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Neue Mitte, alte Liebe

Ein Hafen mitten in der City? Wiederaufbau mittelalterlicher Gassen? Oder doch lieber ein betonierter Rummelplatz?

  • Von Jospehine Schulz
  • Lesedauer: 3 Min.
Seit April konnten die Berliner über die Zukunft der »alten Mitte« diskutieren. Herausgekommen sind zehn Bürgerleitlinien - keine konkreten Bebauungsideen, sondern allgemeine Nutzungsvorstellungen.

Am Samstag hatten die Bürger beim Abschlussforum des Beteiligungsverfahrens die Möglichkeit, den Leitlinien ihren Feinschliff zu verpassen, bevor sie als Empfehlung an das Abgeordnetenhaus übergeben werden. Das Parlament soll im kommenden Frühjahr eine Entscheidung über die Zukunft der Fläche zwischen Fernsehturm und Stadtschloss treffen.

Eine »Grüne Oase« soll die alte Mitte werden und ein öffentlicher, nicht kommerzieller Ort, so steht es in den Leitlinien. Außerdem ein Ort der Demokratie und der Kultur. »Wir haben ausdrücklich keinen Städtebau gemacht und nicht über die Form, sondern über den Inhalt diskutiert«, sagt Senatsbaudirektorin Regula Lüscher.

Um die Form werden sich ab dem kommenden Jahr Experten kümmern. »Wir werden Machbarkeitsstudien durchführen und 2016 einen internationalen Wettbewerb ausschreiben«, kündigte Stadtentwicklungssenator Andreas Geisel (SPD) an.

Ob und wie eng auf der Fläche gebaut wird, »bleibt vorerst eine Frage, wie man die Leitlinien interpretiert«, sagt Lüscher. Die Bürger haben sich beispielsweise darauf verständigt, die Sichtachsen von Rathaus zur Marienkirche und zwischen Stadtschloss und Fernsehturm beizubehalten. Die grundlegenden Konflikte - allen voran die Bebauungsfrage - wurden mit dem Leitlinienkatalog nicht beigelegt, sondern ausgeklammert und auf unbestimmte Zeit vertagt. Das sorgte für Unmut bei vielen Beteiligten.

Gerhard Hoya, Vorsitzender der Gesellschaft historisches Berlin, kritisierte, dass das Ergebnis der Stadtdebatte von den Leitlinien nur unzureichend dargestellt werde. »Die Teilnehmenden einigten sich nicht einvernehmlich auf die von der Moderation vorgelegten Leitlinien.« Der Verein war mit dem Wunsch einer Bebauung nach historischem Vorbild gescheitert. Die Mehrheit der Bürger hatte stattdessen dafür votiert, die vielen geschichtlichen Einflüsse am Ort auf andere Art sichtbar zu machen.

Die Berliner wollen mitentscheiden, auch dann, wenn es konkret wird. Das machten sie auf dem Abschlussforum noch einmal deutlich. »Ich hätte da ganz klare Vorstellungen, was beispielsweise ein politischer Ort leisten muss, damit er aktiv von den Bürgern bespielt werden kann«, sagt eine Anwohnerin. Eine Speakers Corner ähnlich wie in London könne sie sich vorstellen.

Offen bleibt weiterhin die Zukunft des Neptunbrunnens. Ein Großteil der Bürger hofft auf den Verbleib des Brunnens am Roten Rathaus, in den Leitlinien spielt er immer wieder eine Rolle als Teil dieses Platzes. Senator Geisel äußerte Unmut über den Zeitpunkt der Zusage des Bundes, eine Umsetzung des Brunnens auf den Schlossplatz zu finanzieren. »Es war sehr misslich, dass das mitten in einem ergebnisoffenen Dialogprozess passiert ist.« Was den Zeitdruck beträfe, wolle er etwas auf die Bremse treten. Technisch sei die Umsetzung des Brunnens im kommenden Jahr ohnehin nicht möglich, so Geisel.

Über 10 000 Menschen hatten sich in den Onlinedebatten und Bürgerdialogen beteiligt. »Wir wissen natürlich, dass so ein Prozess nicht repräsentativ ist«, sagt Lüscher. Aber es werde für das Abgeordnetenhaus schwierig sein, an den Empfehlungen der Bürger vorbeizukommen.

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