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Namen an den Schuhkartongräbern

Erinnerungsort für 225 tote Kinder von Zwangsarbeiterinnen in Dresden neu gestaltet

  • Von Hendrik Lasch, Dresden
  • Lesedauer: 2 Min.
Auf einem Friedhof in Dresden wurden 225 Kinder von Zwangsarbeiterinnen begraben. Jetzt haben sie ihre Namen zurückbekommen.

Raisa wurde sechs Wochen alt, Anna zwei Monate, Kasimir ein Vierteljahr. Dann starben die Kinder osteuropäischer Zwangsarbeiterinnen in Dresden. Sie wurden in Schuhkartons entlang einer Mauer auf dem Friedhof St. Pauli begraben - und vergessen. Nur ein Stein mit einer etwas rätselhaften Inschrift wurde irgendwann aufgestellt: »Hier ruhen Kinder der Bürger der polnischen Republik und Kinder der Bürger der UdSSR 1939 - 1945«.

Das hat sich jetzt geändert - dank einer unermüdlichen Hobbyforscherin und engagierter Dresdner Schüler. Letztere haben Entwürfe für die Neugestaltung des Erinnerungsortes angefertigt und sich dabei auf Material gestützt, das die Landschaftsgestalterin Annika Dube-Wnek aus Archiven zutage förderte. Dort sind die Namen von 225 Kindern verzeichnet, die ab 1943 in der »Ausländerkinder-Pflegestätte« starben. Der Begriff ist zynisch; schließlich wurde den Kindern, deren Mütter das NS-Regime in Dresdner Firmen als Arbeitssklaven ausbeuten ließ, die »lebensnotwendige Fürsorge absichtlich und per Erlass verwehrt«, sagt Dube-Wnek. Kinder von Osteuropäerinnen wie deren Mütter galten den Nazis als »rassisch minderwertig«; dass sie an Krankheiten oder Hunger starben, wurde in Kauf genommen. Dube-Wnek spricht vom »viel zu kurzen Leben der Kinder vom Hellerberg«.

In dem Stadtteil befand sich das Lager. Dessen Existenz hatte man in der Stadt lange verdrängt. »Es war kein Thema«, sagt Eva Jähnigen (Grüne). Die Beigeordnete für Umwelt im Rathaus wohnt selbst nahe am Friedhof - und erfuhr erst durch Dube-Wneks Arbeit von der tragischen Geschichte. Was jetzt ins Bewusstsein zurückgeholt wurde, sagt Jähnigen, »verdeutlicht erneut die Grausamkeit der NS-Gewaltherrschaft«. Insgesamt gab es 400 solcher »Pflegestätten« im Deutschen Reich. Die Kinder dort waren »schutz- und wehrlos«, sagt Aleksej Skripnik, der als Sohn einer Zwangsarbeiterin in Chemnitz zur Welt kam und heute in Russland in einer Opferorganisation arbeitet. Es habe nur etwa jedes zehnte in einem solchen Lager geborene Kind überlebt, sagt er.

Um wenigstens die Erinnerung an die Kinder vom St.-Pauli-Friedhof am Leben zu erhalten, gibt es jetzt eine Namenstafel für jedes von ihnen. Sie wurden von einigen Dresdner Bürgern individuell gestaltet. Die Idee geht auf ein Schülerprojekt zurück, das vom Verein »Arbeit, Jugend, Bildung« betreut wurde. Man habe sich, sagt die Geschäftsführerin Solveig Buder, um eine Form der Erinnerungskultur bemüht, »die auch die Herzen von Menschen berührt, die den Nationalsozialismus nur aus Erzählungen und aus Geschichtsbüchern kennen«.

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