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Aus der Stadt gedrängt

Künstler protestieren gegen Gentrifizierung des Bahnhofsviertels in Frankfurt am Main

Als Protest gegen die Verdrängung von Junkies wollte sich eine Künstlergruppe öffentlich einen »Schuss« setzen. Nach massivem Druck musste sie an einen anderen Ort ausweichen. Wie die echten Junkies.

»Wir danken allen Schauspielern für folgende Rollen: Frankfurter Hauptschule, Presseleute, Kunststudenten, Junkies, Dezernenten, Kulturbeauftragte, Galeriebesitzer, Polizisten, Publikum und Kameramänner.« Mit diesem Kommentar beschreibt sich die Künstlergruppe »Frankfurter Hauptschule« wohl selbst am besten: Ein Schauspiel über Drogenpolitik und Vertreibung war es, das die Gruppe inszeniert hatte und an dem sich Vertreter der Stadt und der Medien als Komparsen beteiligten. Bei einer »Heroin-Performance« sollte sich eine Darstellerin sechs Mal an drei Abenden in der Galerie P der Kaiserpassage des Bahnhofsviertels vor Publikum einen »Schuss« setzen, um damit gegen die zunehmende Vertreibung von Drogensüchtigen aus dem Viertel zu protestieren. Die Medien liefen Sturm, das Ordnungsdezernat prüfte ein Verbot, das Kulturdezernat forderte eine Förderung in Höhe von 800 Euro zurück und Stadtrat Markus Frank (CDU) diffamierte die Performance als »krank« - derweil sich die Künstlergruppe nach eigener Aussage vor Ticketanfragen kaum retten konnte.

Dabei hatten die Mitglieder der Frankfurter Hauptschule, die sich allesamt nicht namentlich nennen lassen möchten, nie eine Antwort auf die Frage gegeben, ob es sich bei dem angekündigten »Schuss« tatsächlich um eine Droge oder nur Kochsalzlösung handeln sollte. Die Performance konnte schließlich nicht wie geplant stattfinden bzw. »sehr konzentriert und nur ein einziges Mal«, wie ein Sprecher der Künstlergruppe sagt. Und zwar nicht wie geplant im Bahnhofsviertel, sondern auf dem Rathausplatz »Römer« in der Stadtmitte.

Dabei spielt das Bahnhofsviertel eine entscheidende Rolle in diesem Schauspiel, das verdeutlicht, wie brisant das Thema Drogenkonsum für die Stadtpolitik ist. Die Aktion der Frankfurter Hauptschule richtete sich von Beginn an gegen die Initiative »TAB - Taunusstraße, Arts und Bites«, die einen der letzten von Rotlicht- und Drogenmilieu geprägten Orte des ehemals berüchtigten Frankfurter Bahnhofsviertels zu gentrifizieren beabsichtigt - nämlich besagte Taunusstraße. Nur wenige hundert Meter vom Frankfurter Bankenviertel entfernt ist aus dem einstigen Sündenpfuhl in den vergangenen Jahren ein neues In-Viertel mit Szenebars und Galerien geworden. Aufgrund der dort ansässigen Drogenkonsumräume ließ sich die Taunusstraße jedoch bislang nicht gänzlich ummodeln.

Dagegen will die TAB-Initiative angehen: Mit Kunstausstellungen, Konzerten und Gastronomie lädt sie zum »Neuerobern« des Bahnhofsviertels ein. Beteiligt an dem Projekt, das die Stadt angeblich mit einer fünfstelligen Summe bezuschusst, sind der Schlagersänger Daniel Wirtz sowie CDU-Stadtrat Frank. Wirtz, der offensichtlich eine Wohnung im Viertel gekauft hat, profiliert sich gern als besorgter Vater, der »mit dem Kinderwagen lieber einen Bogen« macht, weil das »Gleichgewicht« zwischen der Drogenszene und anderen Bewohnern nicht stimme. Die Frankfurter Hauptschule nennt Wirtz hingegen einen »Vertreibungskünstler« und betont, dass »Junkies ins Bahnhofsviertel gehören wie der Wind zum Meer«. Die Kritiker planten ihre Performance deshalb genau in der Ladenpassage, die zentral für die Aufwertungspläne der TAB-Beteiligten ist.

Nach einem ungeahnten Medienhype musste das Kollektiv die für Freitag geplante »Heroin-Performance« in der Kaiserpassage wenige Stunden vorher absagen. Das Verbot kam schließlich nicht vom Ordnungsamt, sondern von der Firma, der die Galerie gehört. Wie die echten Drogenkonsumenten reagierten auch die KünstlerInnen der Frankfurter Hauptschule: Sie suchten schlichtweg einen anderen Ort, um sich einen »Schuss« zu setzen. »Die Performance hätte keinen sinnigeren Abschluss finden können«, erklärte die Gruppe.

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