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Aus dem Kriegsgebiet zu den Olympischen Spielen

Das IOC will Geflüchteten ermöglichen, unter olympischer Flagge 2016 in Rio de Janeiro zu starten

Das Internationale Olympische Komitee unterstützt bereits weltweit Programme für Flüchtlinge mit zwei Millionen Dollar. 2016 sollen die besten unter ihnen sogar in Rio antreten dürfen.

Über Samia Yusuf Omar berichtete »nd« erstmals im Sommer 2012. Der Anlass war ein trauriger. Gerade 21 geworden, war die Somalierin beim Versuch gestorben, auf einem Flüchtlingsboot das Mittelmeer nach Europa zu überqueren. Später stellte sich heraus, dass sie damals sogar schwanger war. Sie wollte dem Bürgerkrieg in ihrer Heimat entfliehen.

Als sie vier Jahre zuvor durch ein anderes Ziel rannte, war sie noch kein Flüchtling. Da lief sie im Vorlauf über 200 Meter bei den Olympischen Sommerspielen 2008 im »Vogelnest« von Peking - fast sieben Sekunden langsamer als die 45 anderen Starterinnen vor ihr. Kaum ein Fotograf richtete sein Teleobjektiv auf die dünne dunkelhäutige Frau im weiß-blauen Schlabber-Shirt, während ihr die Kontrahentinnen im engen Laufdress enteilten. Erst vier Jahre später nahm die Welt Notiz von ihr.

Das Internationale Olympische Komitee will bei den Spielen 2016 in Rio de Janeiro für positivere Schlagzeilen über Flüchtlinge sorgen. IOC-Präsident Thomas Bach bat am Montag vor der Generalversammlung der Vereinten Nationen alle Mitgliedsstaaten darum, unter den Millionen Flüchtlingen in deren Obhut nach guten Sportlern Ausschau zu halten, die das Zeug zum Olympioniken hätten. »Zur Zeit hat keiner dieser Athleten die Chance auf eine Olympiateilnahme, selbst wenn sie sich qualifizieren würden, da sie als Flüchtling ohne Heimat und daher ohne Nationales Olympisches Komitee dastehen, das sie repräsentieren würden«, erläuterte Bach. Also lädt das IOC nun die besten Flüchtlinge ein, unter der olympischen Flagge in Rio anzutreten.

Wie genau das Ganze ablaufen soll, ist noch unklar. Das IOC selbst weiß bislang nur von wenigen Sportlern, die in den Massenflüchtlingslagern rund um Syrien von den dortigen Nationalen Olympischen Komitees (NOK) bereits identifiziert wurden. IOC-Sprecher Christian Klaue rechnete gegenüber »nd« mit einer Anzahl von etwa fünf bis zwölf solcher Athleten in Rio. Das sei jedoch noch reine Spekulation. Wie die Olympiastarter dann nach Rio reisen dürfen, obwohl ihr Flüchtlingsstatus eventuell gar keine Ausreise erlaube, ist auch ein Problem, das das IOC erst später angehen will, wenn so ein Fall auftrete sollte.

Ob wirklich Hochleistungssportler unter den Geflüchteten sind, die olympische Normen rennen, schwimmen oder springen können, ist momentan sehr zweifelhaft, doch das hatte auch Samia Yusuf Omar nicht getan, bevor sie in Peking starten durfte. Fast in jedem Individualsport gibt es in den oft begrenzten Starterfeldern ein oder zwei Wild-Card-Plätze, die für Härtefälle freigehalten werden. Auch wenn eigentlich die einzelnen Sportföderationen für die Verteilung jener Plätze zuständig sind, ist sich das IOC sicher, dass diese auf Wunsch des Dachverbands mit Flüchtlingen besetzt werden, sollten denn geeignete Kandidaten gefunden werden.

In Mannschaftssportarten wird es keine Wild Cards für Flüchtlinge geben, da hier die Felder stark begrenzt sind und die wenigen qualifizierten Nationen ihre Athleten selbst nominieren dürfen. Einfach Flüchtlingsmannschaften mit aufzunehmen, würde die Spielpläne sprengen. Dass seit Dienstag bereits der 1000. Fußballverein im Rahmen einer Flüchtlingsinitiative vom Deutschen Fußball-Bund und der Bundesregierung unterstützt wird, spielt für den IOC-Plan also keine Rolle.

Vielmehr hoffen Thomas Bach und Co. auf Leichtathletik-, Schwimm-, oder Boxvereine, die Flüchtlinge mittrainieren lassen und im deutschen Fall dann dem Deutschen Olympischen Sportbund vielversprechende Talente melden. Der DOSB würde die Informationen dann ans IOC weiterleiten, das die Athleten nach Rio de Janeiro einlädt. Solche Sportler könnten dann auch vom »Olympic Solidarity« Programm profitieren, mit dem das IOC seit mehr als 30 Jahren Athleten aus meist ärmeren Ländern bei der Verwirklichung ihres olympischen Traums unterstützt: Dabei werden Trainer gestellt und geschult, technische Ausrüstung finanziert oder Reisekosten übernommen. Auch jene für den Flug ins Olympische Dorf von Rio im kommenden Sommer wären also abgedeckt.

Bereits Anfang September 2015 hatte das IOC einen Fonds von zwei Millionen US-Dollar (1,8 Millionen Euro) für die weltweite Flüchtlingshilfe angekündigt. Das Geld soll NOKs dabei helfen, Hilfsprogramme für Flüchtlinge aufzulegen. »Die NOKs haben uns schon einige Projekte vorgeschlagen und sollen das noch weiter tun. Mit dem Geld will das IOC die Projekte dann unterstützen«, sagte IOC-Sprecher Klaue.

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