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Ohne Zeitgeistgeblinzel

Der ungewöhnlich poetische Roman »Freie Folge« von Thomas Kunst

  • Von Michael Hametner
  • Lesedauer: 3 Min.

Der Genuss an der Lektüre steigert sich in dem Moment, wenn der Leser aufhört, sich jeden Satz in Sinn zu übersetzen. Was nicht heißt, dass der Roman keine Geschichte und keinen Sinn hätte. Im Gegenteil: Die Erzählungen bestehen aus belastbaren Sätzen mit Logik. Nur ist es die Logik einer Thomas-Kunst-Welt, in der rechte (Wort-)Winkel fehlen.


Thomas Kunst: Freie Folge. Roman.
Jung und Jung. 251 S., geb., 24,99 €.


Auch wenn die Wände schräg sind, sind sie stabil. Warum sollen nicht die Kaninchen und Schmetterlinge das Gewehr umdrehen und die Jäger jagen? Warum soll in Rumänien nicht der beste Vogel das Rind und der Kaminturm auf einem rumänischen Marktplatz rund 250 Meter hoch sein?

Das ist das wundervolle Spiel des Thomas Kunst. »Freie Folge« ist der ungewöhnlichste Roman und vielleicht der schönste der Saison. Gemessen werden kann er nicht an Erwartungen wie jenen Romanen gegenüber, die sich in einen Realismus bohren, der Leben simuliert. Wenn er den Sinn-Hebel umgelegt hat, kommt der Leser gar nicht auf die Idee des Vergleichs. Es geht um »Natürlichkeit und Ungespreiztheit der Literatur, wie sie der Literaturbetrieb ignoriert«.

Diese Formulierung steht als programmatische Hoffnung über dem Poesiefestival, das auf Grönland stattfinden soll und dessen Vorbereitung in der Mitte des Romans näher beschrieben wird. Aber auf Grönland steht es um die wahre Poesie auch schon nicht mehr gut. Da geht es wie überall um »Geläufigkeitsmuster«, »Zeitgeistgeblinzel« und »Gelehrigkeitsraffinesse«. Thomas Kunst, immerhin schon drei Jahrzehnte Poet (was der parallel im Dresdner Verlag Edition AZUR erschienene Band »Kunst« eindrucksvoll belegt), wehrt sich gegen lyrische Moden. Gefordert werden im Roman »Schneeflächen als Widerspiegelungsterritorien der Literaturkritik«. - Na, gut, dann benutzen wir eine Schneefläche!

Der Roman beginnt mit der Welt von Ihde und ihrem wochentags abwesenden Mann. Sie wohnen mitten in ihrem 74 Hektar großen Wald, haben zwei Kinder, zwei Münsterländer und ein rumänisches Dienstmädchen namens Ioana. In ihrem Haus findet Ioana auffallend viele Kühltruhen und gelegentlich einen Teelöffel in ihrem Schuh. So läuft die Geschichte in freier Folge von Hohendreesen nach Grönland und am Schluss nach Los Angeles, wo die inzwischen erwachsenen Kinder von Ihde ein Praktikum absolvieren und sich mit Waffen in ihrem Appartement gegen anrennende Verbrecher verteidigen müssen. Ist das die Apokalypse? Vermutlich nicht. Oder: Vermutlich doch.

Das Erzählen fliegt, wie Greifvögel fliegen, die dem Falkner frei von Baum zu Baum folgen, was man laut Glossar im Roman Freie Folge nennt. Eine Folge mit Witz und Humor. Besonders wenn der Autor darauf verzichtet, alle seine handelnden Personen vorzustellen: »Ihde zu beschreiben, würde zu weit führen«, »Ihdes Mann zu beschreiben, würde zu weit führen«. Einzig der schönen Ioana kommt er so nahe, dass sie leibhaftig durch den Roman zu gehen scheint. Vermutlich hat er sich in sein Geschöpf verliebt. Taktvoll erspart er sich Einzelheiten von Ioanas Arbeit beim Escort-Service.

Der Roman eines Lyrikers hat anderes zu bieten als Sinn oder Plot. Wenn der Leser stutzt, ob er diese oder jene Passage nicht schon gelesen hat, fallen die Wiederholungen auf, die dem Erzählen Struktur, Rhythmus und Klang geben und sich bald immer mehr ausweiten. Da wird mit Wiederholungsschleifen der Minimalismus gefeiert, der sich auf der dem Buch beigelegten CD noch einmal musikalisch ausbreitet. Während der Lektüre gehört, ist die Lese-Atmosphäre perfekt. Alles Musik von Thomas Kunst auf einem halben Dutzend Instrumenten eingespielt, abgemischt mit Hundegebell, Möwenschreien und Wellenrauschen. Sicher, die Lektüre braucht einen Leser, dem Literatur eben nicht der lange Arm der Wirklichkeit ist, sondern das freie Spiel der Worte. Lange nicht gelesen, einen solcher Art poesievollen Roman!

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