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Einstein und der Handyschmuck

Von Till Reiners lernen, heißt Siegen lernen - ein Abend im Mehringhof-Theater

Bei uns ist ein Menschenleben nichts mehr wert? Von wegen! Wer sich selbst optimiert, kann durchaus einiges rausschlagen. Bestes Beispiel dafür ist Till Reiners, der sein Studium abgebrochen hat, um als Kabarettist erfolgreich Kapitalismuskritik zu verkaufen. Frei nach dem Motto »Jeder kann es schaffen, besser zu sein als alle anderen.«

Mit seinem neuen Programm »Auktion Mensch« tritt der in Berlin lebende Kabarettist dieser Tage im Kreuzberger Mehringhof-Theater auf. Dort erläutert er, nach welchen Regeln der Kapitalismus funktioniert: Die wichtigsten Grundlagen für den Zusammenhalt unserer Gesellschaft: Konkurrenz, Neid und moralische Flexibilität.

Um das abstrakte Thema anschaulich zu unterfüttern, gibt Reiners sogar Interna aus der eigenen Biografie preis. Er sei als Kind dick und hässlich gewesen, erfährt das glucksende Publikum. Das führte zu traumatischen Erlebnissen im Sportunterricht, anhand derer Reiners sogleich das Prinzip der sozialen Hackordnung erörtert. Gern hätte er noch dickere Kinder als »Fettwanst« beschimpft - es gab allerdings keine.

Heute ist der geborene Duisburger schlank und rank und 30 Jahre alt. Er sieht jugendlich genug aus, um von älteren Herrschaften regelmäßig auf sein »erstaunliches Interesse an Politik in diesem Alter« angesprochen zu werden. »Wie stellen die sich denn unsere Generation vor?«, wundert er sich. »Dass wir lange aufbleiben und Riesenpizza essen wollen?« Dabei hat Reiners längst erkannt, was Erwachsenwerden bedeutet: sich mit der eigenen Dummheit anzufreunden.

Auf dem Weg zu dieser Erkenntnis hat er schon einiges erlebt. In Trier studierte Reiners Politikwissenschaften und die studentische Theaterszene. 2008 startete er als Slam-Poet und gelangte zweimal ins Finale der deutschsprachigen Meisterschaften. Er zog nach Berlin, wo er doch noch sein Studium abschloss. 2011 debütierte er mit dem Soloprogramm »Da bleibt uns nur die Wut«, für das er unter anderem die Nachwuchs-Auszeichnung des Deutschen Kabarettpreises erhielt.

In seinem neuen Programm »Auktion Mensch« geht Reiners den fundamentalen Fragen der Menschheit nach. Tiefes philosophisches Staunen überkommt ihn angesichts der Tatsache, dass ein und dieselbe Spezies die Relativitätstheorie ebenso wie den Handyschmuck hervorgebracht hat. Ein weiteres Denkproblem birgt der Kapitalismus: Wenn er doch so schlecht ist - warum funktioniert er dann so gut? Reiners selbst stellt knallharte Forderungen an die Konsumgesellschaft: Er will Klopapier mit Bärchenmuster und Fichtengeschmack.

Die Show basiert auf gründlicher Recherche. So hat Reiners eingehend das CDU-Wahlprogramm in »barrierefreier Sprache« studiert, um die Position der Christdemokraten zu erkunden. Der wichtigste Satz im Programm lautet: Wir wollen, dass das so bleibt.

Reiners arbeitet jedoch nicht nur am Schreibtisch, sondern protestiert auch auf der Straße. Allerdings verhedderte er sich im Freundeskreis bei der Diskussion, ob man auf einer Demonstration gegen Massentierhaltung lieber mit Käfig- oder mit Freilandeiern schmeißen sollte.

Dass Till Reiners politisch links steht, heißt nicht, dass bei ihm linke Positionen ungeschoren davonkämen. Im linken Lager hat er etliche »Bessermenschen« entdeckt, deren Einstellung er mit einer Moralin-Skala wertet - gemessen in der Einheit »Gauck«.

Mit spitzer Ironie und politisch durchaus inkorrektem Humor greift Reiners die Themen der Zeit auf: vom Datenschutz über die NSU-Morde bis zur Flüchtlingskrise. Aktuellen Entwicklungen widmet er sich zudem bei einem Glas Orangensaft in seinem wöchentlichen Video-Blog »frischer gepresst«.

Ob live oder im Internet - stets achtet Till Reiners auf die Praxisnähe seiner Ausführungen. Nur bei ihm erfährt man zum Beispiel, was zu tun ist, wenn plötzlich ein Syrer hinter dem eigenen Sofa sitzt. Falls Ihnen diese Frage unter den Nägeln brennt, sollten Sie unbedingt Till Reiners im Mehringhof-Theater besuchen. Sie erleben dort politisches Kabarett der Spitzenklasse - voller Witz, Anspruch und Originalität.

Bis 5.12., tgl. 20 Uhr, Mehringhof-Theater, Gneisenaustr. 2 a, Kreuzberg. www.tillreiners.de

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