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Kapitalismus nach Hernán Cortés

2. Teil der Performanceserie »Monypolo - Liebe dein System« im Ballhaus Ost

Kapitalismuskritik ist ein halbes Jahrhundert nach dem vermickerten Ende des Realsozialismus nicht nur in Künstlerkreisen wieder richtig in. Einer eher ungewöhnlichen Variante bedient sich die Truppe von »Prinzip Gonzo«. Sie stellt in dieser Spielzeit in einer fünfteiligen Serie im Ballhaus Ost den Konquistadoren Hernan Cortés als schillernden Protagonisten des Frühkapitalismus vor und schlägt Brücken zu heutigen Entrepreneuren und Risikokapitalgebern. Das ist durchaus inspirierend, weil sich die Performer nicht nur allwissend und allkritisierend ihrem Gegenstand nähern, sondern manchmal regelrecht mit dem Haudrauf aus einer arg unterentwickelten spanischen Provinz mitfiebern. Gezeigt wird die Performance-Serie im ganz in Gold ausgekleideten Studio im 3. Stock des Ballhauses Ost. Die Glitzertapete ist schon ein Vorgriff auf das Finale: Cortés ertrank nach erfolgter Eroberung des Aztekenreiches geradezu in den dort angehäuften Goldschätzen.

Bevor es soweit ist, muss aber erst der ganze Lebensweg von Cortés abgeschritten werden. In der Eröffnungsperfomance ging Tim Tonndorf zunächst auf die schlechten Startbedingungen des jungen Cortés ein: Er war ein Hidalgo, ein »Sohn von irgendwas«, unterster Adel, der kein Gewerbe ausüben durfte und dennoch irgendwie zu einen repräsentativen Lebensstil kommen musste. Genüsslich werden Parallelen zu heutigen prekären Existenzen hergestellt. Cortés - einer von uns also? Im Gegensatz zu so manchem Zuschauer entwickelte sich der Held allerdings recht schnell vom wenig versprechenden Gelegenheitsstudenten in einen begabten Organisator, der nicht nur mit einer Idee - so fix auch immer sie zunächst erscheinen mochte - Männer um sich zu versammeln wusste, sondern auch logistische Probleme zu lösen verstand. Businessplan auf frühkapitalistisch lautete die nächste Station.

Unterlegt war diese Performance Lecture mit einigen Knobelaufgaben für das Publikum. Das Ziel der Serie ist schließlich der Aufbau eines Spieleparcours, der sich thematisch an Raubzugorganisation, -durchführung und -nachbereitung orientiert.

Im nun startenden zweiten Teil ist die Expedition nach Mexiko in vollem Gange. Das Aztekenreich soll nicht nur militärisch erobert werden. Es sollen durch geschickte Marketingkampagnen auch Teilkonsense mit einigen Bevölkerungsgruppen erzielt werden. War im ersten Teil vor allem die Investmentbranche Ziel der launigen Geschichtsaufarbeitung, so dürften jetzt die Medien- und PR-Branche ihr Fett abkriegen. Der Reiz des Projekts liegt vor allem in den Assoziationen über die Jahrhunderte hinweg. Die Begründung Europas als globaler Parasit wird deutlich. Zwar weiß man das alles, der eine oder andere im Detail auch besser als die Spieler. Doch der Abend lädt dazu ein, intensiver über die größeren Zusammenhänge nachzudenken und aus der hysterischen Taktung der News-Aufregungen herauszukommen.

26.-27., 29.11., 20 Uhr Ballhaus Ost, Pappelallee 15, Prenzlauer Berg

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