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Psychisch Kranke warten Monate

Fachkongress fordert neue Therapiestrukturen und bessere Vernetzung

1975 erstattete eine Enquetekommission Bericht über die dringend nötige Reform der bundesdeutschen Psychiatrie. Obwohl diese stattfand, gibt es Wartezeiten und andere Probleme.

Pünktlich zum Jubiläum der Übergabe des Psychiatrieberichtes vor 40 Jahren an den damaligen Bundespräsidenten begann am Mittwoch in Berlin der Jahreskongress der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie, Psychosomatik und Nervenheilkunde (DGPPN). An der viertägigen Veranstaltung dieses Berufsverbandes nehmen über 9200 Besucher teil, darunter auch Hausärzte, für die erstmals ein eigenes Fortbildungsprogramm angeboten wird.

Mit der vor vier Jahrzehnten in Gang gesetzten Psychiatriereform wurden inhumane Verhältnisse beendet, bei denen man Patienten teils jahrelang in großen Anstalten mit riesigen Wachsälen und schlecht ausgebildetem Personal festhielt. Es wurde der ambulante Sektor ausgebaut und eine gemeindenahe Psychiatrie entwickelt. Dehospitalisierung hieß unter anderem, dass 50 000 Betten abgebaut wurden, das war die Hälfte des damaligen Gesamtbestandes. An den Allgemeinkrankenhäusern entstanden etwa 220 psychiatrische Abteilungen, darüber hinaus etwa die gleiche Anzahl von Fachkliniken mit 200 bis 400 Betten. Die durchschnittliche Verweildauer der Patienten sank pro Fall auf 22 Tage. Früher waren es 88 bis 230 Tage.

Trotz dieser Entwicklung ist allen Fachleuten bewusst, dass die Versorgung auf diesem Gebiet auch heute noch nicht optimal ist. DGPPN-Präsidentin Iris Hauth nannte in ihrem Eröffnungsbeitrag zum Kongress einige der aktuellen Problemlagen: »Es gibt teils überlange Wartezeiten, für die ambulante Psychotherapie sogar von Monaten. Die Bedarfsplanung ist mangelhaft.« Es existierten große Angebotslücken.

Mit dem neuen pauschalierenden Entgeltsystem in Psychiatrie und Psychosomatik, kurz PEPP genannt, drohe ein weiterer Personalabbau im stationären Bereich, der schon jetzt unterfinanziert sei. Deshalb gehört zu dem Kongress auch eine Protestaktion gegen das Regierungsprojekt, das spätestens 2017 allgemeinverbindlich werden soll. Gleichzeitig setzen die Psychiater und weitere betroffene Berufsgruppen darauf, dem Bundesgesundheitsministerium eine Alternative schmackhaft zu machen. Dafür hatten 18 Fachgesellschaften in seltener Einigkeit ein gemeinsames Konzept entwickelt. Ein sogenannter »strukturierter Dialog« zu diesem Thema soll zwischen Politik und Fach- sowie Wohlfahrtsverbänden im Februar 2016 fortgeführt werden.

Die Bilanz der Psychiatriereform ist Ausgangspunkt für viele Kongressthemen, die sich in diesem Jahr um neue Versorgungsansätze drehen. Das zeigt sich in Symposien zu »Trauma und Migration« oder zum Bemühen, die verschiedenen Behandlungsformen von ambulanter Psychotherapie bis zum Klinikaufenthalt besser zu verbinden.

Nimmt man die Zahlen des Robert-Koch-Institutes, ist der Umfang der psychischen Krankheiten nicht gestiegen. In den Praxen und Kliniken sieht man das anders, hier ist ein deutlich wachsender Hilfebedarf zu spüren. Immer noch gilt offenbar, dass nur 50 Prozent der Erkrankten überhaupt behandelt werden. Die Zahl der Fehltage durch Depressionen, Angststörungen und andere seelische Leiden war noch nie so hoch wie heute. Diese psychischen Krankheiten sind zudem der häufigste Grund für Frühverrentungen.

Eine Umfrage unter DGPPN-Mitgliedern ergab, dass diese die Versorgung vor allem durch fehlende Fachärzte, schlechte Finanzierung und die mangelnde Zusammenarbeit der Gesundheitsbereiche bedroht sehen. Knapp 60 Prozent der Befragten rechnen damit, dass es für psychisch Kranke in zehn Jahren noch schwieriger sein wird, die notwendigen medizinischen, therapeutischen und sozialen Hilfen zu erhalten. Schon heute ist die Hälfte der schwer erkrankten Patienten nicht berufstätig.

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