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Chronist des alternativen Undergrounds

Das Frankfurter Caricatura Museum widmet Gerhard Seyfried eine Ausstellung

Mit seiner satirischen wie selbstkritischen Darstellung linker Moden und Marotten wurde er zum Kultautor der linken Szene. Das Caricatura Museum in Frankfurt am Main widmet dem Karikaturisten Gerhard Seyfried eine Ausstellung.

Gute Zeichner, Grafiker und Karikaturisten sind auch Chronisten der Zeitgeschichte. Das trifft auf Klaus Staeck zu: »Deutsche Arbeiter! Die SPD will euch eure Villen im Tessin wegnehmen« (1972) und »Der Aktionär ist das größte Säugetier« (1975) heißen zwei seiner Arbeiten. Und das trifft auch zu auf Friedrich K. Waechter, Chlodwig Poth, F.W. Bernstein oder Gerhard Seyfried. Letzterem widmet das Frankfurter Caricatura Museum eine umfassende Ausstellung mit fast 500 Drucken, Zeichnungen und Gemälden. Wie kein anderer Zeichner wurde Seyfried ab Mitte der 1970er Jahre zum Chronisten der linken Bewegungen, des alternativen Undergrounds von der Berliner Hausbesetzerszene über die Frauenbewegung bis zur Frühphase der Ökologiebewegung und der »Grünen«, als diese noch nicht dem politischen Opportunismus und Konformismus verfallen waren.

Der 1948 in München geborene Seyfried wurde vom Gymnasium geworfen und absolvierte zunächst eine Lehre als Industriekaufmann. Zum Studium der Malerei und Grafik an der Münchener Akademie für das graphische Gewerbe wurde er 1967 - ohne Abitur - per Sondergenehmigung wegen »großer Begabung« immatrikuliert. Drei Jahre später musste er diese Lehranstalt wieder verlassen, weil er zum Streik und zu einer Demonstration gegen die Notstandsgesetze aufgerufen hatte. Seyfried begann nun für das Münchner Stadtmagazin »Das Blatt« zu zeichnen und bekam erste Kontakte mit Polizei und Justiz - wie viele politische Aktivisten in jener Zeit. Insofern halfen Behörden mit, dass sich der politische Protest formierte und in der Gründung zahlreicher linker Zeitschriften, Magazine und Verlage organisatorisch verfestigte.

1976 übersiedelte Seyfried von München nach Berlin (West), wo er sich in der alternativen Szene mit Cartoons und Comics für verschiedene alternative Zeitschriften bereits einen Namen gemacht hatte. 1978 erschien Seyfrieds »Wo soll das Alles enden. Kleiner Leitfaden durch die Geschichte der undogmatischen Linken« im Rotbuch Verlag. Die ebenso satirische wie selbstkritische Darstellung der linken Moden und Marotten, Albernheiten und sprachlichen Verstiegenheiten im politischen Alltag wie im chaotischen Wohngemeinschaftsleben wurde schnell zum Kultbuch in der linken Szene wie der 1979 entstandene Band »Freakadellen und Bulletten«. Das Titelblatt zeigt zwei Kioske mit den titelgebenden Firmenschildern und je zwei Freaks in undergroundmäßigen Klamotten und zwei Polizisten in voller Montur. Ein Jahr später erschien »Invasion aus dem Alltag«. In allen Büchern spielen die Omnipräsenz der Staatsmacht in Form der Polizei und die listigen bis subversiven Gegenstrategien der linken Bewegungen eine zentrale Rolle. F.W. Bernstein lobte die unverkennbare Handschrift Seyfrieds in den fast barock von Rand zu Rand gefüllten Zeichnungen aus dem alltäglichen Nahkampf mit dem Satz: »Gelobt sei seine pusselige, wuselige Linie, die sich um die winzigsten Kleinigkeiten kringelt«, von den Nasen, Helmen, Knüppeln und Augen der Polizisten bis zu den Klamotten und Frisuren der Demonstranten und Kiffer. Seyfried selbst kommentierte die Arbeiten aus den 70er Jahren mit dem Hinweis: »Es ging mir vor allem darum, diese gottverdammte deutsche Ehrfurcht vor Uniformen und staatlichen Symbolen anzugreifen.« Ob in kleinen Zeichnungen oder in großformatigen Plakaten und Wimmelbildern - die Ordnungsmacht und ihre expressiv-aggressiven Aktionen und Physiognomien sind immer präsent. Seyfried gestand einmal: »Im Grunde bin ich Anarchist« und bezog sich auf die Tradition von Erich Mühsam, Gustav Landauer und Wolfgang Neuss.

Weniger bekannt sind Seyfrieds Zeichnungen von Landkarten mit sprachlichen Verfremdungen: Eine Deutschlandkarte macht aus Wiesbaden, Heidelberg, Potsdam und München die Orte Kiesbaden, Neidelberg, Protzdam und Tünchen, eine andere verfremdet die Länder Schweiz, Polen, Frankreich, die Türkei und Deutschland zu Geiz, Popolen, Krankreich, Würgkei und Germoney. Das Wort »Groko« wird bei Seyfried zu »Große Kopulation, Groteske Korruption und Große Kotze«.

In den 90er Jahren verlegte sich Seyfried zusammen mit der Berliner Zeichnerin Ziska Riemann auf Science-Fiction-Comics, mit fantastischen, aber durchaus auch politisch zu lesenden Storys aus der Galaxis. Schon früh beschäftigte sich Seyfried mit Hanf und Cannabis. Ganz früh entstand ein Blatt mit dem Titel »LSD ins Trinkwasser«. Zusammen mit Mathias Bröckers verfasste er 1996 »Hanf im Glück«.

Von Seyfried gibt es bisher vier historisch-politische Romane. »Herero« (2003), die Geschichte des deutschen Kolonialismus in Südwestafrika, »Der schwarze Stern der Tupamaros« (2004), die Geschichte selbsternannter Guerilleros in München und Berlin nach der Studentenbewegung, und »Gelber Wind« (2008), ein Roman über den Boxeraufstand anfangs des 20. Jahrhundert in China. »Verdammte Deutsche« (2012) ist ein Spionageroman, der unmittelbar vor 1914 spielt.

Seyfried. Caricatura Museum Frankfurt. Bis 24.1., Di-So 11-18 Uhr.

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