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Generalprobe im Knasttheater

Inhaftierte sollen durch Theaterspiel Normalität erfahren und über Taten reflektieren

  • Von Sebastian Bähr
  • Lesedauer: 3 Min.
Ein Gefängnis verbindet man gemeinhin nicht mit Kunst. Ein Theaterprojekt sieht das anders und will für ein breites Publikum anspruchsvolle Stücke inszenieren - mit Häftlingen als Schauspieler.

Der 21-jährige Amateurschauspieler mit dem Künstlernamen Fio ist aufgeregt. Dies ist sein erstes Theaterstück, Bühnenerfahrung hat er keine. In wenigen Minuten beginnt die Aufführung »Zeit vergeht. Warten.« in dem eigens als Theatersaal hergerichteten Raum der Justizvollzugsanstalt Plötzensee. Die Lichter gehen aus. Es folgen 70 Minuten Emotionen, Kostüme, Effekte. Am Ende des Stückes der schwierigste Part: Fio rappt mit einem Mithäftling einen selbst geschriebenen Text. »Ich halte den Kopf hoch, auch wenn es schwer ist«, dröhnt der Refrain immer wieder aus den Lautsprechern.

Die Zeilen lassen erahnen, dass es keine normale Theateraufführung ist. Die zehn Zuschauer, die sich zur Generalprobe des von dem Regisseur Adrian Figueroa konzipierten Stückes einfinden, müssen Handy, Schlüssel und Geldbörse am Eingang der JVA abgeben. Sie mussten sich vorher anmelden, um nach Ankunft durch die kühlen, vergitterten Räume zum Theatersaal zu gelangen. Das Gefangenenensemble geht nach Ende der Aufführung wieder zurück in seine Zellen. Die Unterbrechung der Knastrealität währt nur kurz.

Realisiert hat das Stück das unabhängige Theaterprojekt »aufBruch«. Die Initiative verwirklicht schon seit 1997 Theateraufführungen in Berliner Gefängnissen. Laut der Produktionsleiterin Sibylle Arndt meist mit Insassen, die bis dahin kaum mit der Theaterwelt in Kontakt gekommen sind. »Wir arbeiten daran, dass die Häftlinge ihr Misstrauen gegen uns verlieren. Sie müssen sich erst dem Konzept gegenüber öffnen«, so Arndt. Das Projekt will mit Mitteln der Kunst den Insassen eine Stimme verleihen, aber auch die isolierte Gefängniswelt der Öffentlichkeit zugänglich machen. »Ziel ist es, die Knastregeln außer Kraft zusetzen«, so die Produktionsleiterin. »Aus Sicht der Anstalten geht es eher um Sozialtherapie und Persönlichkeitsentwicklung«, fügt sie hinzu.

Bis zur Aufführung war es jedoch ein langer Prozess. »Zu Beginn steht die Frage: Wer ist die Gruppe?«, erklärt Arndt. »Darauf aufbauend entwickeln wir ein Konzept. Die Biografien füllen dann den Text«, sagt sie weiter. Für die aktuelle Produktion besuchten die elf Amateurschauspieler anfangs einen Schreibworkshop. Dann folgten drei Monate Vorbereitung mit mehreren Treffen in der Woche. Das Selbstbewusstsein wurde gestärkt. »Wir sind mittlerweile so gut, dass uns andere Theater bald mieten«, sagt der 50-jährige Häftling Ömer lachend.

Im Stück tragen die Häftlinge in zerstückelten Textfetzen ihre eigene Geschichte vor. Bedeutende Wendepunkte, aber auch Erinnerungen an Familie, Freundinnen, Drogen, Gewalt, verpasste Chancen und vergangene Gefühle. Die selbst geschriebenen Passagen werden mit Texten von Schriftstellern zu einer Collage zusammengestellt.

Das Licht geht an, die Realität kehrt zurück. Vielleicht nimmt Fio nach dem Ende des Stückes noch an weiteren Theaterprojekten teil. »Poetische Texte schreiben, ist nicht einfach. Aber Spaß hat es gemacht«, resümiert er die neue Erfahrung. Als nächstes habe Fio aber erst mal Lust auf einen Rap-Workshop. Er könne rappen, es würde ihm helfen. »Die Zeit hier vergeht dadurch einfach schneller«, sagt er.

Das Theaterstück ist am 4., 5., 6. und 9. November jeweils 18 Uhr in der JVA Plötzensee zu sehen. Karten gibt es an der Kasse der Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz.

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