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Vielleicht wird er konservativ? Aber dann nur für drei Tage ...

Eine fabelhafte Fibel: Worte des Vorsitzenden Gregor Gysi

  • Von Hans-Dieter Schütt
  • Lesedauer: 4 Min.

Wie belebend, dass der Leser bei einem so unbekümmert heiter gedachten Buch doch sehr ernst werden kann. Denn unbekümmert - heiter sowieso - darf man dies Büchlein durchaus nennen. Eine Gefälligkeit. Eine Zueignung. Eine Gewogenheitsgeste. Ein freundliches Geschenk für Gregor Gysi zu dessen Abschied vom Fraktionsvorsitz der Linkspartei im Bundestag.


Hanno Harnisch/ Olaf Miemiec (Hg.): Worte des Vorsitzenden Gregor Gysi.
Eulenspiegelverlag. 160 S., br., 10 €.


Es wäre kein Problem gewesen, die vorliegende Zitatensammlung von »Alternativen« bis »Zuwanderung« ohne auffällige Formanleihe zu veröffentlichen. Aber diese buchgestalterische Anleihe just bei der legendären Mao-Fibel von 1967 zu nehmen, das möge ernst genommen sein. Jene berühmt-berüchtigte Fibel war nicht irgend ein Verhaltenskanon. Sie sollte Erziehungswaffe sein in einem grausamen Indoktrinierungskrieg gegen Menschen - im Namen der Menschlichkeit. Roter Stern auf rotem Umschlag, und dann solche Sätze: »Die Welt schreitet vorwärts, die Zukunft ist glänzend, und niemand kann diese Tendenz der Geschichte aufhalten. Im Klassenkampf siegen gewisse Klassen, während andere vernichtet werden, und wer nicht denkt wie wir, wird vernichtet.« Die Redakteure des Gysi-Büchleins, Olaf Miemiec und Hanno Harnisch, fassen das Entscheidende in den Satz: »Menschen wie Mao schätzen das Leben des Einzelnen nicht besonders. Für ein großes Ziel scheint es ihnen gerechtfertigt, das Leben anderer, auch vieler zu opfern.«

Das ist doch einen Gedanken wert: Wie viel Geschichte musste (leider) geschehen, wie viel rote Hybris musste (hoffentlich endgültig) weggefegt werden, damit so ein linkes Fibelchen fabelhaft werden konnte. »Worte des Vorsitzenden Gregor Gysi«: Ihm steht der Aphorismus näher als der Kommunismus (»seit 1989 sage ich: Wir können mit dem Wort Kommunismus unsere Ziele nicht erklären«), das ist gut, aber zur Qualität des Büchleins gehört, dass nicht nur Sprüche geklopft werden, sondern sich in längeren Passagen (über Europa, die SPD, die eigene Partei) Konzepte offenbaren, Argumente entwickeln dürfen.

Gysi offenbart die linke Ausnahme: jenes harmonische Rendezvous der Unterhaltung mit der Überzeugung. Er weiß, dass eine Gesinnung nicht schön sein kann, das Leben sehr wohl - und schon hat man Alternativen zum Parteigrau. Auch und gerade in der bürgerlichen Gesellschaft. Mit diesem Wissen arbeitet er daran, dass Parteisoldaten endlich aussterben. Parteisoldaten finden nicht heraus aus Pflichtgefühlen, also absoluter Gefühlsarmut. Gysi hat für das Linke gestritten und gelitten, er hat gewaltet und gestaltet, aber er sieht natürlich keine Gefahr, »dass ein wirkliches Genie Politiker wird«. Und: Er verhärtete niemals in der Penetranz, ein linkes Programm für das einzig gute, gültige, gerechtfertigte zu halten. Freilich könnte es Sprengkraft haben: »Wenn wir in einen westdeutschen Landtag einziehen, verändern wir Deutschland, wenn wir in Bayern einziehen, verändern wir die Welt.«

Er wundert sich, dass Angela Merkel weiß, dass er Single ist. Wagenknecht und Bartsch »müssen deutlich machen, das sie die Vorsitzenden der gesamten Fraktion sind«. Leben möchte er so lange, »bis es zu beschwerlich wird«. Sätze aus Interviews, Reden, Büchern. Langeweilekiller in Parteipamphleten. Bemerkungen über Darmbakterien und Kafka, Obama und Sahra Wagenknecht, Drogen und Herzinfarkte. Und über das Deutsche - zur Nationalität muss man »ein Gefühl, ein Verhalten und ein Verständnis entwickeln«. Er betont, dass wir in einer »politischen Demokratie« leben, »deshalb kommt für uns nur der gewaltfreie Weg der Transformation in Frage«. Wenn die Mehrheit der Leute die Linken nicht wolle, »haben wir nicht das Recht, sie zu unserem Weg zu zwingen«.

Wahlkämpfer und Witzbold. Zu klug, um Losungen schon für Lösungen zu halten. Nun kehrte er ins Fraktionsvolk zurück, ist ein gewöhnlicher (linker) Abgeordneter, also einer, der alles behaupten darf, wenig beweisen kann und nichts zu verantworten hat. Diese Arbeit tun viele. Aber wer redet so erfrischend darüber wie Gysi? Der in den kommenden Adventswochen »konservativ« wird. Aber »nur für drei Tage und in der Nähe des Weihnachtsbaumes«. Vielleicht liest er, während seine Freunde diese Fibel lesen, sogar in der Bibel.

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