Werbung

Sarah, das geheimnisvolle Wesen

J. R. Bechtle: »1965 - Rue de Grenelle«, ein Roman, der zwischen Romanze und Thriller changiert

Echt jetzt? Ihr wollt Geld von mir?

Ja, herrgottnochmal, es kostet!

Auch, wenn's nervt – wir müssen die laufenden Kosten für Recherche und Produktion decken.

Also, mach mit! Mit einem freiwilligen regelmäßigen Beitrag:

Was soll das sein

Wir setzen ab sofort noch stärker auf die Einsicht der Leser*innen, dass linker Journalismus auch im Internet nicht gratis zu haben ist – mit unserer »sanften« nd-Zahlschranke.

Wir blenden einen Banner über jedem Artikel ein, verbunden mit der Aufforderung sich doch an der Finanzierung und Sicherstellung von unabhängigem linkem Journalismus zu beteiligen. Ein geeigneter Weg besonders für nd-Online-User, die kein Abo abschließen möchten, die Existenz des »nd« aber unterstützen wollen.

Sie können den zu zahlenden Betrag und die Laufzeit frei wählen - damit sichern Sie auch weiterhin linken Journalismus.

Aber: Für die Nutzung von ndPlus und E-Paper benötigen Sie ein reguläres Digitalabo.

Ein längst vergessener politischer Entführungsfall ist die zeitgeschichtliche Kulisse dieses geheimnisvollen, zwischen Romanze und Thriller changierenden Liebesromans. Sein Autor, der 1943 in Belgien geborene, im Rheinland aufgewachsene J. R. Bechtle schreibt auf Deutsch. Er hat in München promoviert und lebt heute in San Francisco. Der Titel, »1965 - Rue de Grenelle«, verweist auf Ort und Zeit.

Es geht um die Entführung und Ermordung des marokkanischen Oppositionspolitikers Ben Barka. Er wurde seinerzeit aus seinem Genfer Exil nach Paris gelockt und dort in nie ganz aufgeklärter Zusammenarbeit zwischen den marokkanischen, französischen Geheimdiensten und wohl auch des israelischen Mossad und der CIA am helllichten Tage auf dem Boulevard Saint Germain überredet, in ein Auto zu steigen. Die Entführer machten kurzen Prozess mit ihm.

In diese politische Mordgeschichte gerät Steffen, ein Münchner Jurastudent, der sich um die Aufnahme an der Elitehochschule Sciences Po bewerben will. Er zieht für ein paar Tage zu seinem Pariser Freund André, den er als Austauschschüler kennengelernt hatte - eben in die Rue de Grenelle. In der riesigen Wohnung finden dauernd geheimnisvolle Treffen von Marokkanern statt, getrennt von ihnen kommen andere, Israelis und auch Pariser, die an einer Karte der unterirdischen Kanalwelt dieses Pariser Bezirks arbeiten. Unfreiwillig wird Steffen Zeuge und Mitwisser von Plänen, die auf eine Entführung Ben Barkas hindeuten.

Inzwischen hat er aus Andrés Freundeskreis Sarah kennengelernt. Die erste Begegnung endet mit einem Eklat, als Steffen eine unbedachte Äußerung über Auschwitz macht. Sarah ist Jüdin. Trotzdem kommen sie sich bei weiteren Zusammenkünften näher, lieben sich bald. Aber Sarah, die einen Dokumentarfilm über Ben Barka drehen will, ist ein geheimnisvolles Wesen. Ist der eine, sehr ernste Israeli ihr Vater? Warum gibt sie Steffen nicht ihre Telefonnummer? Wie ist ihr Familienname? Ist sie eine marokkanische Jüdin?

Alles passt zu dem heimlichen Treiben in der Rue de Grenelle und nichts passt zu der geplanten Entführung. Steffen rätselt über die Zusammenhänge und zweifelt immer wieder mal an Sarahs Liebe. Er gerät als mutmaßlicher Spion und Mitwisser in Gefahr bis hin zu Mordversuchen. Alle Seiten wollen, dass er abreist aus Paris, was er wegen Sarah verzögert. So wird er zum Zeugen der Entführung Ben Barkas, versucht ihn und Sarah zu retten. Er weiß um die Pläne, den marokkanischen Oppositionellen in den unterirdischen Gängen von Paris zu verstecken, begibt sich selbst dort hinunter, wird von den Komplizen der Entführung entdeckt und auf wundersame Weise vor der Hinrichtung gerettet.

Bechtle versetzt seine Leser auf nachvollziehbare Weise in die Situation des Jahres 1965. Vor Sarah ist Steffen noch nie einem Juden oder einer Jüdin begegnet, hat aber den Frankfurter Auschwitzprozess nicht nur mit den Augen des Juristen verfolgt. In Paris wird er mit der jüdischen Existenz heftig konfrontiert, lernt die Bürden der Vergangenheit, die auf Juden und Deutschen lastet, in seiner Liebe und auch in der Person seines Retters kennen, eines Überlebenden von Auschwitz. Die Dialoge entsprechen dem Stand der Bewusstseinsentwicklung vor einem halben Jahrhundert. Unbeholfenheit auf der einen, Verletzbarkeit und auch Unversöhnlichkeit auf der anderen Seite gilt es zu überwinden.

Diese zeittypischen Fragen reiben sich in diesem Roman ständig an dem Spannungsaufbau der Entführungsgeschichte. Die nimmt nie die Stringenz eines Kriminal- oder Spionageromans an, spielt stattdessen mit den Zufällen, die der fiktionalen Fantasie entspringen. Nicht die Logik des Geschehens, sondern der literarische Entwurf steht im Vordergrund, die politische wie die kriminelle, die menschliche und die geheimnisvolle Welt als zeitgleich und scheinbar unauflösbar zusammenzuführen. Ein ganz anderes Buch als man erwartet, ist dem Autor dabei gelungen.

J. R. Bechtle: 1965 - Rue de Grenelle Roman. Frankfurter Verlagsanstalt. 351 S., geb., 19,90 €.

ndPlus

Ein kleiner aber feiner Teil unseres Angebots steht nur Abonnenten in voller Länge zur Verfügung. Mit Ihrem Abo haben Sie Vollzugriff auf sämtliche Artikel seit 1990 und helfen mit, das Online-Angebot des nd mit so vielen frei verfügbaren Artikeln wie möglich finanziell zu sichern.

Testzugang sichern!