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Der Schlamm und die Watte

Volker Brauns »Das Wirklichgewollte« - Wohlstand, Stillstand, Aufstand, Anstand

  • Von Hans-Dieter Schütt
  • Lesedauer: 7 Min.

Umstellt oder umworben. Umgeben oder umzingelt. Umspült oder umschmeichelt. Welches Wort trifft unser Empfinden gegenüber den Flüchtlingen, den kommenden Fremden, dem Kommenden, das schon da ist? Unser Empfinden? Die Grammatik beantwortet politische Fragen. Unser: ein besitzanzeigendes Fürwort. Es zeigt Besitz an. Wie einen Wert. Oder wie eine Straftat. Fürwort - ein Wort für wen? Für den Besitz, für uns?

Bedrängte, die uns bedrängen. Wer sich dabei nicht ratlos fühlt, sondern kundig, nicht betäubt, sondern hell orientierungsfähig, der lässt mich kalt. Nur zwischen Verunsicherten ist das Gespräch möglich. Im Jahre 2000 schrieb Volker Braun ein schmales Bändchen Prosa: »Das Wirklichgewollte« - ein fragenbrennendes Werk über das, was uns jetzt an Weltveränderung überzieht, überfällt, überfordert.

Drei kurze Erzählungen. In Italien dringen albanische Flüchtlinge in das Haus eines ehemaligen linken Professors und seiner Frau ein. In Sibirien, am einstigen Standort des gigantischen Bahnbauprojekts BAM, müssen ein Gleisbauer und seine Frau mit der Sinnlosigkeit ihres arbeitslosen nachsowjetischen Lebens fertigwerden; eine Begegnung mit dem saufenden Neffen und dessen Bande gerät zur gnadenlos kalten Konfrontation mit jenem rohen Existenzkampf, der sich austauschte gegen das hohe Pathos einstiger Werktätigkeit. Und im brasilianischen Rio zieht ein greiser Architekt einen Straßenjungen in sein Haus und versucht des Widerspenstigen Zähmung mit Kleidung, Sauberkeit, Unterkunft, Fürsorge - vergeblich.

Dreimal Menschen - es fließt Blut - in mahlender Geschichte. Opfer. Die einen, weil ihre unerbittliche Revolution »in den großen Gulli« ablief. Die anderen, weil sie nicht leben dürfen, sondern nur immer überleben müssen. Ihr einziges Glück: Ohnmacht und Klappmesser werden in dieser Welt als Zwillingsgeschenk vergeben. Gerechtigkeit, leb wohl! - das Wohlleben, das und nur dies ist der Stand der Dinge, die immer den Anderen gehören; so bleibt alles stehen beim Vorläufigen. Statt Aufstand Stillstand, in dem die Empörung nur noch nach innen schreit. »Weil wir vergessen, was wir wissen«, lässt Braun seinen italienischen Professor über die linken Intellektuellen sagen. Wissen! Die Sache! Der große Plan! Die Idee!

Der Dichter, schon bevor er diese Erzählungen schrieb, über das 20. Jahrhundert: »Hat es nicht die Ideen verbraucht wie die Leiber oder, schlimmer gesagt, die Ideen realisiert, indem es die Leiber verbrauchte? (...) wo man die Gesellschaft verändern wollte, wurde nach dem Menschen nicht lange gefragt.« Wie jetzt auch nicht. Links gegen Rechts. Oben gegen Unten. Ost gegen West. Glaube gegen Unglaube. Geschichte bombt sich ihren Lauf, unverdächtigen Menschen raubt es den Lebenslauf. In dem sie gern Menschen wären, nicht Objekte, also auch nie wieder: historische Subjekte in wohlfeilen Theorien. Und seien es welche der Verheißung.

Wissen! Was wissen wir denn? Jetzt zum Beispiel. Die Flüchtlingskrise bricht in alles und jeden von uns ein - mit Kraft und Kräften, von denen kein Mensch und keine Institution weiß, zu welch gutem oder anderem Ende hin die Energien schwappen. Wir sind erfasst von Einbrüchen des Weltwirbels in unsere Schonung. Die Krise ernst nehmen heißt, die Gemeinsamkeit zu gestehen: keine Lösungsversuche ohne Hilflosigkeit. Die Anständigen und die Zuständigen, einer werde beim anderen vorständig, denn ist man wirklich so weit voneinander entfernt? Und zwischen Öffnung und Kontrolle geschehen doch weiter die natürlichen Kollisionen in Parteien und Bürokratie - man muss also, gegen die Krise, die eigene Begrenztheit mitdenken, um zur Wahrheit zu gelangen, die auch anderen gehört, und die reine Wahrheit ist nur immer eine Wahrheit für heute. Wie das Wetter heute, das morgen, winterwärts, nicht besser wird.

Es ist jetzt eine Zeit elend nervöser Debatten über Schuld, und die Solidarität steigt auf alte Barrikaden aus dem Staatstheorietheater. Aber kein Mensch existiert doch auf der Höhe seiner Zeit; niemand kann genau erklären, worin er verstrickt ist. Die Bewusstseinsgroben freilich zücken die Gesinnungslehrbücher, beschimpfen den Innenminister als »Bluthund«, stellen die »Klassenfrage«, wühlen sich ins ideenlose Vokabular - das allerdings erleichtert und stark macht gegen das, was man ungern sich selbst attestiert: »Es fehlt uns was, das keinen Namen mehr hat, wir werden es nicht aus den Strukturen herauswühlen« (Volker Braun).

Politökonomie, ja, unbedingt, aber dies alte, ewig mächtige Phänomenale, das wirkt doch ebenso in den gesellschaftlichen Explosionen oder Lähmungen. Sozialere Verhältnisse müssen her, hier und weltwärts, ja, auch unbedingt, das stimmt immer, und diese Forderung verdient alle Lautstärke, aber das beseitigt keinen Fremdenhass. Man muss an die Wurzel, man muss an die Wurzel!, so schreit’s aus dem materialistisch-dialektischen Fleiß, ja, die Wurzel, das wäre: den Menschen im Menschen ausreißen. Bis er der neue Mensch ist, die nächste Totgeburt?

»Moral? Nein. Es liegt im Gewebe, wie man sich verhält. Man hat keine Wahl.« Schrieb der Dichter Braun über das Tu-nicht-Gute(s) im Menschen - freilich, er schrieb auch, man müsse die Verhältnisse zerbrechen. O Elend der Kehrseiten: Man hat nie mehr den verlässlichen Stand auf der richtigen.

Die Verhältnisse zerbrechen. Das tun die Flüchtlinge derzeit, wie es die Aufgebrachten in Brauns Erzählungen tun: Sie zerbrechen das Glas, das unser Haus ist. Es ist der größere Beitritt, den die Geschichte nun in Gang setzte. Eine noch folgenreichere Wiedervereinigung. Nicht die der Brüder und Schwestern, die der Satten mit denen, die es satt haben. Erzeugend ein Bedürfnis, das die Rollen wechselt? Wann endlich haben wir uns selber satt und hungern der neuen Machtregel entgegen: Beherrsche dich und teile. Unsere Scham davor ist unsere Schande, auch das sprach Volker Braun vor Jahren schon aus: Wir, »die wir die Welt dieser ausgrenzenden Grausamkeit wählten, stehen in der Schuld aller Orte, die verloren sind.« Jetzt bewegen sich diese Orte gleichsam auf uns zu, wie der Wald von Birnam auf Macbeth zuging, und nichts stoppt diesen Zug, wie auch Macbeth nur sinnlose Befehle gegen die Realität gab: »Werft Fackeln in den Wald/ Ich will doch sehn, ob nicht die Asche stehn bleibt.« Nichts bleibt stehn, die Asche ihrer Häuser treibt diese Menschen, kein Schlamm hält die Flüchtlinge auf. Und darin womöglich zu versinken, das ist ihnen Vortraining für das erhoffte Versinken in der Watte unseres Wohlstandes.

So ein Traum siegt über alles, was ein Mensch an Unterwegs erfahren muss. Immer besiegt schöner Wahn die Erfahrung, sie sind wie wir, die Gemüter »aus Notwehr privatisiert« (Braun). Wenn man die bitteren Fernsehbilder dieser langen müden Reihen sieht, möchte man das Falscheste denken: Vielleicht sind wenigstens die Kinder, weil sie noch nichts begreifen, ganz ganz traumlos, denn so ein Traum vom besseren Leben - und nicht das Gepäck, das sie schleppen - das wäre doch momentan die eigentliche unmenschliche Last. Das Träumen wie eine unzumutbare Kinderarbeit, die unter den waltenden Verhältnissen verboten werden müsste.

Brauns Erzählungen fragen, schmerzen sich ans Radikale heran: »Überhaupt kein Verstand in der Sache war, wie sie steht! Und die Sache, wie sie steht ... elementar zum Aufruhr ruft.« Der brasilianische Architekt sieht, auf seinem Stahlbett liegend, seinen neunjährigen, ihm wieder entflohenen Schützling urplötzlich zurückkehren, ein Einbrecher nun, mit einer Meute, die in die fremde Wohnung eindringt. Vergeblich versucht der Junge, die wilden, gewalttätigen Seinen noch zurückzuhalten, der Alte indes empfindet »eine rohe Freude«, ist wohl einverstanden mit dem, was ihm nun, unter Gewalt, Arges geschehen wird: »Herein denn, zeigt euch, Ganoven, Genossen.« Als sei der Überfall auf ihn der Vorbote größerer Aufstände. Der müde Zynismus freiwilliger Selbstopferung. Noch ein paar Zeilen hat die Erzählung, sie endet ohne einen Punkt, mitten in einem Satz. Offen alles. Wie ein hoher heller Himmel? Wie ein tiefer dunkler Krater?

Es ist, als führe Kleist die Feder, so unerbittlich, so drängend und dringlich. Das Wirkliche und das Gewollte im Aufeinanderprall, als schlügen Metallschilder gegeneinander. »Das Wirklichgewollte«, der Zusammenschluss beider Worte ist nicht die Schaffung, sondern die Aufkündigung jenes Begriffs, auf den sich Geschichte ohnehin nicht bringen lässt. Wer kann sagen, welcher Wille ihm wirklich gehört?

»Apparate, Parteien und ihr abgelebter Geist, das mag zum Teufel gehn. Das hilft mir nicht.« Sagte Braun 2000 bei der Verleihung des Büchner-Preises. Aber: »Mein Widerstand wohnt im Gewebe, mein Gram, mein Verlangen. Es ist bei mir bis weit hinein böse.« Wie aber findet dies berechtigt Böse, in einer böser werdenden Welt, zu einer revoltierenden Verkörperung - ohne dass man selber, in den eigenen Vorschlägen, zum Schläger wird?

Das Gute, was wäre das? Vielleicht diese Logik: Dass alle Politik in Enttäuschung endet - und somit alle Beteiligten an der Zeit leiden und just darin überein kommen könnten. Für irgend einen Frieden. Das ist das Angebot einer Gesellschaft, in der es offenbar mehr und mehr nur noch die Notausgänge sind, die den Weg ins Freie weisen.

Volker Braun: Das Wirklichgewollte. Suhrkamp, 55 S., geb., 6,95 €.

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