft möglich zu machen! Jetzt mit wenigen Klicks unterstützen!

Unterstützen über:
  • PayPal
  • Sofortüberweisung

Solidarisches Berlin und Brandenburg

Corona ist nicht nur eine Gesundheitskrise. Es ist auch eine Krise des Sozialen. Wir beobachten alle sozialen und sozioökonomischen Entwicklung in der Hauptstadtregion, die sich aus der Verbreitung des Coronavirus ergeben.

Zu allen Artikeln