Werbung

Serielle Zuckungen

Der Tatort ist so integrativ wie die SPD an ihren guten Tagen: Matthias Dell über »Borowski und die Rückkehr des stillen Gastes«

Echt jetzt? Ihr wollt Geld von mir?

Ja, herrgottnochmal, es kostet!

Auch, wenn's nervt – wir müssen die laufenden Kosten für Recherche und Produktion decken.

Also, mach mit! Mit einem freiwilligen regelmäßigen Beitrag:

Was soll das sein

Wir setzen ab sofort noch stärker auf die Einsicht der Leser*innen, dass linker Journalismus auch im Internet nicht gratis zu haben ist – mit unserer »sanften« nd-Zahlschranke.

Wir blenden einen Banner über jedem Artikel ein, verbunden mit der Aufforderung sich doch an der Finanzierung und Sicherstellung von unabhängigem linkem Journalismus zu beteiligen. Ein geeigneter Weg besonders für nd-Online-User, die kein Abo abschließen möchten, die Existenz des »nd« aber unterstützen wollen.

Sie können den zu zahlenden Betrag und die Laufzeit frei wählen - damit sichern Sie auch weiterhin linken Journalismus.

Aber: Für die Nutzung von ndPlus und E-Paper benötigen Sie ein reguläres Digitalabo.

»Es ist noch nicht zu Ende«, zischt der Kieler Kommissar Borowski, als der stichverletzte Serienmörder Kai Korthals final an ihm herunterrutscht. Knapp eineinhalb lange Stunden sind bis dahin vergangen in dem »Tatort: Borowski und die Rückkehr des stillen Gastes« (NRD-Redaktion: Sabine Holtgreve, Degeto-Redaktion: Birgit Titze), und aus dieser Erfahrung lässt sich sagen: Die Worte Borowskis klingen wie eine Drohung, nicht wie ein Versprechen.

Die Folge soll - der Titel deutet es an und die Begleit-PR hat es eigens betont - beispiellos sein in der langen Geschichte der Reihe (es handelt sich um die 964. Ausgabe des Sonntagabendkrimis), weil ein Täter seinen zweiten Einsatz bekommt. Die seriellen Zuckungen des »Tatort« sind unübersehbar: In der großen weiten Welt der US-amerikanischen Fernsehserien werden solche erzählerischen Extensions aus Kinofilmen und Literatur längst geflochten (»Bates Motel«, »Hannibal«, »Fargo«); dass diese narrativen Belebungen ein so altes Format wie den »Tatort« reizen, ist nachvollziehbar.

Und Kai Korthals aus der Kieler Folge von 2012, der sozial dysfunktionale Postbote, der sich in fremden Leben einnistet, weil er selbst keins hat, wäre in seiner Psychopathologie, die sich zudem hinter dem kindlich-brutalen Lars-Eidinger-Gesicht versteckt, vorstellbar als Charakter, um den sich eine längere Geschichte spinnen ließe. Als Spin-off aus eigener Kraft, in dem auch mit der Borowski-Figur anders umgegangen werden könnte.

Mit »Borowski und die Rückkehr des stillen Gastes« aber wird der Ableger im Original inszeniert und der »Tatort«, der so integrativ ist wie die SPD an ihren guten Tagen, an die Grenzen seiner Belastbarkeit geführt. Anders gesagt ist diese Folge der permanente Ausnahmezustand, was man schon am strizzihaften Movember-Schnäuzer von Borowski aussehen kann.

Axel Milbergs Kommissar war immer merkwürdig, aber so merkwürdig war er noch nie. Wie in einem Traum erweckt ihn die Folge unvermittelt neben der vor langer Zeit verabschiedeten, still begehrten Frieda Jung (Maren Eggert) und lässt Pläne für das Zusammenleben schmieden. »Das Tolle am Rohbau ist, dass sie alles nach Ihren Wünschen gestalten können«, flötet die Maklerin. Boro (oder müsste man der ungewöhnlichen, unangenehmen Vertrautheit wegen besser sagen: Klaus?) erzählt der Schwiegermutter aus seinem Leben; sein bravster Stunt wird nicht verschwiegen (»Er hat sein Auto erschossen«).

Das Drehbuch von Sascha Arango trägt also alles auf, was im Laufe der Jahre im Schrank des Kieler »Tatort« an Motiven abgelegt worden ist. Es wird total persönlich, Korthals, der seinen Sozialterror umgekehrt hat (er wohnt nicht mehr ein, sondern entführt sich die Opfer in ein Apartment hinter dem Fahrstuhlschacht), schnappt sich das Liebste, was Borowski hat: die reaktivierte Frieda Jung. Die Generalmobilmachung von allem, die völlige Selbstreflexivität dient freilich der Bedeutungsüberproduktion (und ist immer auch Anzeichen einer Transition, wie die Akademikerin sagt - ob vom Kieler oder dem ganzen »Tatort«, muss beobachtet werden).

Und daran trägt »Borowski und die Rückkehr des stillen Gastes« (Regie: Claudia Garde) schwer. Er erschöpft sich in seiner superlativen Vollwucht, die sich schon an den Jonathan-Meese-installativen Wandbemalungen der Korthalskindsmutter Mandy Kiesel (Lea Draeger) auf dem Revier zeigt und die im trashigen Gefeilsche zwischen dem Ober-Kommissar und dem Ober-Psychopathen ihren unfreiwillig schönsten Moment hat.

»Sie haben, was ich will, ich habe was, sie wollen, können wir uns nicht irgendwie einigen«, sagt Korthals kindlich in der Wohnung vom Kommissar, bevor sich die beiden auf die Glocke hauen. Darum geht es in diesem »Tatort«: dass zwei Großschauspielsysteme, die Milberg-Merkwürdigkeit und das Eidinger-Eingebocktsein, einander gegenüberstehen wie die Hirsche in der Brunft.

Die tiefere Moral, die das zu legitimieren versucht (Gesetz und Verbrechen sind bei der Geburt getrennte Zwillinge), ist dabei das Langweiligste.

Ein Satz, der aus Kollegen Freunde macht:
»Seh ich aus wie Spaß?«

Eine Erkenntnis, die sich in Bankerkreisen durchsetzen könnte:
»Dieser Beruf macht uns alle verrückt.«

Eine Aussage, mit der man auf Stehpartys reüssieren kann:
»Es gibt keine schlechte Menschen.«

ndPlus

Ein kleiner aber feiner Teil unseres Angebots steht nur Abonnenten in voller Länge zur Verfügung. Mit Ihrem Abo haben Sie Vollzugriff auf sämtliche Artikel seit 1990 und helfen mit, das Online-Angebot des nd mit so vielen frei verfügbaren Artikeln wie möglich finanziell zu sichern.

Testzugang sichern!

9 Ausgaben für nur 9 €

Jetzt nd.DieWoche testen!

9 Samstage die Wochenendzeitung bequem frei Haus.

Hier bestellen