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Vergesst die Grande Nation!

In Paris wurde nicht Frankreich angegriffen, sondern die gesellschaftliche Linke

Wer Kriege führt, wird eben angegriffen, krähen einige Linke nach Paris in diversen Facebook-Debatten. Anti-Imperialisten der alten Schule. Ist Frankreich nicht selbst schuld an den Attentaten? Hat die Kolonialmacht nicht ständig Krieg geführt, ganze Bevölkerungen enteignet und unterdrückt? Hat Frankreich nicht 1920 auch Syrien besetzt und jahrzehntelang ausgebeutet? Um das Land knappe hundert Jahre später erneut zu bombardieren. Na also. Dafür bekommt die Grande Nation jetzt ihre Quittung, so der Tenor.

Der Feind des IS steht links

Natürlich, die Grande Nation muss niemand betrauern. Doch nicht sie wurde vom IS angegriffen. Nicht die Kriegsherren, nicht die Soldaten, nicht die Politiker und vor allen Dingen nicht der Staat. Nicht die dekadente Elite, nicht das Rotlichtmilieu. Sondern wir. Wir Linken.

In den zerschossenen Cafés und Kneipen im zehnten und elften Bezirk von Paris trifft sich die linksliberale, kritische Mittelschicht. Hier tranken am Freitag tolerante, tendenziell antirassistische und pazifistische junge Menschen ihr »Demi«, ihr Feierabend-Bier. Im »Petit Cambodge« saßen junge Pariser, die vielleicht über den antimuslimischen Rassismus in Frankreich diskutiert haben. Die besorgt waren über das Erstarken des Front National. Leute, neben denen wir täglich in Kreuzberger Cafés sitzen. Jenes Milieu eben, das in Frankreich wie auch in Deutschland sehr wichtig ist für den Zusammenhalt der Gesellschaft, weil es das größte Bollwerk gegen rechts darstellt.

Linksliberale Antirassisten. Die gesellschaftliche Linke. Sie ist dem IS ein Dorn im Auge, dessen Ziel die zunehmende Spaltung der westlichen Gesellschaft ist. Die Isolation der Muslime. Sie sollen sich dem fundamentalistischen Islamismus zuwenden. Und die Mittelschicht soll von Angst und Terror getrieben nach rechts wandern. Wie in der Türkei. Dort wurde eine Friedensdemonstration angegriffen, denn vom Frieden kann der IS nicht profitieren. Eine friedliche Gesellschaft, eine antirassistische Gesellschaft würde ihm den Boden entziehen. Das will er verhindern.

Angstzustände, Ausnahmezustände

Ohne Zögern akzeptiert das kritische Milieu in Paris den Ausnahmezustand, die selbstverständliche Außerkraftsetzung von Grundrechten, auf unbestimmte Zeit. Grund ist die Angst. Täglich brechen in den Straßen von Paris neue Massenpaniken wegen Fehlalarmen aus. Jeder junge Pariser kennt jemanden, der am 13. November ermordet wurde. Freunde. Bekannte. Ein kollektives Trauma, das ein ganzes Milieu zeitweilig politisch außer Kraft setzt.

Nach 9/11 konnte auch George W. Bush ohne Probleme den Patriot Act durchsetzen. Geheimdienste erhielten umfassende Befugnisse. Der Ausnahmezustand in Frankreich umfasst Versammlungsverbote, Durchsuchung von Wohnungen ohne richterliche Anordnung, Verhängung von Ausgangssperren, Schließung von Versammlungsorten und die Verordnung von Sicherheitszonen. Das wird große Auswirkungen auf die Proteste gegen den Klimagipfel haben. Gleichzeitig werden Moscheen radikaler Imame geschlossen. Die migrantische Community in Paris gerät ebenfalls in große Angst.

Driftet die vom IS angegriffene kritische Jugend Europas nach rechts, wird es tatsächlich gefährlich. Zumal nicht nur der IS, sondern auch die Rechten in Europa ordentlich an dieser Spaltung arbeiten. Das gilt für den Front National ebenso wie für die deutsche Rechte, von Bachmann über Matussek bis Seehofer. Pegida marschiert, die AfD erstarkt und die Linke weiß immer noch nicht recht, was sie dem entgegensetzen soll.

Von Suruç über Ankara nach Paris

In Rojava wird unsere Freiheit verteidigt, sagen wir als Internationalisten. Nach dem Attentat von Suruç wussten wir, dass wir gemeint waren. Als Linke, die den kurdischen Kampf unterstützen. Dass wir dort hätten sterben können, wären sie nicht eine Solidaritätsbrigade vorher oder nachher nach unten gefahren. Wir haben uns betroffen gefühlt, viele von uns waren gemeinsam mit kurdischen Genoss*innen auf Trauerkundgebungen in ganz Deutschland. Ähnlich erging es uns nach dem IS-Attentat in Ankara. Dieses Bewusstsein fehlt nach dem Pariser Attentat völlig. Es verliert sich in der trotzigen Abwehrreaktion gegen die Staatstrauer, gegen den Medienhype, gegen das blau-weiß-rote Meer.

Was für die einen die französische Flagge, ist für die anderen die antiimperialistische Verkürzung. Für die meisten ist in Paris nicht die linksliberale Jugend gestorben, sondern der französische Bürger. So erzählt es uns die politische Elite. So erzählen es uns diese dämlichen Trikolore-Facebook-Profile. Diesen Nationalismus müssen wir aufbrechen. Ihre Kriege, unsere Toten.

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