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Der letzte Fang

Das Überleben wird für die Fischer an der Tam Giang Lagune immer beschwerlicher

Guter Fang in schlechten Zeiten: Die Nahrungsgrundlage aus der Tam Giang Lagune schwindet.
Guter Fang in schlechten Zeiten: Die Nahrungsgrundlage aus der Tam Giang Lagune schwindet.

Truong Anhs Haut ist von Wind, Wasser und Sonne gegerbt. Er sitzt auf dem grauen Steinboden seines spärlich eingerichteten Hauses vor einem Schrein und erzählt: »Jede Nacht fahre ich zum Fischen raus. Ich kann mich nicht einmal daran erinnern, wann ich damit anfing. Schon meine Eltern waren Fischer. Seit 80 Jahren lebt meine Familie jetzt hier an der Tam Giang Lagune.«

Fast sein ganzes Leben schon fährt der 67-Jährige raus in die Lagune, um seine Netze auszuwerfen. Jeden Tag und immer an den gleichen Stellen. Wenn er seine Netze in der Nacht einholt, bleiben diese aber immer öfter leer.

So wie Truong Anh leben fast alle Menschen der kleinen 500 Seelen-Gemeinde Ngu My Thanh von dem, was das Wasser hergibt. 95 Prozent der Menschen hier sind Fischer. Das kleine Dorf liegt an der Tam Giang Lagune, einer der größten Lagunen Südostasiens, die sich über etwa 22 000 Hektar in der zentralvietnamesischen Provinz Thúra Thiên-Hué erstreckt. Lange Zeit lebten ganze Familien auf den typischen sechs bis acht Meter langen Holzbooten, den Sampans, bis die Regierung nach einem schweren Taifun Mitte der 80er Jahre begann, die Fischer nach und nach anzusiedeln.

Fischerei hat hier Tradition und wird von Generation zu Generation weitergegeben. Die Lagune ist Lebensgrundlage für mehr als 300 000 Menschen und beheimatet zahlreiche Tier- und Pflanzenarten - aber genau dieses Ökosystem steht auf der Kippe.

»Heute gibt es viel weniger Fisch hier«, erklärt der Bürgermeister von Ngu My Thanh, Tran Van Minh, den hier alle Vong nennen, während er seinen Blick über das Wasser der Lagune schweifen lässt. Dafür gebe es viele Gründe, erklärt er weiter. Es gibt nicht nur mehr Menschen, die hier fischen, auch würden sie zunehmend Methoden anwenden, die dazu führen, dass sich die Bestände nicht mehr erholen können. Mit Batterien und immer engmaschigeren langen quadratischen Reusen, die »lu« genannt werden und von denen jede Familie Dutzende besitzt, ziehen die Menschen immer kleinere Fische und Shrimps aus dem Wasser. Auch Fischfallen und mobile Netze kommen zum Einsatz. Die Größe der Maschen ist von 20 mm auf weniger als 3 bis 7 mm geschrumpft. Die immer ausgefeilteren Fangmethoden und eine immer intensivere Fischerei ließen die Bestände über Jahrzehnte dramatisch schrumpfen. »Heute fängt eine Familie ein bis drei Kilo Fisch pro Nacht. Vor zehn Jahren waren es noch mehr als vier Kilo«, erzählt Vong weiter.

Elektrische Fangmethoden sind offiziell verboten. Auch die Größe der Maschen ist von der örtlichen Fischereibehörde vorgeschrieben. Beim Durchqueren der Lagune wird aber schnell deutlich, dass es mit Vorschriften alleine nicht getan ist. Der Motor qualmt und knattert, als Nguyen Nhan sein Sampan am frühen Nachmittag durch die Lagune manövriert. Nguyen Nhan lebt seit 1996 in Ngu My Thanh und ist Fischer, wie auch schon seine Eltern und die Generationen davor.

Von ihren Booten aus lassen die Fischer jeden Nachmittag ihre langen Reusen und Netze ins Wasser der Lagune, um sie später in der Nacht wieder einzuholen. Dass sie die Fischbestände immer weiter dezimieren, ist den Fischern bewusst und trotzdem gibt es wenig Alternativen für sie. »Meine Familie spart Geld für die schlechten Tage, an denen ich wenig Fisch nach Hause bringe«, erzählt einer der Fischer draußen in der Lagune. »Es sind schwere Zeiten für uns«, erklärt er weiter. »Jeder nutzt heute die kleinen Maschen, um überhaupt noch etwas zu fangen. Manchmal, da fange ich nur ein Kilogramm Fisch. Vor zehn Jahren habe ich noch fünf bis zehn Kilogramm pro Nacht gefangen.«

Nguyen Nhan weiß, wie wichtig es ist, die Lagune und ihre Ressourcen zu bewahren. »Wir leben von der Lagune und müssen sie deswegen schützen«, so Nhan. »Es kommen viele Fischer hierher, die illegale Fangmethoden anwenden und alles zerstören.« Auch er leidet unter den schwindenden Fischbeständen und fischt heute nur noch einen Bruchteil im Vergleich zu früher.

Mit seiner Überzeugung ist Nguyen Nhan aber nicht alleine. Durch Aufforstung von Mangroven und nachhaltige Fischerei wollen die Fischer von Ngu My Thanh gemeinsam mit der Regierung sowie mit Unterstützung von SODI und der vietnamesischen Organisation HueFo ihre Lebensgrundlage, die Tam Giang Lagune, mit eigenen Kräften langfristig schützen.

Hoang Viet Thang erforscht an der Universität in Queensland Co-Management-Strategien in Vietnam und ist davon überzeugt, dass Co-Management der einzige Weg ist, nachhaltige Fischerei auch wirklich durchzusetzen. Co-Management bedeutet, dass Fischer-Gemeinden und die Regierung zusammenarbeiten und die Verantwortlichkeiten teilen, um illegale Fangmethoden wie das Fischen mit Batterien zu bekämpfen. »Fischerei und Armutsreduktion sind in Vietnam eng verknüpft und es gibt sehr viele arme Menschen hier an der Küste, deren einzige Einkommensquelle der Fischfang ist«, erklärt Thang. Um die biologische Vielfalt und die Lebensgrundlagen der Menschen langfristig sichern zu können, muss die Bevölkerung in das Management ihrer Lebensgrundlage einbezogen werden. Eine lokale Fischschutzgruppe, welche aus 25 Dorfmitgliedern besteht, überwacht schon heute die Lagune und will illegale Fangmethoden stoppen. »Wenn wir den Fisch und die Lagune schützen, schützen wir auch unser eigenes Leben«, erklärt Bürgermeister Vong ernst. »Wir hoffen, dass sich so die Situation der Menschen und auch ihr Einkommen wieder verbessert«, begründet er sein Engagement für die Fischschutzgruppe.

Wandel aber braucht Zeit und im Fall der Tam Giang Lagune benötigen die Fischer vor allem zusätzliche Einkommensmöglichkeiten. Nur dann können sie ihre schon geringen Fangmengen reduzieren, damit sich die Bestände langfristig erholen können. Als weiteres Standbein ihrer Existenz unterstützen SODI und HueFo deswegen den Aufbau von umwelt- und sozialverträglichem Tourismus. Mehr als 7,9 Millionen Gäste verzeichnete Vietnam im vergangenen Jahr. Etwa 200 Menschen waren 2014 zu Gast in Ngu My Thanh - vietnamesische Touristen nicht mitgerechnet. Nguyen Nhan und seine Frau hoffen, dass in Zukunft mehr Touristen die Lagune besuchen werden und ein wenig Geld in die Kassen der Fischer spülen.

Am frühen Morgen herrscht reger Betrieb in der Lagune. Unzähligen Lichtkegel bewegen sich auf dem Wasser in der Morgendämmerung. Fischer verkaufen ihren Fang am frühen Morgen direkt vom Boot aus. In bunten Plastikschüsseln liegen schwarze und silbrig schimmernde Fische und gelb-braune Shrimps in Körben. Die meisten Fische und Shrimps sind klein. Große Exemplare gibt es kaum. Knapp ein Kilo Fisch hat auch der alte Fischer Truong Anh in dieser Nacht aus dem Wasser gezogen. Nein, zufrieden sei er mit der Ausbeute nicht. Für 100 000 VND, also umgerechnet 4,40 Euro habe er den Fisch verkaufen können. Weit mehr als sechs Stunden war er dafür in der Nacht unterwegs. Nein, mit Batterien oder kleineren Maschen wolle er trotzdem nicht fischen. Anh hält an traditionellen Fischfangmethoden fest, so wie auch schon seine Eltern vor ihm und hofft auf bessere Zeiten.

Unsere Autorin ist Referentin für Presse- und Öffentlichkeitsarbeit bei SODI

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