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Unterkuschelt

Mit professioneller Hilfe gegen den Berührungsmangel. Ein Selbstversuch. Von Sebastian Bähr

  • Von Sebastian Bähr
  • Lesedauer: 8 Min.

Wenn Körper in einer vertrauensvollen Atmosphäre berührt werden, ereignet sich eine Kette an positiven Reaktionen. Körpereigene Freudenbringer, die Hormone Oxytocin und Serotonin, werden vom Gehirn in die Blutbahnen gepumpt, die Produktion des Stresshormons Cortisol wird heruntergefahren. Atmung und Herzfrequenz verlangsamen sich, der Blutdruck sinkt und die Muskulatur entspannt sich. Ein Wohlempfinden durchzieht den Körper. »Es gibt sowohl auf der Ebene des Gehirns als auch im gesamten Körper Veränderungen, die nur darauf zurückzuführen sind, dass unsere Haut berührt wurde«, erklärt Martin Grunwald vom Paul-Flechsig-Institut für Hirnforschung an der Universität Leipzig. Laut Grunwald sind Menschen in jedem Alter auf Körperkontakt angewiesen: »Ein Mangel stört das seelische Gleichgewicht. Berührungen haben für den menschlichen Organismus den Status von Lebensmitteln, speziell in der Kindheit.«

Doch wie nährend ist die heutige Berührungskultur in Zeiten von auf Internettelefonie basierten Fernbeziehungen und »Anstups«-Funktionen in sozialen Netzwerken? Einer repräsentativen Umfrage des Marktforschungsinstituts YouGov von 2014 zufolge findet fast jeder Zweite, dass in Deutschland zu wenig umarmt wird. Jeder Dritte möchte häufiger in den Arm genommen werden. Eine weitere repräsentative, 2011 vom Marktforschungsinstitut Ipsos veröffentlichte Studie zeigt auf, dass 13 Prozent der Bevölkerung Deutschlands nach Selbstauskunft unter Berührungsmangel leiden. Jeder Dritte ist bereit, für Berührungen Geld zu bezahlen. Zudem vertreten 43 Prozent die Ansicht, es gäbe weniger Aggressionen, wenn sich Menschen mehr berühren würden.

Regelmäßiger Körperkontakt scheint in unserer Gesellschaft meist das Privileg von zärtlichen Familienbindungen oder Paarbeziehungen zu sein. Für Grunwald liegt ein Teil der Ursachen in einer kulturbedingten Sexualisierung und Tabuisierung von körperlichen Berührungen. Aber auch die technischen Entwicklungen stehen für ihn einer körperlichen Nähe im Weg: »Unsere hochmodernen digitalisierten Gesellschaften gehen mit einer Körperlosigkeit einher. Viele suchen Intimität über soziale Netzwerke und moderne Medien. Irgendwann fliegt einem die Illusion jedoch um die Ohren«, sagt der Haptikexperte.

Auf verschiedene Weise versuchen Menschen, mit ihrem unerfüllten Bedürfnis nach Nähe umzugehen. Es gibt Leute, die mit »Free Hugs«-Schildern (Gratis-Umarmungen) auf Messen, Bahnhöfen oder öffentlichen Plätzen herumstehen und vorbeikommenden Passanten anbieten, sie zu umarmen. Es gibt esoterisches Handauflegen, professionelle Massagen, eine wachsende Wellnessindustrie oder eben die gesamte Palette an erotischen Dienstleistungen - über zahlreiche Angebote wird direkt und indirekt das Bedürfnis nach Körperkontakt befriedigt.

Auch die 49-jährige Rosi Doebner möchte die Berührungsarmut in Deutschland überwinden. Die Diplom-Biologin organisiert seit zehn Jahren in Berlin Partys, auf denen fremde Menschen miteinander kuscheln. »Wir sind soziale Wesen und brauchen Berührungen. Gleichzeitig leben wir in einer berührungsarmen Gesellschaft«, erklärt die »Kuscheltrainerin« ihre Motivation. Die Idee der Kuschelpartys stammt ursprünglich aus New York. 2005 entdeckte Doebner das Konzept in einer Zeitung und wollte es auch ausprobieren. Mittlerweile gibt es solche Partys in fast allen deutschen Großstädten. »Es geht darum, einen geschützten Raum für erwachsene Menschen zu schaffen, in dem diese sich absichtslos berühren können«, fasst Doebner die Idee zusammen. Um die Thesen von Grunwald zu überprüfen, beschließe ich, in einer Mischung aus Selbstexperiment und Recherche eine ihrer dreistündigen Veranstaltungen zu besuchen.

Neugierig betrete ich das Zentrum, das sich im oberen Stockwerk eines Neuköllner Hinterhauses befindet. 17 Euro Eintritt müssen bezahlt werden, in Socken geht es in den Veranstaltungsraum. Rund ein Dutzend Matratzen sind im Kreis ausgebreitet, Kerzen und gedämpftes Licht sollen eine wohlige Atmosphäre schaffen. Rund 30 Erwachsene sitzen etwas verkrampft auf den Matratzen und mustern sich gegenseitig. Die Teilnehmer sind zwischen 20 und 60 Jahren alt, ungefähr zwei Drittel sind männlich. »Die Hemmschwelle ist für Frauen das erste Mal größer«, erklärt Doebner. »Männer kommen einfach vorbei und schauen sich das mal an. Frauen können vorher nicht abschätzen, ob das hier ein sicherer Raum ist oder ob es zu Grenzüberschreitungen kommt.« Die meisten Teilnehmer seien Singles, schätzt sie.

Doebner begrüßt uns offiziell, sie leitet mit einem Kollegen durch den Abend. Ein blauer Plüschelefant wird durch die Reihen gereicht. Jeder der Kuschelfreunde soll sich vorstellen, rund die Hälfte ist das erste Mal da. Bevor es losgeht, erklärt Doebner die Regeln: Die »Bikini-Zone« bei Frauen sowie die »Bermuda-Zone« bei Männern sind tabu. Sex und Küsse sind nicht erlaubt. Es gilt das Konsensprinzip: Niemand muss etwas tun, das er nicht möchte. Alle können jederzeit aufhören oder eine Pause einlegen. Doebner und ihr Kollege werden die Regeln überwachen und bei Verstößen einschreiten. »Sobald Mann und Frau kuscheln, ist das Thema Sexualität da, das ist ganz menschlich«, erklärt Doebner. »Es kann schon mal passieren, dass ein Paar in die erotische Energie abrutscht. Da gehe ich zu ihnen und weise sie dezent auf die Kuschelregeln hin. Das geschieht aber nicht so oft, wie man denkt«, fügt sie hinzu.

Auflockerungsübung Nummer eins: Zu alberner Popmusik sollen wir erst alleine, dann zu zweit und schließlich als Gruppe durch den Raum tanzen. Die Leute grinsen sich unsicher zu und stapfen unbeholfen umher. Zu absurd wirkt die Vorstellung, in wenigen Momenten die Berührungen dieses oder jenes fremden Menschen auf dem eigenen Körper zu spüren. Bis zu zehn Leute fassen sich an den Händen und laufen in ungeschickter Polonaise durch den Raum. Die sexuelle Energie hält sich in Grenzen, Leute müssen kichern. Übung zwei: Es wird interessant. Die Hälfte der Teilnehmer bekommt die Augen verbunden und wird von der anderen Hälfte mit Händen an den Schultern durch den Raum geführt.

Sobald sich zwei Pärchen gegenüberstehen, sollen die Teilnehmer mit verbundenen Augen ihre Arme ausstrecken und beim Gegenüber auf »Erkundungstour« gehen. Hände umschließen sich, Finger fallen mit unterschiedlichem Engagement übereinander her. Neugierde überwiegt. Die hinteren Teilnehmer, welche die Schultern geführt haben, sollen währenddessen die Rückseite der Vorderleute streicheln. Mein etwa 45-jähriger Hintermann entscheidet sich für die Variante »schnelles und emotionsloses Abtasten« wie am Flughafen. Als die Übung beendet ist und ich meine Augenbinde abnehme, nicken wir uns kurz irritiert zu.

Kurze Pause, ausschütteln. Nun beginnt der »Verwöhnteil« des Abends. Die Stimmung wird angespannter. Teilnehmer legen sich mit verbundenen Augen auf die Matratzen, während sich jeweils zwei andere Teilnehmer an die Seiten der Person setzen und nun die Aufgabe bekommen, die Wünsche des Liegenden zu erfüllen. Wir beugen uns herunter und lassen uns in die Ohren flüstern, welche Körperteile wir wie intensiv berühren sollen.

Nach zehn Minuten ist Wechsel. In meiner ersten Runde massiere ich einem untersetzen Mann den Kopf, in der zweiten male ich einer Frau mit Fingern Kreise auf die Füße. Ein weiterer Mann krault währenddessen ihren Bauch. Doebner geht umher und wiederholt alle paar Minuten mit fester Stimme: »Habe den Mut, etwas zu verändern, wenn dir etwas nicht gefällt.« Einige nutzen die Chance.

Wieder ausschütteln, tief durchatmen. Der Hauptteil des Abendprogramms, die »Große Kuschelrunde«, beginnt. Die Matratzen werden in der Mitte des Raums zusammengelegt. Alle sollen sich darauf einfinden, um dann - mit oder ohne Augenbinde - gemeinsam zu kuscheln. Mein Gehirn fängt an zu rattern, ich kann mich nur noch schwer auf das Experiment einlassen. Ich begnüge mich damit, einige Rücken zu kraulen, während ich versuche zu erraten, welche Gliedmaßen zu welchen Körpern gehören.

Es bilden sich schnell mehrere Knäuel von drei bis fünf Personen, oftmals in der Mitte eine Frau. Man(n) liegt hauptsächlich in Löffelchenstellung neben- oder übereinander, lässt Hände und Füße umschlingen, ertasten, wandern. Einige stehen zwischendurch auf, um ihren Platz zu wechseln, andere haben sich festgekuschelt. Die Körper schmiegen sich aneinander, zufriedene Seufzer-, Schnauf-, und Brummgeräusche erklingen. Meditationsmusik und Walgesänge sorgen für eine surreale Atmosphäre. Doebner muss - das einzige Mal an diesem Abend - einen Mann ermahnen, »auf seine Hände zu achten«. Gelegentlich sitzt jemand auf der »Auszeit«-Couch. »Nicht wenige meinen: Wenn die Leute mehr kuscheln, gibt es auch weniger Kriege und Auseinandersetzungen«, sagt Doebner lachend.

Als ungefähr eine Stunde später eine Glocke ertönt und das Ende markiert, bleiben einige Pärchen liegen und kuscheln einfach weiter. Für das Abschlussritual versammeln sich alle in einem großen Kreis und berühren sich gegenseitig an Händen und Körpern. Tranceartig wird hin und her geschaukelt, manche beschließen, zu der im Hintergrund laufenden Musik zu singen. Gemeinsam wackelt das große Menschenknäuel dem Wohlfühl-Höhepunkt entgegen. Danach entspannen, loslassen. Viele der Teilnehmer grinsen. In der Abschlussrunde erzählen die meisten, wie entspannt sie sich fühlen. Einige wenige wirken ernüchtert. Angie, eine Teilnehmerin, die seit vielen Jahren dabei ist, erzählt mir, dass es ihr anfangs schwer fiel, sich auf das Kuscheln einzulassen. »Ich habe mich zu Beginn schon gefragt: Warum brauche ich das? Warum bekomme ich das nicht zu Hause? Aber zu sehen, wie Menschen sich fallen lassen - das ist eine starke Erfahrung.«

Thomas, ungefähr Mitte 40, sagt mir, dass eine Person ihm gar nicht so viel Berührung geben kann, wie er benötigt. »Ein weiterer Vorteil: Man nimmt die Energie, die man hier erhält, in seine Beziehungen und Freundschaften mit«, fügt er hinzu. Pauline, etwa Anfang 20, war an dem Abend das erste Mal auf einer Kuschelparty. Sie habe es nicht gestört, dass sie die Jüngste war. »Ich habe bei euch Wärme und Geborgenheit erhalten«, sagt sie in der Abschlussrunde.

Ich beschließe für mich, den Abend als eine interessante Erfahrung zu verbuchen, intensive Berührungen mit fremden Menschen jedoch weiterhin nur beim Pogo-Tanzen auf Punkkonzerten aktiv zu suchen. Ich frage mich abschließend, ob der empfundene Mangel an körperlicher Nähe ein Spiegel der gesellschaftlichen Kälte ist, die für manche von uns das kapitalistische Alltagsleben durchzieht. Ist ein gefühlter Mangel an Berührungen verknüpft mit einem gefühlten gesellschaftlichen Schwinden von Solidarität? Anton, um die 50, mit grauem Pullover und kahlem Kopf, ruft mir zu: »Ich brauche das Kuscheln, um den Kapitalismus zu ertragen. Schreib das ruhig in deinen Artikel.«

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