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Erfurt ist eine Baustelle

Folge 82 der nd-Serie »Ostkurve«: Der FC Rot-Weiß muss strukturelle Nachteile ausgleichen und setzt auf einen sportlichen Neuanfang

  • Von Michael Kummer, Erfurt
  • Lesedauer: 5 Min.

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Erfurt zwischen aktueller Tristesse und künftigem Glanz: Mit der neuen Arena hofft der FC Rot-Weiß auf bessere Zeiten. Dafür muss aber auf der Baustelle Steigerwaldstadion der Drittligaabstieg verhindert werden.

War Christian Preußer tatsächlich der falsche Mann in Erfurt? Am Mittwoch wurde der 31-jährige Trainer nach neun Monaten beim FC Rot-Weiß jedenfalls entlassen. Taktische zu unflexibel und mangelndes Durchsetzungsvermögen waren die am häufigsten genannten Kritikpunkte. Präsident Rolf Rombach löste nach der neunten Saisonniederlage, dem 0:2 am Montagabend gegen den 1. FC Magdeburg, damit das schwächste Glied aus der Verantwortungskette heraus. Die Erfurter stehen in der dritten Liga auf Platz 16, nur zwei Punkte von den Abstiegsrängen entfernt. Die Angst ist groß, dass zwar bald ein neues Stadion da ist, dieses dann aber das schönste und größte der Regionalliga sein wird. Nicht ohne Häme, aber die allergrößten Befürchtungen treffend, sangen die Magdeburger Fans auf der Baustelle Steigerwaldstadion: »Ihr könnt nach Jena fahren.« Erfurts Erzfeind spielt eine Liga tiefer

Ob vielleicht eher die Erfurter Umstände - vor allem die angespannte Finanzlage und eine ihrer Folgen, dass einfach keine besseren Spieler zu bekommen sind - die Ursache für die sportliche Misere sind, wird sich erst im neuen Jahr zeigen. Zum Trainingsauftakt nach der Weihnachtspause am 4. Januar soll ein neuer Cheftrainer vorgestellt werden. Beim letzten Spiel des Jahres, am Freitagabend bei Wehen Wiesbaden, werden die bisherigen Co-Trainer Norman Loose und Ronny Hebestreit sowie Torwarttrainer Rene Twardzik die Mannschaft betreuen.

Die Partie gegen Magdeburg war ein Spiegelbild der vorangegangenen 19 Saisonspiele: Zu berechenbar, zu harmlos waren die Offensivbemühungen der Rot-Weißen. Gespielt werden meist halbhohe Bälle in die Spitze, die keiner verarbeiten kann oder lange Pässe in freie Räume, wo niemand hinläuft. Keine Dominanz im Mittelfeld, Fehlpässe über wenige Meter, Mängel bei der Ballmitnahme, offensivschwache Außenverteidiger - die Liste der Erfurter Unzulänglichkeiten ist lang. Am Montagabend war gerade einmal eine Viertelstunde gespielt, da führte der 1. FC Magdeburg mit 2:0. Aus Erfurter Sicht war das schlimmste Szenario, welches man sich auf den Tribünen vor dem Spiel zugeraunt hatte, schnell Realität geworden. Tipps wie ein 1:1 wurden höhnisch kommentiert mit: »Wer soll denn bitte das Tor schießen?« Allen Erfurtern im Stadion war nach dem frühen Zwei-Tore-Rückstand klar, dass dieses Spiel verloren ist.

Für Magdeburg war es der erste Auswärtssieg in dieser Saison - und der erste in Erfurt seit 1987. In dieser Spielzeit gilt: Fahr ins Erfurter Steigerwaldstadion und Du wirst entgegen dem eigenen bisherigen Saisonverlauf Punkte mitnehmen! Während der FC Rot-Weiß, immerhin 2008 Gründungsmitglied der 3. Liga und Spitzenreiter der ewigen Tabelle dieser Spielklasse, tief im Abstiegskampf steckt, hat der Neuling aus Magdeburg als Sechster Tuchfühlung zu den Aufstiegsplätzen. Dank ihrer Heimstärke, und, das fiel in Erfurt besonders auf, dank ihrer körperlichen Präsenz und der damit verbundenen Zweikampfstärke. Gefühlte 99 Prozent der Kopfballduelle entschieden sie für sich. Auf den ersten Metern waren sie meist einen Schritt schneller, im direkten Körperkontakt fast immer Sieger. Die Zusammenstellung der Mannschaft und deren Einsatzfreude, dazu die Euphorie der zahlreichen Fans und ein souveräner Trainer: Es ist die richtige Mischung, die derzeit den Erfolg bringt.

Bevor jedoch die gute Arbeit dort und die schlechte woanders gelobt beziehungsweise getadelt wird: Das Geld spielt natürlich eine mitentscheidende Rolle. Beide Vereine sind in Landeshauptstädten Mitteldeutschlands mit vergleichbarer Größe angesiedelt. Große Firmen oder Konzerne haben ihre Stammsitze woanders, Großsponsoren sind daher nicht in Sicht. Und noch eine Parallele: Im eigenen Bundesland gibt es jeweils einen Erzfeind. Auf Magdeburger Seite ist das der Hallesche FC, in Erfurt der Viertligist Carl Zeiss Jena. Und dennoch verfügt der 1. FC Magdeburg über einen Saisonetat, der mit 4,4 Millionen Euro etwa eine Million mehr enthält, als der des FC Rot-Weiß. Auf der Mitgliederversammlung Anfang Dezember hatte Erfurts Präsident Rombach erneut ein strukturell bedingtes Defizit von einer Million Euro verkündet, welches nur durch »Sonderereignisse« aufgefangen werden konnte.

Ein klarer Vorteil des 1. FC Magdeburg gegenüber dem FC Rot-Weiß Erfurt ist dessen Stadion. Die neue, moderne Arena wurde 2006 eröffnet, seitdem sind die Zuschauerzahlen signifikant höher und damit auch die Einnahmen des Klubs. In der aktuellen Drittligasaison kamen bisher durchschnittlich 17 500 Besucher pro Heimspiel, den FC Rot-Weiß wollten dagegen im Schnitt nur 5000 sehen.

Erfurt ist gerade dabei, diesen strukturellen Nachteil wettzumachen. Derzeit sitzen und stehen die Zuschauer in der alten Hälfte des Steigerwaldstadions und schauen auf die andere Hälfte, die im Rohbau bereits fertige Multifunktionsarena. Sie sind hin und her gerissen zwischen aktueller Tristesse und künftigem Glanz. Wenn es im Spiel Leerlauf gibt, die eigene Mannschaft harmlose Quer- und Rückpässe spielt oder wie gegen Magdeburg keine Hoffnung auf Erfolg gibt, dann schauen die Erfurter voller Vorfreude auf diese neuen Tribünen, das neue Dach, die Halterung für die neue Videoleinwand, auf das neu entstehende Multifunktionsgebäude mit seinem Dachträger für den Veranstaltungssaal für bis zu 2000 Personen. Und dann träumen die Erfurter kollektiv von besseren, von goldenen Zeiten. Der 1. FC Magdeburg kann es ja auch! Wenn schon das Geld der Hauptgrund für die sportliche Misere sein soll, dann wird mit den neuen Vermarktungsmöglichkeiten doch alles besser - oder etwa nicht?

Richtige Stadionatmosphäre kann auf einer Baustelle nicht entstehen. Aber geringes Zuschauerinteresse und fehlende Stimmung sind in Erfurt auch Resultat der negativen sportlichen Entwicklung. Die, die ins Stadion kommen, lähmt oft ängstliches und banges Hoffen. Allein die Ultras bleiben dabei: Dauergesänge auch zum völlig unpassenden Spielstand. Aber dafür ist der Großteil der Erfurter Zuschauer nicht gemacht. Unterstützung ja, aber nur, wenn das Spielgeschehen die Vorlage liefert: Läuft es schlecht, wird eben genörgelt und gemault, pfeift der Schiedsrichter gegen die Heimmannschaft, wird gepöbelt.

Geradezu gruselig war die Stimmung am Montagabend. Einige Irre hatten es geschafft, Pyrotechnik ins Stadion zu schmuggeln. Zu Beginn der zweiten Halbzeit wurde diese im Erfurter Block abgebrannt, dabei wurden zwei Kinder verletzt. Zudem wurden die Leuchtraketen in Richtung Gästeblock geschossen. Inzwischen hat der FC Rot-Weiß eine Belohnung in Höhe von 2000 Euro für Hinweise zur Ergreifung der Täter ausgesetzt, Kontakt mit den Familien aufgenommen und sich, ebenso wie der seit einigen Monaten aktive Fanrat, von diesen sogenannten Fans distanziert.

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