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Ruhe bitte!

DFL mahnt Bundesligaklubs zur Geschlossenheit - St. Pauli zieht brisanten Antrag zurück

  • Von Frank Hellmann, Frankfurt am Main
  • Lesedauer: 4 Min.
Die Spitze des deutschen Profifußballs hat aufmüpfige Lager vorerst diszipliniert. So zieht St. Pauli seinen Antrag zurück. Am DFB-Präsidentschaftskandidaten Reinhard Grindel hat die Liga weiter Zweifel.

Die Spitze des deutschen Profifußballs hat aufmüpfige Lager vorerst diszipliniert. So zieht St. Pauli seinen Antrag zurück. Am DFB-Präsidentschaftskandidaten Reinhard Grindel hat die Liga weiter Zweifel.

Nach einer fast dreistündigen Sitzung entschwand einer nach dem anderen schweigend oder kopfschüttelnd durch die Glastür. Weder Hans-Joachim Watzke von Borussia Dortmund, noch Max Eberl (Mönchengladbach) Martin Bader (Hannover) oder Jörg Schmadtke (1. FC Köln) war bereit, nach der Mitgliederversammlung des deutschen Profifußballs eine Stellungnahme abzugeben. Ihnen waren im Frankfurter Mariott Hotel zuvor von der Spitze der Deutschen Fußball Liga (DFL) auch deutlich ins Gewissen geredet worden. »Es ist unerlässlich, dass bei diesem Thema Ruhe einkehrt. Ich empfehle allen Beteiligten, sich diszipliniert zu äußern«, sagte Ligapräsident Reinhard Rauball mit scharfer Stimme.

Bereits am Mittwochmorgen hatte der FC St. Pauli einen Antrag zurückgezogen, der dieser DFL-Sitzung Brisanz gegeben hätte. Denn ursprünglich wollte der Zweitligist jene Vereine von den TV-Erlösen abschneiden, die wie Bayer Leverkusen, VfL Wolfsburg, TSG Hoffenheim oder bald auch Hannover 96 nicht der 50+1-Regel unterliegen, die Fremdinvestoren einen zu hohen Einfluss verwehren. Die von St. Paulis Geschäftsführer Andreas Rettig eingereichte Vorlage kam nun also nicht zur Abstimmung, was Thomas Röttgermann vom VfL Wolfsburg »als einzige vernünftige Lösung« bezeichneten. »Wir haben leider festgestellt, dass die Solidarität zwischen erster und zweiter Liga auf dem Spiel steht«, erklärte der ehemalige DFL-Geschäftsführer Rettig nun kleinlaut. »Um Ruhe hereinzubringen, haben wir uns entschieden, den Antrag zurückzuziehen.«

Auch der zweite Rebell, der abwesende Bayern-Vorstandsboss Karl-Heinz Rummenigge, der die Zentralvermarktung infrage gestellt hatte, kassierte ein spitzfindiges Kontra des DFL-Vorsitzenden Christian Seifert. »Wir sind das Land mit den fanfreundlichsten Ticketpreisen, haben das investorenunfreundlichste Umfeld und den Pay-TV-Markt mit dem größten Wachstumspotenzial - dennoch sind wir die zweitgrößte Liga in Europa!« Sollte heißen: So schlecht kann die Zentralvermarktung doch nicht sein.

»Ich habe den Klubs mitgeteilt, dass die Liga bitte wieder ein Bild abgibt, das ihre Partner von ihr erwarten«, fuhr Seifert fort. Verlässlichkeit müsse in den anstehenden Verhandlungen gewährleistet sein. »Das Wort Einzelvermarktung ist schnell ausgesprochen und aufgeschrieben. Aber alle großen Ligen werden weltweit zentral vermarktet. Italien und Spanien führen es auf staatlichen Druck jetzt ein.« Dort habe die Einzelvermarktung irre Schieflagen im Ligabetrieb verursacht. Die Ligaführung will sich also wieder zum Meinungsmacher aufschwingen. Und Rummenigge soll sich damit begnügen, dass es außer dem Trikotärmel, der ab 2017 selbst vermarktet werden darf, keine Zugeständnisse mehr gibt.

Frühestens im April 2016 kann die DFL die neuen Fernsehverträge vorlegen, die derzeit noch vom Kartellamt geprüft werden. Erst danach werde über den Verteilungsschlüssel beraten. Das Nachdenken über neue Kriterien sei dabei laut Seifert »nicht verboten und legitim«. Rauball widersprach derweil, dass der Ligavorstand bereits beschlossen habe, die Erlöse für die zweite Liga künftig zu deckeln: »Das stimmt nicht.«

Eine Maßregelung erfuhr ferner noch der amtierende DFB-Schatzmeister Reinhard Grindel, der die Zusammenkunft nutzte, um sich den Profiklubvertretern vorzustellen. »Die Einheit des deutschen Fußballs ist ein hohes Gut und ein Wettbewerbsvorteil gegenüber dem Ausland. Das ist für kein Geld zu kaufen«, sagte der Bundestagsabgeordnete, den die Vertreter des Amateurfußballs als neuen Präsidenten des Deutschen Fußball-Bundes vorgeschlagen hatten. Doch der interimsmäßig in die Verantwortung gehievte Rauball blieb hier vorsichtig: »Wir wollen Veränderungen im Reglement und professionelle Strukturen. Wir wollen den DFB für 2020 aufstellen und nicht wie 2005.« Man habe zwar nichts gegen die Person Grindel, aber man wolle einen Kandidaten, »der tief in die Gesellschaft hineinwirken kann«. In Zeiten, in denen Kirchen, Gewerkschaften und Parteien in Scharen Mitglieder verlören, sei der Job beim größten Sportverband der Welt schlicht zu wichtig. Hörte sich nicht so an, als hielten die Profis Grindel dafür zwangsläufig am besten geeignet.

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