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Die iberische Wiederholungsgefahr

Spanien hat sich längst nicht von den Folgen der Immobilien- und Bankenkrise erholt, da droht schon die nächste Finanzblase

  • Von Ralf Streck, San Sebastian
  • Lesedauer: 3 Min.

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In Spanien wurden die Altlasten der Krise auf den Staat abgewälzt. Überwunden ist diese noch lange nicht, wie die anhaltend hohen Arbeitslosenzahlen zeigen.

Eine leichte Konjunkturerholung hat Spanien in diesem Superwahljahr erlebt. Vor den Parlamentswahlen am Sonntag erklärte die regierende konservative Volkspartei (PP), das Land werde sich unumkehrbar erholen, wenn Ministerpräsident Mariano Rajoy vier Jahre weiterregieren könne.

Dabei spüren viele Menschen keinerlei Verbesserung ihrer Lage. Dass Spanien nach Angaben der EU-Statistikbehörde Eurostat eine Arbeitslosenquote von 21,6 Prozent hat und dabei nur von Griechenland übertroffen wird, zeigt, dass dies mehr als ein subjektives Empfinden ist. Selbst der Krisennachbar Portugal weist nur 12,4 Prozent aus.

Dass ein Fünftel der gesamten Beschäftigung zerstört ist, schrieb José Carlos Díez, Professor an der renommierten Madrider »Universidad de Alcalá«, am Freitag in der Tageszeitung »El País«, sei dem Platzen der Immobilienblase und der Bankenkrise geschuldet, die »verheerende Folgen« hatten. Die angebliche Erholung basiere auf befristeten und schlecht bezahlten Jobs, einer »stagnierenden Produktivität und dem Gebet, dass die Bauwirtschaft in Fahrt kommt, um besonders die Jugendarbeitslosigkeit zu senken«. Diese liegt bei fast 50 Prozent. Rajoy und die PP hätten keine Ideen, kritisiert der Wirtschaftswissenschaftler, sondern setzten erneut auf gigantische Bauprojekte, obwohl ein Teil dieser Träume schon geplatzt sei: Madrid wird 2020 keinen Olympia-Bauboom erleben, denn die Spiele finden in Tokio statt, und das gigantische Zockerparadies »Eurovegas«, für das Gesetze geändert und Subventionen in Aussicht gestellt worden waren, wird nicht gebaut.

Auch deshalb schaut das Land gespannt auf den gebeutelten Immobilien- und Bausektor. Dass im laufenden Jahr bisher gut 20 Prozent mehr Hypothekenkredite vergeben wurden als im Vorjahr, wird beklatscht. Da wieder mehr Wohnungen verkauft werden, hat sich der Leerstand von zwischenzeitlich mehr als drei Millionen Wohnungen etwas verringert. Auch sind die zuvor lange Zeit nur noch sinkenden Immobilienpreise leicht um 1,4 Prozent gestiegen. Ferner nahm die Zahl der Baugenehmigungen um mehr als 30 Prozent zu.

Dabei wird selbst Bankern mulmig. Gespeist wird der Boom aus extrem niedrigen Zinsen, mit denen die Europäische Zentralbank auch Spanien »vor der Zahlungsunfähigkeit bewahrt hat«, wie Díez schreibt. Sie verleiteten wie vor der Krise viele dazu, sich auf Lebenszeit zu verschulden, während Banken gefährliche Kredite vergaben. Gefährlich sind sie wegen des Systems variabler Zinsen, das die Konservativen Anfang des Jahrtausends eingeführt hatten. Die Zinsen, die halbjährlich oder jährlich angepasst werden, sind meist an den Interbankenzins Euribor gekoppelt. Als dieser 2008 förmlich explodierte, konnten viele ihre Kredite nicht mehr bezahlen. Hunderttausende wurden aus ihren Wohnungen geworfen.

Die Bankenvereinigung AEB macht die damalige PP-Regierung unter José María Aznar für die Blase verantwortlich, denn die Kreditinstitute hätten dessen Modell variabler Zinsen nicht gewollt. Der Geschäftsführer der Bank Sabadell, Jaime Guardiola, spricht dagegen selbstkritisch von einem »Fehler der Banker«, die dieses System mitzuverantworten hätten.

José Sevilla, Chef des Kreditinstituts Bankia spricht zwar von einer »verlorenen Chance«, er möchte aber variable Zinsen nicht missen, die alles Risiko von der Bank wegschieben. Er sollte wissen, wie gefährlich das ist. Bankia erhielt mehr als die Hälfte der 41,3 Milliarden Euro, die zur Bankenrettung aus dem Eurorettungsschirm flossen. Damit wurden Löcher gestopft, die faule Kredite von Bau-, Immobilienfirmen und Familien in die Bilanzen gerissen hatten.

Noch heute sind in Spanien gut zehn Prozent aller Kredite mit einem Volumen von 140 Milliarden Euro ausfallgefährdet. Die Banken sind also weiter anfällig, obwohl Milliardenrisiken von ihnen in eine »Bad Bank« verschoben wurden, deren Milliardenverluste weiter die Staatskasse belasten. Die Bankenrettung ließ bereits die Staatsschulden auf gut eine Billion Euro steigen. Und kürzlich rettete die Rajoy-Regierung auch noch private Autobahnbetreiber. Kapitalschwachen Banken, die unsinnige Straßenbauprojekte finanziert hatten, werden so Verluste von bis zu 4,5 Milliarden Euro erspart.

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