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Inszenierung und Wirklichkeit

Das Filmfestival »DOK Leipzig« thematisierte Krieg, Vertreibung und kulturelles Erbe

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Inwiefern unterscheiden sich Dokumentarfilme von Spielfilmen? Ihre Schauplätze sind echt, ihre Helden auch und doch sind sie inszeniert, einer eigenen Ästhetik verhaftet und können durch Zeigen oder Auslassen ebenso beeinflussen wie Fiktion. Allerdings wollen Dokfilmregisseure nicht nur unterhalten, sondern haben oft eine Agenda. So gab es in der 58. Ausgabe von »DOK Leipzig« – es war schon zu DDR-Zeiten eines der international renommiertesten Festivals für Dokumentar- und Animationsfilm – etliche Werke zu sehen, die Krieg, Vertreibung und kulturelles Erbe thematisierten.

Den fast vergessenen Putsch gegen Michail Gorbatschow im Sommer 1991 behandelt Sergej Loznitsas »The Event«. Das mit dem »Leipziger Ring« ausgezeichnete Werk ist eine Montage von Archivmaterial. Es zeigt das andere urbane Zentrum der damaligen Sowjetunion, Leningrad, als Ort der lebhaften Solidarität mit Gorbatschows Moskau, als Ort, an dem erstmals so etwas wie eine spontane Kultur der Meinungsfreiheit entsteht. Wortführer der Leningrader Demonstrationen ist Bürgermeister Anatoli Sobtschak, in dessen Entourage auch kurz ein gewisser Wladimir Putin auftaucht. Wie schnell die Bewegung jedoch nationalistisch und religiös vereinnahmt wird, offenbart der unkommentierte Schwarz-Weiß-Film auch: Bald spricht ein Pope zu den Demonstranten vor dem Winterpalais, und am Ende wird die Wiedereinführung der russischen Trikolore gefeiert.

Mit den Folgen der von Putin Jahre später mitverschuldeten Repressionen gegen Zivilisten während und nach den entsetzlichen Tschetschenien- Kriegen beschäftigt sich wiederum »Grozny Blues« von Nicola Bellucci. Er begleitet drei tschetschenische Menschenrechtsaktivistinnen beim Dokumentieren von nie aufgeklärten Morden und Entführungen durch pro-russische Milizen. Eindringlich zeigt die Doku, wie die Bevölkerung durch den von Putin eingesetzten Ramsan Kadyrow, die Karikatur eines stalinistischen Diktators, einer totalen Gehirnwäsche unterzogen wird.

Wie dagegen ein ohne erkennbaren Mehrwert propagierter ukrainischer Kosaken-Nationalismus mit jüdischer Orthodoxie kollidiert, offenbart »The Dybbuk – A Tale of Wandering Souls« (Regie: Krzysztof Kopczyński). In die vor dem Zweiten Weltkrieg mehrheitlich jüdisch bevölkerte Stadt Uman pilgern zum jüdischen Neujahr seit über zwei Jahrzehnten Abertausende von Chassiden aus aller Welt, um ihrem spirituellen Anführer Rabbi Nachman zu huldigen – zur Befremdung der Einheimischen. Ein christlich-orthodoxes Kreuz an einer jüdischen Gebetsstätte, Korruption, beiderseitiges Unverständnis sowie zum Teil beeindruckende Szenen inniger oder fröhlicher Glaubensrituale demonstrieren Absurdität und Festgefahrenheit der Situation.

Den Hauptpreis des Festivals, die Goldene Taube des internationalen Wettbewerbs für Langfilme, erhielt der polnische Kameramann und Regisseur Wojciech Staroń für seine Doku »Brothers«. Darin wollen zwei hochbetagte polnische Brüder nach über 70-jährigem Exil in Sibirien und Kasachstan ein neues Leben in ihrer Ex-Heimat aufbauen. Wie die charakterlich sehr unterschiedlichen Greise ihren Gebrechen sowie dem rauen Klima trotzen und ihr Leben Revue passieren lassen, hält Staroń in betörenden Bildern fest. »Brothers« passt sich dem Rhythmus seiner Akteure an und ist das anrührende Porträt zweier Zeitzeugen des 20. Jahrhunderts.

Unter den insgesamt 316 langen und kurzen Filmen aus 62 Ländern gab es auch sehr individuelle Hybride aus Animation und Doku (etwa den schönen Kurzfilm »Dokument« von Marcin Podolec) oder eine Zusammenstellung subsaharischer Trickfilme, die parabelhaft die Gesellschaft in Burundi, Ruanda oder dem Kongo reflektierten.

Den 48 000 Zuschauern von DOK Leipzig – ein neuer Besucherrekord – wurde auch die sehenswerte ungarische Doku »Train to Adulthood« (Regie: Klára Trencsényi, Goldene Taube der Medienstiftung der Sparkasse Leipzig) geboten, die von der Budapester Kindereisenbahn handelt, einer 11,2 Kilometer langen Schmalspurbahn, deren junge Betreiber dort Verantwortung und Zusammenhalt lernen. »Lampedusa in Winter« von Jakob Brossmann schließlich beleuchtet eine Insel im Ausnahmezustand, die sich zusätzlich zum Flüchtlingsdrama mit korrupten Reedern herumschlagen muss.

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