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Es ist ein Emoji!

Die Oxford Dictionaries-Redaktion kürt das Tränen lachende Bildzeichen zum Wort des Jahres

  • Von Christian Baron
  • Lesedauer: 5 Min.

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Nach der Wahl des Freudentränen-Emojis zum britischen »Wort des Jahres« stellt sich die Frage: Erleichtern Bildzeichen die schriftliche Kommunikation oder verflacht sie dadurch auf Vorschulniveau?

Normalerweise steht Mike Scott aus ganz anderen Gründen im Rampenlicht. Die Prominenz des Flügelspielers der Atlanta Hawks in der nordamerikanischen Profiliga NBA speist sich zuvorderst aus dem Basketball. Zuletzt sorgte er aber aus privaten Gründen für Schlagzeilen. Im Sommer zog Scott der Korb- eine Verfolgungsjagd mit der Polizei vor, die später 35 Gramm Marihuana und elf Gramm Ecstasy in seinem Auto fand.

Ob der Sportler eines dieser bewusstseinsverändernden Mittel intus hatte, als er sich kürzlich beide Arme mit Emojis tätowieren ließ, ist nicht bekannt. Warum die lachenden, weinenden und küssenden Bildschriftzeichen seinen Körper schmücken, dafür lieferte er gegenüber »Yahoo Sports« immerhin eine Erklärung: »Manchmal drücken sie aus, was sich nicht in Worte fassen lässt. Man kann eine lange Unterhaltung führen, dabei nur Emojis verwenden und alle verstehen sich.«

Wer über WhatsApp, Snapchat oder Facebook kommuniziert, kommt kaum mehr ohne diese Bilder aus, die sich auch als »Emoticons« mit klassischen Schriftzeichen darstellen lassen. Ironie wird dabei nicht mehr in erster Linie mithilfe ausgefeilter Satzkonstruktionen ausgedrückt, sondern immer häufiger über ein zwinkerndes Gesicht. Ebenso ergeht es den sonst so leidenschaftlich formulierten Liebesbekundungen (Kussmund), Zornausbrüchen (roter Kopf) oder Ekelausdrücken (kotzendes Antlitz).

Wer nicht in der Lage ist, Ironie so auszudrücken, dass sie jeder versteht, der solle sich gar nicht erst der Schriftsprache bedienen, findet etwa der Sprachpfleger und Lesebühnenautor Heiko Werning. Doch selbst mancher Vertreter seiner unnachgiebigen Zunft dürfte sich zwischen all seinen Tiraden gegen den Niedergang der Sprache in Eile schon mit einem :-) oder einer Grinsegrafik begnügt haben, wenn er irgendwen digital über sein freudiges Gemüt informieren wollte.

Dass die Oxford-Dictionaries-Redaktion das Freudentränen lachende Emoji zum »Wort des Jahres 2015« gewählt hat, ist nun nicht etwa ein weiterer Beweis für das Ende der bürgerlichen Hochkultur, sondern vielmehr ein Symptom für die immer dynamischere Veränderung derselben. »Emojis verkörpern einen zentralen Aspekt des digitalen Lebens, das sehr visuell, emotional und unmittelbar ist«, so die Pressemitteilung zur Wahl. Der Chef von Oxford Dictionaries, Caspar Grathwohl, äußert sich darin geradezu euphorisch: »Emojis sind zu einer wichtigen Form der Kommunikation geworden, die sprachliche Grenzen überwinden kann.«

Die Wahl ausgerechnet dieses freudigen Emojis ist jedoch auch eine Steilvorlage für die pessimistischsten unter den Sprachverlotterungskritikern. Dass es in Großbritannien von allen Emojis am häufigsten verwendet wird, wie der App-Entwickler »Swiftkey« herausfand, dürfte ihnen als Ausdruck der Ideologie des positiven Denkens erscheinen. Die profilierteste Kritikerin dieser »Optimismus-Industrie« ist die US-Soziologin Barbara Ehrenreich. In ihrem Buch »Smile or Die« (»Lächle oder stirb!«) beschreibt sie, wie Glück immer nur Mittel zum Zweck ist und nurmehr als Botenstoff für Erfolg in der Leistungsgesellschaft daherkommt, die von jedem die maximale Belastbarkeit im abhängigen Erwerbsleben erwartet - und in der komplexe Empfindungen mitunter zu einem einzigen Zeichen komprimiert werden.

Allerdings geht es bei Emojis - darauf deutet schon der Name hin - nicht darum, Gefühle auf eine alberne Grafik zu reduzieren, sondern spontane Emotionen auszudrücken. Auch wenn sich Wissenschaftler verschiedener Disziplinen über die begriffliche Abgrenzung streiten, lässt sich doch eine Differenz herausstellen: Eine Emotion ist eine dezidiert nach außen sichtbare affektive Gemütsregung, Gefühle sind hingegen Impulse und Empfindungen, die über die Sinnesorgane in das Bewusstsein treten. Emojis sollen damit nicht komplexe Gefühlsketten darstellen, sondern Emotionen ausdrücken. Mehr Mitteilungspotenzial lässt sich ihnen nicht zuschreiben.

Eher eine Spielerei denn Literatur ist daher auch das 2014 erschienene erste ausschließlich aus Emojis bestehende Buch. Das »Book from the Ground« des chinesischen Künstlers Xu Bing schildert einen gewöhnlichen Tag im Leben eines typischen städtischen Angestellten. Wer es liest, hat keinen Zweifel daran, dass es der Worte bedarf, wenn ein Werk ernsthaft über die postmoderne Beliebigkeit hinausgehen will.

Der Sprachwissenschaftler Anatol Stefanowitsch von der Freien Universität Berlin gesteht in einer Forschungsarbeit zwar ein, es sei möglich, mit Emojis ganze Sätze darzustellen. Dabei stoße man aber schnell an mindestens zwei Grenzen: »Erstens ist es schwer, über Abstraktes wie Uhrzeiten zu sprechen. Zweitens gibt es in einem Satz aus Emojis keine Grammatik.« Dennoch glaubt der Germanist, dass sich Emojis als Kommunikationsmittel halten werden. Dafür spricht nicht nur, dass es mittlerweile Emoji-Tastaturen für den Computer gibt, sondern auch der Umstand, dass »Sony Pictures Animation« demnächst einen Kinofilm über Emojis produzieren will. Finnland hat Anfang November zu Marketingzwecken sogar eigene Emojis entwickelt. Sie zeigen Menschen in der Sauna, Headbanger mit Pommesgabel oder ein nostalgisches Bild des Handymodells »Nokia 3310«.

Wer zur Verteidigung der Emojis nicht auf die Populärkultur zurückgreifen will, dem liefert die Publizistin Felicia Engelmann jetzt zusätzlich ein historisches Argument. In ihrem gerade erschienenen Buch »Bedeutende Briefe« ist ein Schriftstück Albrecht Dürers aus dem Jahr 1506 enthalten, das ein lachendes Gesicht mit großer Nase, irrem Blick und wirren Haaren zeigt. Wenn also schon der berühmte Nürnberger Maler den Reiz der Emojis für sich entdeckt hatte, dann ist es wirklich nicht mehr allzu weit bis zu dem Schluss, dass Mike Scott sich wahrhaft große Kunst auf die Arme tätowieren ließ ;-)

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