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Ehrliche Reue

Die Lebensbeichte des berüchtigten Mafiabosses Giuseppe Grassonelli

  • Von Frank-Rainer Schurich
  • Lesedauer: 4 Min.

Unterschiedlicher können die Lebensläufe der Autoren nicht sein. Der eine, Giuseppe Grassonelli, gründete als junger Mann die Stidda, eine berüchtigte sizilianische Mafiaorganisation, die der Cosa Nostra einen unerbittlichen Kampf angesagt hat, der andere, Carmelo Sardo ist ein Journalist, der sich seit Anfang der 1980er Jahre intensiv mit der Mafia beschäftigt. Giuseppe Grassonelli wurde 1992 verhaftet und zu lebenslangem Gefängnis verurteilt - ohne Aussicht auf Entlassung, Carmelo Sardo interviewte ihn im Gefängnis; aus diesen Gesprächen entstand ein bewegendes Buch.


Giuseppe Grassonelli/ Carmelo Sardo: Rache an Cosa Nostra.
Erinnerungen an mein Leben als Mafiaboss. Lübbe. 400 S., geb., 19,99 €.


Hautnah geschildert wird das Gemetzel des blutigen Mafiakrieges, der durch die Rache des Protagonisten (im Buch nennt er sich Antonio Brasso) entfesselt wurde und ganz Italien erschütterte. Das Schicksal des Serienkillers berührt dennoch, weil er seine Taten ehrlich bereut und zu einem neuen Leben findet - durch das Studium der Philosophie und Literaturwissenschaften. Giuseppe Ferraro, Philosophieprofessor an der Universität Federico II in Neapel, der einen Kurs im Gefängnis leitete, hat ihn zum Umdenken bewegt. So ist jenem denn auch ein eigenes Kapitel gewidmet: »Der Professor«.

Brasso (wie wir ihn jetzt nur noch nennen wollen, wenn es um die Beichte geht) besaß nur einen Hauptschulabschluss, als er festgenommen wurde. Er holte die Mittlere Reife nach, dann das Abitur, und schließlich schrieb er sich an der Universität in Philosophie, Vortragskunst und Informatik ein. Das Zusammentreffen mit dem Professor »veränderte für immer mein Denken. Ich begann den Dingen Namen zu geben, die ich zwar kannte, aber nicht benennen konnte. Ich verstand jetzt, wie elementar wichtig menschliche Beziehungen waren, als die einzige Möglichkeit, festgeschriebene Zustände verändern zu können.«

Der reumütige Sünder hatte eine kriminelle Kindheit im sizilianischen Arbeitermilieu verlebt und war 20, als er miterleben musste, wie Familienmitglieder von der Cosa Nostra ermordet wurden, darunter auch sein geliebter Großvater. Er schwor bittere Rache.

Zwischen den beiden Autoren hat sich eine tiefe Verbindung entwickelt, wie wir am Beginn des Buches lesen. Für den einen ist der Journalist ein »lieber Freund«: »Ich habe das ›Böse‹, den Hunger und die soziale Isolation erlebt. Doch als du in mein Leben getreten bist, wurde es hell, wie durch eine Sonne, die mich von innen erleuchtet hat.« Für den anderen war jemand zurückgekehrt, der etwas zurückgibt. Und er widmet das Buch all jenen Giuseppes, die im Gefängnis »lebendig begraben«, aber in der Legalität zurück sind.

Bücher und auch Zeitungen können bekanntlich auf verschiedene Weise gelesen werden, von vorne oder vom Schluss her. Es sei empfohlen, zuerst das Postskriptum in drei Kapiteln zu lesen. Dadurch können die höchst kriminellen Handlungen, aber auch die Wandlungen und die tiefe Reue des »lebendig begrabenen« Antonio Brasso alias Giuseppe Grassonelli besser verstanden werden. Und erst, wenn wir das Ende gelesen haben, empfinden wir seinen poetischen Satz im Einleitungskapitel »An meinen Feind« als glaubhaft: »In diesem unendlichen großen Meer des Schmerzes werden wir unweigerlich ertrinken.« Und im Nachwort fragt er uns: »Muss eine demokratische Gesellschaft nicht fähig sein, auch den Sünder aufzunehmen, der sich schwerer Verbrechen schuldig gemacht, aber dann bereut hat? Wenn nein: Kann sie sich dann überhaupt demokratisch nennen?«

Carmelo Sardo wiederum blickt auf das Blutbad durch die Brille des entsetzten Journalisten. Zwei Opfer waren einfach im falschen Moment am falschen Ort. Er bescheinigt seinem nunmehrigen Freund, dem einstigen Kriminellen, dass dieser sein Schicksal mit großer Würde trägt. Als Nachwort ist hier ein Brief an Giuseppe Grassonelli abgedruckt, den der schon erwähnte feinsinnige Professor Giuseppe Ferraro schrieb, nachdem er das Manuskript des Buches gelesen hat. »Wir müssen Menschen der Rückkehr und nicht des Grolls sein«, schreibt der Philosoph. »Wir alle sind aufgerufen, die wichtigste Bindung von allen wiederzufinden, die des Lebens. Der Sinn des Lebens besteht darin, das Leben der Welt und die Welt dem Leben zurückzugeben.« Der Wissenschaftler meint zudem, dass sich die Gesellschaft immer dann in einem »Verbrecherkrieg« befindet, wenn das soziale Wohlbefinden und das Gemeinschaftsdenken aus dem Lot geraten sind. Wie wahr.

Bleibt noch anzumerken, dass Giuseppe Grassonelli in den USA gewiss schon längst auf dem elektrischen Stuhl gelandet wäre oder bei einer unerträglichen Giftspritzenquälerei sein Leben ausgehaucht hätte. In den Vereinigten Staaten, die vorgeben, immerfort sich im Namen der gesamten Menschheit selbstlos für Freiheit, Gerechtigkeit und Demokratie einzusetzen, wäre die hier beschriebene wunderbare Heimkehr, Vergebung und schließliche Integration in die Gesellschaft nicht möglich gewesen.

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