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Vom Kochtopf zur KPD

Jürgen Kuczynski und Emanuel Bruck haben 1931 in der »Roten Fahne« ein bemerkenswertes Experiment gewagt

  • Von Cristina Fischer
  • Lesedauer: 3 Min.

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Einem jungen Berliner Verlag ist ein Coup gelungen. Es gab ein in diskretem Beige und Schwarz gehaltenes Buch in Oktavformat heraus, dessen zurückhaltendes Cover an Suhrkamp-Paperbacks erinnert. Wenn man es aufklappt, erscheint darunter ein wie mit Hand gebundenes Buch, der Rücken mit schwarzer Leinwand verstärkt. Auch innen ein schlichtes, durchdachtes Layout. Eine Sorgfalt und ein Sachverstand, die auf dem Buchmarkt selten geworden sind.

Erst recht, wenn es sich wie im vorliegenden Fall nicht etwa um ein exquisites philosophisches Werk, um raffinierte Prosa oder einen tiefsinnigen Lyrikband handelt, mit dem ein elitäres Publikum angesprochen werden soll, sondern um einen dreisten kommunistischen Agitationsroman aus der »Roten Fahne« von 1931. Damals stand nach Überzeugung der KPD-Agitatoren die Revolution in Deutschland vor der Tür. Der Roman »Die letzten Tage von ...« erschien in täglichen Fortsetzungen von Oktober bis Dezember. Hauptfiguren sind der Berliner Metallarbeiter Fritz und seine Freundin, die Verkäuferin Käthe. Fritz ist aktives KPD-Mitglied, Käthe unpolitisch - letzteres muss natürlich geändert werden. Und dies geschieht auch, während der großen Kampagne zu den Mitte November 1931 geplanten Frauendelegiertenkongressen der Partei in sieben Ländern Deutschlands. Die Einbeziehung der Proletarierinnen in die politische Arbeit war ausdrücklich erwünscht. Deshalb muss sich auch die naive Heldin im Schnelldurchlauf zur Kommunistin entwickeln. Sie kommt gewissermaßen direkt vom Kochtopf zur KPD.

So schlicht gestrickt wie die nah an der Tagesrealität entwickelte Handlung ist auch die Figurenzeichnung. Die Sprache ist klar, im Umgangston gehalten, manchmal ruppig, auch humorvoll. Das liest sich vergnüglich, ein literarischer Anspruch wird nicht erhoben.

Die Herausgeber des Reprints, der Verlagsleiter Gaston Isoz und Thomas Möbius, der das informative Vorwort verfasste, machen darauf aufmerksam, dass es sich bei diesem Fortsetzungsroman dennoch um ein bemerkenswertes literarisches Experiment handelt, das seinesgleichen sucht. Kein weiterer kollektiv verfasster proletarischer Roman konnte bisher ermittelt werden. Streng genommen handelte es sich allerdings nicht um ein Autorenkollektiv, sondern um ein kompetentes Duo, das aus dem damaligen Wirtschafts- und den Feuilletonredakteur der »Roten Fahne«, Jürgen Kuczynski und Emanuel Bruck, bestand, die möglicherweise bei ihrer Schreibarbeit von Kollegen unterstützt wurden. Wir haben nur das autobiografische Zeugnis von Kuczynski, der u. a. berichtete, Ernst Thälmann habe persönlich dafür gesorgt, dass der Roman nicht weitergesponnen werde - und zwar aus Angst vor einem erneuten Verbot der Parteizeitung.

Der Roman orientierte sich Tag für Tag an den jeweiligen politischen Ereignissen und nahm auf Meldungen Bezug, die in der »Roten Fahne« standen. Als witziger, surrealistischer »Purple Rose of Kairo«-Effekt werden schließlich die Hauptfiguren Fritz und Käthe in die Redaktion eingeladen, um sich dort umzusehen und über ihr weiteres Romanschicksal zu entscheiden.

Ein interessantes Interview mit Thomas Kuczynski, Sohn von Jürgen Kuczynski, ergänzt diese ungewöhnliche Edition, die nicht nur hinsichtlich ihrer sorgfältigen Gestaltung empfohlen sei.

K. Olectiv (d.i. J. Kuczynski und E. Bruck): Die letzten Tage von ... Recherchen zum kollektiven Fortsetzungsroman in der »Roten Fahne«. Hrsg. v. Gaston Isoz und Thomas Möbius. Disadorno Edition, Berlin 2015. 207 S., geb., Abb., 24 €.

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