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Eiszeit des Denkens

Vor 100 Jahren erschien Alfred Wegeners epochales Werk über die Drift der Kontinente. Von Martin Koch

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Im zweiten Jahr des Ersten Weltkriegs erblickten gleich zwei geniale Theorien das Licht der Welt: die allgemeine Relativitätstheorie von Albert Einstein und die Theorie der Kontinentalverschiebung, die der deutsche Meteorologe und Polarforscher Alfred Wegener in seinem 1915 erschienenen Hauptwerk »Die Entstehung der Kontinente und Ozeane« erstmals ausführlich erläuterte. Aber während Einsteins Ideen vielen Physikern wie eine Offenbarung erschienen, stieß Wegener unter Fachkollegen auf eisige Ablehnung.

Dabei bedurfte es für das Verständnis seiner Theorie keiner komplizierten Mathematik, sondern eher einer scharfen Beobachtungsgabe und eines beweglichen Geistes. »Wer die gegenüberliegenden Küsten des Südatlantiks betrachtet«, so lautet der erste Satz von Wegeners Buch, »dem muss der gleichartige Verlauf der Küstenlinie von Brasilien und Afrika auffallen.« Nicht nur der rechtwinklige Knick der brasilianischen Küste bei Kap San Roque finde sein getreues Negativ im afrikanischen Küstenknick bei Kamerun. »Auch südlich dieser beiden korrespondierenden Punkte entspricht jedem Vorsprung auf brasilianischer Seite eine gleichgeformte Bucht auf afrikanischer und umgekehrt jeder Bucht auf brasilianischer ein Vorsprung auf afrikanischer Seite.«

Zwar hatten andere Forscher das schon zuvor bemerkt. Aber sie sahen darin nur einen kuriosen Zufall; Wegener indes suchte nach einer wissenschaftlichen Erklärung. Dabei gelang es ihm, die einzelnen Kontinente wie Puzzlestücke so nebeneinanderzulegen, dass sie eine einzige große Landmasse bildeten, die er nach dem altgriechischen Wort für »ganze Erde« als »Pangäa« bezeichnete. Dieser bislang letzte Superkontinent der Erdgeschichte, der von dem Urozean »Panthalassa« umspült wurde, existierte vor etwa 300 bis 150 Millionen Jahren. Dann zerbrach er und die einzelnen Kontinente nahmen nach und nach ihre heutigen Plätze ein. Aus dem nördlichen Teil des Urkontinents bildeten sich Amerika und Eurasien; dazwischen schob sich der Atlantik. Im Süden entstanden Afrika, Südamerika, Indien, Australien und Antarktika. Als Indien schließlich mit Asien kollidierte, wurde das Faltengebirge des Himalaya gebildet.

Wegeners Modell der einst zusammenhängenden und dann auseinanderdriftenden Kontinente machte schlagartig plausibel, warum sich die zu beiden Seiten eines Ozeans entdeckten Pflanzen- und Tierfossilien oft so frappant ähnelten. Vorher waren Biologen davon ausgegangen, dass sich die frühe Tier- und Pflanzenwelt über inzwischen versunkene Landbrücken verbreitet hatte.

Am 6. Januar 1912 trat Wegener erstmals vor die Geologische Vereinigung in Frankfurt am Main, um über seine Theorie der Kontinentaldrift zu referieren. Doch die Anwesenden reagierten mit Unverständnis und weigerten sich, ihre Auffassung von der starren Erde aufzugeben. Wegeners Ideen, so tönte der Wiener Paläoklimatologe Fritz Kerner-Marilaun, seien »Fieberphantasien eines von Krustendrehkrankheit und Polschubseuche schwer Befallenen«. Die Gründe für diese schroffe Ablehnung waren nicht nur wissenschaftspsychologischer Art. Tatsächlich konnte Wegener nicht erklären, was die Bewegung der Kontinente verursachte. Anfangs versuchte er es mit Zentrifugal- und Gezeitenkräften, die dafür aber nicht ausreichten. Erst in der letzten Ausgabe seines Hauptwerks (1929) führte er die Kontinentaldrift auf thermisch bedingte Strömungen im Erdinneren zurück. Doch nur wenige Geologen nahmen davon überhaupt Notiz.

1930 brach Wegener zu einer Grönlandexpedition auf, um geophysikalische und klimatische Daten zu sammeln und Kollegen in einer Eisstation mit Proviant zu versorgen. Da setzten plötzlich starke Schneefälle ein, und die Temperaturen sanken. Die meisten Expeditionsteilnehmer entschlossen sich zur Umkehr. Nicht so Wegener, der mit zwei anderen Polarforschern die Eisstation erreichte. Wenige Tage später, an seinem 50. Geburtstag, machte er sich auf den Rückweg. Doch sein Körper war zu geschwächt, um den Strapazen des ewigen Eises zu widerstehen. In zwei Schlafsäcke gehüllt, erlag er im November 1930 vermutlich einem Herzanfall.

Nach dem Tod Wegeners geriet auch dessen Theorie der Kontinentalverschiebung weitgehend in Vergessenheit. Erst dank neuer Erkenntnisse über die Geologie der Ozeanböden kam es in den 1960er Jahren zu ihrer Wiedererweckung. Seither bilden Wegeners Erkenntnisse das Fundament der Theorie die Plattentektonik, die bis heute die beste Beschreibung der Entstehung und Bewegung der Kontinente liefert.

Danach verschieben sich die Erdteile nicht direkt. Sie driften vielmehr auf sogenannten Lithosphären- oder Kontinentalplatten, die dem Erdmantel aufliegen und darauf »schwimmen« - angetrieben von thermischen Konvektionsströmungen im Erdinnern. Die Lithosphäre, die äußere Gesteinshülle der Erde, ist in sieben große Platten unterteilt: die Nordamerikanische, Südamerikanische, Eurasische, Afrikanische, Australische, Antarktische und Pazifische Platte. Mit einer Maximalgeschwindigkeit von 10 bis 18 Zentimetern pro Jahr treiben diese aufeinander zu oder voneinander weg. Sofern es im ersten Fall nicht zur Kollision zweier Platten kommt, gleitet eine Platte häufig so unter eine andere, dass Tiefseerinnen und vulkanisch aktive Gebirgszüge entstehen. Das wiederum führt zu Spannungen im Gestein, deren Energie sich zuweilen ruckartig in gewaltigen Erdbeben entlädt. Bei auseinanderdriftenden Platten bilden sich Risse in der Kruste, die durch aufsteigendes Magma wieder gefüllt werden. So entsteht neuer Ozeanboden.

Derzeit bewegt sich Europa von Nordamerika weg, und zwar um rund 18 Millimeter pro Jahr. Afrika hingegen nähert sich dem europäischen Festland, während Australien in Richtung Südostasien driftet. Wie aus neueren Computersimulationen hervorgeht, sind alle Kontinente der Erde langfristig betrachtet auf Kollisionskurs. Das heißt, in etwa 250 Millionen Jahren könnte sich erneut ein gewaltiger Superkontinent bilden, für den es bereits einen Namen gibt: »Novopangäa«. Aber auch dieser Gigant dürfte letztlich wieder zerfallen und einen neuen geologischen Kreislauf anstoßen. Es sei denn, die von Wegener 1915 beschriebene Dynamik der Kontinente kommt infolge kosmischer Katastrophen irgendwann zum Erliegen.

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