Diese Website verwendet Cookies. Wir können damit die Seitennutzung auswerten, um nutzungsbasiert redaktionelle Inhalte und Werbung anzuzeigen. Mit der Nutzung der Seite stimmen Sie der Verwendung von Cookies zu. Unsere Datenschutzhinweise.
Werbung

Frieden, scheinbar ohne Vergangenheit

Ausstellung zeigt Fotos einstiger Internierungslager der Roma

  • Von Volkmar Draeger
  • Lesedauer: 3 Min.

Abgegriffen, fast zerschlissen ist das schmale Büchlein, das in der Galerie Kai Dikhas auf einem sonst leeren Tisch liegt. Von seiner Bedeutung wiegt es schwer. »Carnet Anthropométrique d’Identité« ist die Titelseite bedruckt, darunter der fatale Zusatz »Nomades«. Ausgestellt hat es die République Française am 27. Februar 1940 und gleich noch die stolze Losung ihrer Revolution daruntergesetzt: »Liberté - Egalité - Fraternité«. Das klingt im Fall des Jean François Leray wie blanker Hohn. Als Nummer 103584 ist er frontal und im Profil abgebildet, ein schon älterer, gehetzt wirkender Mann mit strubbelig schwarzem Haar. Auf den folgenden Seiten sind schier endlose Aufenthalte dokumentiert. Denn Leray war ein Manouche, wie sich die Gruppe der in Frankreich und den angrenzenden Ländern lebenden Sinti selbst bezeichnet.

Seit dem 15. Jahrhundert sind Manouches in Westeuropa belegt. Seitdem Roma aus Südosteuropa zuwanderten, waren sie nirgendwo wohlgelitten. Neben vielen anderen wurde auch Leray im Vichy-Frankreich inhaftiert und fehlte deshalb auf Gruppenfotos der Familie, wie Enkelin Valérie Leray bemerkte. Das weckte den Forscherdrang der Fotografin mit Masterabschluss der Université Paris 8, einer linksgerichteten Studieneinrichtung, an der Alain Badiou, Gilles Deleuze, Michel Foucault und Félix Guattari lehrten.

So ging Valérie Leray ab 2006 auf Recherche in ihrer Heimat und suchte ehemalige Internierungslager auf. Was sie vorfand, sind beinahe idyllische Landschaften, in denen nichts mehr an ihre grausige Geschichte erinnert. Frankreich tut sich nicht nur schwer mit seiner Kollaboration während der Besatzung mit den Nazis. Insbesondere das Kapitel des Umgangs mit jenen Manouches fällt unter den Mantel des Schweigens. Deswegen verdient die Ausstellung »Ort ohne Namen« bei Kai Dikhas besondere Aufmerksamkeit. Denn sie zeigt jene Orte, auf denen man im Wortsinn das Gras des Vergessens über eine unbequeme Historie wachsen lässt. Peinlich mutet an, dass es keinerlei Hinweise auf die Vergangenheit dieser Plätze gibt. Sechs große sowie sieben mittlere Fotos, eine Serie von zwölf quadratischen Kleinfotos und ein wandfüllender Poster halten das fest.

Man mag den Landschaften, wie sie so friedlich im Sonnenlicht glänzen, ihre einstige Bestimmung kaum mehr glauben. Da umrankt Buschwerk ein drahtbespannt verschlossenes Eingangstor am Ende einer Wegbiege, harrt still ein Golfplatz seiner gut situierten Spieler, kündet eine menschenleere Dorfstraße mit beidseitig schmucken Häuschen vom Fleiß ihrer Bewohner, erinnert auf einem Privatgrundstück allenfalls eine geduckte, sichtlich ältere Baracke an die ehemalige Verwendung als Ort des Wegsperrens.

Grez-en-Bouère, Mulsanne und Montsûrs heißen diese gottverlassenen Fleckchen, denen das Leid der dort noch bis 1946 arretierten Roma tragische Bedeutung gibt. Neue Peitschenleuchten rastern, auch dies eine Analog-Fotografie wie alle Exponate, eine Dünung mit wenigen Büscheln am Strand von Les Barcares; in Coudrecieux ist ein ruinöses Haus vom Wald fast verschluckt. Reihenhäuser mit Satellitenschüssel und geknüllten Plastikflaschen auf der Freifläche davor suggerieren in Arles normales Leben, wo vor 60 Jahren ein Internierungscamp stand. Hinter einem Hügel lugen in Choisel durch Stacheldraht die Dächer von Katen hervor, die nach Lagerbaracken ausschauen und auf ihre Art ökologisch »befriedet« sind.

Einen solchen Ort hat Valérie Leray auch in Marzahn entdeckt: Birkensprösslinge verbergen, zaghaft mit Flatterband markiert, weiße Kastenhäuschen unter strahlend blauem, wölkchenbesätem Himmel; ein akkurater weißer Zaun umgrenzt im französischen Jargeau eine heutige Schule. Besonders eindrucksvoll aber sind die Kleinfotos eines Militärcamps auf dem Gebiet des Museums Rivesaltes. Alles ist dort im Zustand des Verfalls belassen: lang gestreckte Baracken, von manchen nur noch die Pfeiler; das Chaos aus Holz und Ziegeln; der aus einer Hausgrundfläche wild wachsende Baum; die Pylonen eines Eingangs ins Nirgendwo. Ein Mann blickt einsam ins Weite, ein Soldat in Tarnuniform zielt militant. Über den verbliebenen Wänden eines Flachbaus jedoch reichen sich gebogene Bäume schützend ihre grüne Hand.

Bis 21.11., Mi.-Sa. 12-18 Uhr, Kai Dikhas, Prinzenstr. 84/2, Kreuzberg

Dieser Artikel ist wichtig! Sichere diesen Journalismus!

Besondere Zeiten erfordern besondere Maßnahmen: Auf Grund der Coronakrise und dem damit weitgehend lahmgelegten öffentlichen Leben haben wir uns entschieden, zeitlich begrenzt die gesamten Inhalte unserer Internetpräsenz für alle Menschen kostenlos zugänglich zu machen. Dennoch benötigen wir finanzielle Mittel, um weiter für sie berichten zu können.

Helfen Sie mit, unseren Journalismus auch in Zukunft möglich zu machen! Jetzt mit wenigen Klicks unterstützen!

Unterstützen über:
  • PayPal
  • Sofortüberweisung

Solidarisches Berlin und Brandenburg

Corona ist nicht nur eine Gesundheitskrise. Es ist auch eine Krise des Sozialen. Wir beobachten alle sozialen und sozioökonomischen Entwicklung in der Hauptstadtregion, die sich aus der Verbreitung des Coronavirus ergeben.

Zu allen Artikeln