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Café Klatsch ungewiss

Die Zukunft eines der ältesten Kollektivbetriebe der Alternativbewegung steht auf dem Spiel

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Im bürgerlich-spießigen Wiesbaden ist das linke Café Klatsch einzigartig. Nun stehen die Räume zum Verkauf. Ein Verein im Umfeld der Betreiber will mitbieten. Was fehlt, ist Geld.

Das Café Klatsch in Wiesbaden gehört zu den ältesten westdeutschen Kollektivbetrieben. Seit 1984 wird es in Selbstverwaltung betrieben. Nun droht den Räumen der Verkauf und dem Café die Schließung. Die Initiative Linksroom will das verhindern und sammelt Geld, um den Laden zu kaufen und ans Kollektiv zu vermieten. »Alles soll so weiterlaufen wie bisher«, sagt Julia vom Kollektiv.

Anfang der 80er Jahre war eine Gruppe Wiesbadener Aktivist_innen angetreten, dem bürgerlichen Establishment der Spießermetropole etwas entgegenzusetzen. Sie kannten sich von den Protesten gegen die Startbahn West am Frankfurter Flughafen und von den Vorbereitungen der Widerstandsaktionen gegen die internationale Militärmesse MEDE, die damals in Wiesbaden stattfand. Daraus entstand eine festere Gruppe, der es 1984 gelang, den düsteren Saal der Bierfestung Barbarossa im Rheingauviertel zu mieten. Mit Hilfe vieler Aktivist_innen wurden die gut 150 Quadratmeter großen, hohen Gasträume aus der Gründerzeit renoviert und in eine Kneipe mit proletarischem Ambiente und linkem Flair verwandelt. Am Tag der Eröffnung und in den folgenden Wochen und Monaten konnte sich das Klatsch-Kollektiv vor Gästen kaum retten. Der Ansturm war so gigantisch, dass aus elf schnell 33 Kollektivist_innen wurden. Die Idee des politischen Szenetreffs im bürgerlich-spießigen Wiesbaden hatte voll eingeschlagen.

In den folgenden Jahren entwickelte sich das Klatsch zu einem über Wiesbaden hinaus bekannten Ort für Informationsveranstaltungen, Ausstellungen, Musik, Theater, Zirkus, Pantomime und abseitige Kultur, ergänzt durch ein breites Angebot anarchistischer, autonomer und linker Zeitungen, Periodika, Flugblätter und Plakate und der aktuellen Tagespresse. Soliaktionen wie zum Bergarbeiterstreik 1984/85 in Großbritannien, die Organisation des Volkszählungsboykotts 1987 oder die von heftigen Diskussionen begleitete Spendenaktion »Waffen für El Salvador« 1987/88 hatten Platz im Klatsch. Kollektivmitglieder beteiligten sich an den Libertären Tagen, engagierten sich in der Anti-Atom-Bewegung, initiierten Hausbesetzungen oder sind in der Antifa aktiv. Projekte wie das Kultur- und Tagungshaus Rauenthal oder das Frauengesundheitszentrum Sirona gingen aus dem Klatsch hervor oder wurden maßgeblich unterstützt.

Das Lokal ist Treffpunkt für gemeinsame Anreisen zu Demos und Konzerten; Mobilisierungen gegen rassistische Angriffe auf Flüchtlinge gehören genauso zum Konzept wie das kühle Bier nach einer gelungenen Aktion sowie gutes Essen aus möglichst biologisch angebauten Lebensmitteln zu erschwinglichen Preisen. War das Klatsch bis Anfang der 1990er Jahre eher autonomer Szenetreff, so hat es heute eine breite Stammkundschaft, alle Altersstufen und sozialen Schichten kommen hier vorbei. Der anfangs kritisch beäugte links-alternative Treff hat in Wiesbaden längst Kultstatus.

Seit 31 Jahren wird das Klatsch ohne Chef, kollektiv betrieben, werden Entscheidungen im Konsens getroffen und die Arbeitenden nach Einheitslohn bezahlt. In wöchentlichen Plena verständigt sich das Kollektiv über den Café-, Restaurant- und Barbetrieb, die Unterstützung anderer Projekte und Veranstaltungen und nicht zuletzt über nicht-ausbeuterische Arbeitsbedingungen. Kein Mensch, der ins Kollektiv einsteigt, muss sich einkaufen, niemand zieht Gelder ab, wenn er oder sie aussteigt.

Der Besitzer der Immobilie hat nun die Räume für 250 000 Euro zum Verkauf angeboten. Er sagt, auch er fände gut, wenn das Klatsch weitermachen könnte. Doch was neue Besitzer mit dem Lokal im mittlerweile weitgehend gentrifizierten Rheingauviertel planen, ist nicht vorhersehbar. Was der gemeinnützige Verein Linksroom vorhat, ist hingegen bekannt: Er will das Klatsch als Raum für emanzipatorische Bewegungen erhalten und dauerhaft dem Immobilienmarkt entziehen. Die Betreiber haben Vorkaufsrecht, allein es fehlt das Geld. Unter dem Motto »500 x 500« haben die Unterstützer deshalb eine bundesweite Soliaktion in eigener Sache gestartet. Gesucht werden 500 Menschen, die jeweils 500 Euro spenden oder ein langfristiges Darlehen an Linksroom vergeben. Um ihr Anliegen bekannt zu machen, werden derzeit Unterstützerclips ins Internet gestellt. Diverse Solipartys wollen Geld für den Kauf sammeln. Linksroom ist optimistisch: »Wir schaffen das!« Sich ein »Recht auf Stadt« zu erkämpfen, »trifft den Nerv der Zeit«.

Ralf Dreis war von 1986 bis 1996 Mitglied des Klatsch-Kollektivs.

Hinweise zum Spenden:

linksroom.de

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