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Der Wortort liegt am Rande

Im Namen Büchners: Rainald Goetz erhielt in Darmstadt den wichtigsten Literaturpreis Deutschlands

  • Von Hans-Dieter Schütt
  • Lesedauer: 5 Min.
Der Schriftsteller Rainald Goetz hat in Darmstadt den wichtigsten Literaturpreis Deutschlands, den Georg-Büchner-Preis, erhalten. In seiner Rede erteilte er der Forderung, Schriftsteller sollten politisch sein, eine Absage.

Schriftsteller können gar nicht politisch sein. Dafür ist jener Motor, der alle Wahrnehmung und Einbildung in Literatur verwandelt, zu träge. »Literatur stellt sich der Welt, aber langsam. Unendlich langsam.« So Rainald Goetz am Wochenende, als er in Darmstadt den wichtigsten deutschen Literaturpreis, benannt nach Georg Büchner, entgegennahm. Politik und deren haspelnde Kommentierung als elende Kurzschlusspraxis, Kunst aber als Rettungsring gegen den »ganzen Erfahrungsdreck«, der anschwappt und den Künstler zum »Wirklichkeitsflüchtling, zum Elfenbeintürmler« erhebt.

Ist das eine Gegensatzposition zum Aufrührer Büchner? Fällt dessen Name, drängt sich der Gedanke des Revolutionären, des eminent Politischen unweigerlich und geradezu belastend auf - scheinbar existiert kein anderer deutscher Literaturpreis, bei dem so unbedingt vom Ethos des Namensgebers auf den Preisträger geschlossen und also - unvermeidbar! - ein Missverhältnis festgestellt werden muss. Denn wer darf von sich behaupten, dem Anarchisten und libertären Frühkommunisten, dem klassenkämpferischen Büchner auch nur in Ansätzen zu entsprechen.

Es ist dieser Druck des unzumutbaren, aber doch quälenden Vergleichs, der seit Jahrzehnten in regelmäßigen Abständen auch die Dankesreden der Preisträger durchzieht - wie eine Pflichtübung wider das schlechte Gewissen. »Wie darf ich mich auch nur einen Augenblick in dieses Licht bringen, mich dem Genius gesellen, mich dem Schein der Unsterblichkeit aussetzen, ohne mich lächerlich zu machen?« So wand sich 1962 der Ausgezeichnete Wolfgang Koeppen.

Brigitte Kronauer fand 2005 Trost in der wohl entscheidenden Wahrheit: Anders als im »Hessischen Landboten« wisse Büchner nämlich dann, wenn er nicht agitiere, also in der Kunst, »dass die Welt keineswegs nur aus Hütten besteht, in denen verborgene Helden wohnen, und aus Palästen, in denen der Satan haust«. Man lese »Woyzeck«: Ja, im Gegensatz zwischen den Armen und dem Adel, den Ruinierten und den Reichen liegt für Büchner »das einzige revolutionäre Element der Welt«. Aber man lese auch »Dantons Tod« und »Leonce und Lena«. In diesem dichterischen Werk findet sich nichts vom verführerischen Abkürzungsdenken der Ideologen. Bei Büchner sind moderne Psychologie, Verzweiflung über Selbst- und Weltentfremdung, über Mechanisierung des Lebens und Langeweile als Grundgefühl flackernd und extrem vermischt. Das Gefühl allumfassender Leere und grenzenloser Einsamkeit, die fatalistische Lethargie und das unbändige Verlangen nach Ruhe - das teilt Lenz mit Danton. Und wie Leonce und Lena ein Arkadien ohne Uhren und Kalender suchen, so sucht auch Lenz einen utopischen Ort, an dem er mit den »verlorenen Träumen« zu überwintern vermag. Den Winter freilich schafft er nicht ab.

Goetz, Jahrgang 1954, spricht in seiner Preisrede von der »Reserve der Unabhängigkeit«, die der Künstler anlege, auch beschwört er eine »Distanz zum Sozialen«, und wenn er sagt, davon gehe die Welt nicht unter, indem man sie zerstöre - dann ist dies die höchstmögliche Hymne an den Literaturauftrag: das Abstößige und Anstößige als Totalopposition gegen alles Bestehende. Politik, Macht, das ist die Realität, Kunst dagegen ist das Fremde. Frieden mit der Politik stört den Sinn der Kunst: Störenfried zu sein.

Kunst ist jener Raum der Verantwortungslosigkeit, wo jeder Dialog mit der Politik verweigert werden möge. Der Künstler: ein Rivale der Welt - Goetz’ Credo gegen jede Art von Widerspiegelungstheorie. Es geht um Bildnisse ohne Scham, ohne Übergänge, ohne Rücksicht, ohne Logik, ohne die Trugschlüsse der Vernunft. Kunst, so sagte es Heiner Müller vor Jahren an gleicher Stelle in Darmstadt, müsse die Wirklichkeit unmöglich machen, sie also blamieren und ihr die Chance nehmen, uns zu besetzen.

»Leben: Möglichkeit des Daseins, und dann ist's gut; wir haben dann nicht zu fragen, ob es schön, ob es hässlich ist.« Schrieb Büchner, der Mediziner. So denkt wohl auch Goetz, der mit dreißig den Arztberuf aufgab. »Wie wollen wir leben? Böse real und realistisch kaputt.« So sieht’s aus. So sehen wir aus. Wär’s nicht so, sähe die Welt so nicht aus. Durch die Goetz gern und gallig und phantasiegetrieben protokollierend streift. Ein Räudiger. Ruppiger. Rumtreiber. Ruheloser. Randständiger. Reisender. Als gieriger Beobachter zwischen Rave und Castorfs Volksbühnenschmutz. Zwischen Blog und Buch. Mit Grandezza überspannt und in seiner Energie des Selbststilisten doch ein kulturvoller Schattenmann. Ein Großstadtirrer mit enormer Quasselqualität. Der größte Epilaptop-Artist hierzulande. Es ist Unsinn, ihm vorzuwerfen, er sei ein mailfickriger Gegenwartsknecht, nein, er attackiert in fiebrigen Wahrnehmungsorgien eine Netzwerkerei, in der doch selber lebt - zu solcher Einheit von Selbstgenuss und Selbstschmerz will erst einmal gefunden sein.

Ja, Büchner war Revolutionär (Sozialist?) - und zugleich war er einer, der am Revolutionieren (am Sozialismus?) litt. Er war Anarchist - aber dies mit feinsten Regungen. Feinste Regungen sind ungemocht, wo man den historischen Optimismus anbetet, mit dem die Klassenstandpunktfesten die Welt bei Pannen und Ungereimtheiten wieder sauber zurechtklempnern können. Büchner stand dem Denken von Marx und Engels so nah wie dem von Nietzsche. Ein Sohn aus dem Haus eines Militärarztes, der auf die Barrikade wie auf eine Bühne kletterte, scharf pamphletisch, unverfroren hitzig. Aber aus der Kulisse ruft er sich auch immer selber zu, womit im Drama Danton mit Robespierre ins Gericht geht: »Ist denn nichts in dir, was dir nicht manchmal ganz leise, heimlich sagte, du lügst, du lügst!« Dann zum Beispiel, wenn die linken Konzepte schnurren, um eine Weltlage zu bessern - nehmen wir nur diesen morgen schon vergessenen Strategiemüll, da geht es hurtig von Plan B zu Plan C, und längst ist denen, um die es geht, wieder ein X vors U gesetzt.

Goetz’ Buch »Klage« (2008) endet mit einer Tagebucheintragung: Schriftsteller Josef Winkler erhält in jenem Jahr den Büchner-Preis, und Goetz denkt nach über den Idealort für den Text: »am Rand, wo er die Literatur, egal in welche Richtung hin, zu verlassen anfängt«. Ein Text habe »fraglich« zu sein, »das wäre der richtige Wortort für mich, namens: schön.« Das Fragliche beglückt, der Stich gegen die eigene Starrheit beseelt. Also: Mach genau das, was dich verstört, zu dem, was dich betört. Revolutionär (Büchner!) ist nur immer das, was du dir selber abforderst - und zwar an radikalem Verhalten, das dich als den umstürzt, der du gestern, bis eben warst. Aber wer lebt schon so?

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