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Human Rights Nr. 4

»Schiff der Träume« nach Fellini am Deutschen Schauspielhaus Hamburg

  • Von Hans-Dieter Schütt
  • Lesedauer: 6 Min.

Kreuzfahrten sind die Seebestattung des Abenteuers. Es ist tot. Lieber umrunden wir die Welt auf Glücksrädern und beugen uns über Lottoscheine, als wären es Seekarten. Aus der Poesie des Erkundens wurde längst die Pragmatik des Transports; der Barbar mag zerstören, der Tourist entweiht. Und den Kolumbus in uns schicken wir höchstens noch aus, um im Stadtviertel nicht Indien, sondern ein neues indisches Restaurant zu entdecken. Rentner und Pauschalreisende tummeln sich auf trägen Traumschiffen - in Liegestühlen strecken wir uns nach dem Deck und kommen so beglückt zum Erliegen.

Die hintere Wand im Deutschen Schauspielhaus Hamburg besteht aus Kabinen eines Luxusliners. Kabinen? Leere dunkle Aufbewahrungsfächer, an deren Wänden bisweilen ein Mensch klebt oder kauert, posiert oder pausiert. Nach Motiven von Federico Fellinis Film »Schiff der Träume« schrieben Karin Beier, Stefanie Carp und Christian Tschirner die Textfassung eines »Europäischen Requiems« (Regie: Karin Beier, Bühne: Johannes Schütz, Musik: Jörg Gollasch). Eine Aktualisierung: Aus Fellinis Adria wurde der Seeweg in die Ägäis. Ein Kreuzfahrtschiff ist hier letzter Huldigungsort für einen Komponisten und Dirigenten, dessen Asche ins Meer versenkt werden soll. Das trauernde Orchester ein Panoptikum sonderbarer Gestalten. Das Schiff als Kollektiv-Gefängnis, in dem Neurosen und alter Hass ausbrechen. Bis ein Seenotruf die so festgefahrene Gesellschaft in ganz neue Verwirrnis stürzt: Flüchtlinge aus Afrika kommen über die mühsam zusammengehaltene Ordnung. Das Ungestüme wildert plötzlich im Regelkreis der Verhemmten, das Unwillkommene bedrängt die Gemüter der Verspießerten, das auftrumpfend Heitere entlarvt die Ödkultur der Verfinsterten, der Solidaritätsanspruch der Leidenden rüttelt an der Besitzhärte.

Zunächst aber eine lange Prozedur komischster Entzweiungen und Entblößungen. Die Trauergemeinde: präzise Karikaturen. Ein Staubsauger spielt auf, ein Hummer springt vom Teller. Natürlich wird die Urne unglücklich umgestoßen und die Asche zum staubigen Kalauer. Und noch einmal erklingt des Toten Meisterwerk, »Human Rights Nr. 4«. Eine unsägliche Modernität, aber eine treffliche Parodie auf jenen Krampf politischer Korrektheit, der auch in der Kunst auf Pawlowsche Reflexe setzt. Man kennt das ja: Hauptsache Klassenkampf, schon ist linken Rezensenten jeder Brecht eine Erfüllung. Hauptsache politisches Thema, und die Ästhetik wird Nebensache. Hauptsache Sozialstoff, und wir »linken Kunstfreunde« nicken so lange mit dem Kopf, bis wir über den vielen nützlichen Lehren eines Lehrstücks sanft eingeschlafen sind.

Die Musiker. Hochkultur-Schickeria. Julia Wieningers Cellistin ist als Diva wienerisch schmierseifig, also böse. Josef Ostendorfs Spezialschlagwerker - im gemütlichen Blubber-Leib lauert ein fingerschnipsender Pascha - schlägt mit Schwimmflossen Takte. Michael Wittenborns Klarinettist - traurig verwirrt, geradezu trotzig vergrämt - wartet ständig auf einen Anruf seiner längst gestorbenen Frau. Kathrin Wehlisch an der Violine traumwandelt als nackter Engel durch die Szene, und Charly Hübner (Triangel!) gibt - bravourös stutzig, brummig stupide und liebenswert betriebsselig - den stellvertretenden Orchesterchef. Lauter Leute, die höchsten Genuss an der Selbstsucht mit tiefstem Gefühl im Grotesken kurzschließen. Am stärksten vibriert, wieselt, stolpert Lina Beckmann als eine Service-Mitarbeiterin des Schiffes durch den Abend - mit gleichsam grandioser Sprachstörung, die aus ihrem Namen Astrid »Arschtritt« macht, und die Beckmann spielt erschütterndes Ungelenk, sie ist mit patschigem Tollmut diese Arsch- und Seelengetretene. Eine Gedemütigte des bürgerlich kalten Arroganzmiefes, der von dieser Passagierkaste ausgeht. Einmal tritt sie an die Rampe und weint, tief herzeinschneidend, das Unglück ihrer Nichtigkeit in den Saal.

Plötzlich der Irritationsschlag. Fünf Schwarze. Aufgefischte Flüchtlinge (gespielt von Mitgliedern einer Performancetruppe). Sie tanzen, sie grinsen frech, sie greifen »Europa, den depressiven Kontinent« an - mit Lebenslust. Warum sie zu uns wollen? »Weil wir euch helfen wollen. Wir wollen eure Probleme mit euch teilen, wir lieben eure Probleme!« Eindringlinge. Eindringliche. Sie klettern über die Sitzplätze im Parkett, sie verwickeln das Publikum in ein völkergeschichtliches Quiz. Zelebriert wird eine peinigende, japsende Choreographie des Ertrinkens. Dann eine Art Volkshochschul-Lektion über »Absterbende Arten« - also Deutsche, die in Pflegeheimen dahinsiechen oder seltsame Mutationen hervorbringen, die Beckenbauer heißen und Hoeneß. Furchtsame, verunsicherte Annäherungen vonseiten der aufgestörten, genervten Trauergemeinde. Aber auch ehrliche, gelöste Kontaktversuche per Tanz - und der unausweichliche Umschlag ins Aggressive. »Human Rights Nr. 4« als gemeinsames Musizieren - ein klägliches Scheitern. Aber: »Wir schaffen das!«, kräht jemand.

Deutsche und Ausländer. Verstehen und Missverstehen mit Händen und Füßen. Voll Herz und voll Galle. Selbst-, aber auch kopflos. Alle im kabarettungslosen Stress. Die baylonische Sprachverwirrung als komischster Ausdruck von Unverträglichkeit, von peinlichster Berührtheit. Vor allem aber - da lässt die Aufführung keinen Zweifel - als Tugend neuen Turmbaus: nicht, um erneut Gott näherzukommen, sondern den eigenen Wurzeln - im heimatlichen Boden, darin immer auch fremde Kulturen keimen. Karin Beiers Theater wollte seit jeher eine Kunst solcherart provokativer Laut-Malerei sein - ihre erste Theatergruppe vor über zwanzig Jahren, »Countercheck Quarrelsome«, war ein internationales Ensemble; und ihr erster großer Erfolg, »Ein Sommernachtstraum«, bot Shakespeare als Mehrsprachenkonfrontation. Gleichsam tonale Barrierenfreiheit inmitten souverän behaupteter Eigenheiten.

Einmal schweben bunte Fische hoch oben über die Bühne, als sei diese absonderliche Gesellschaft - die in gleichem Maße die Kunst beschwört, wie sie intrigant, falsch, fies und lächerlich ist - schon lange auf den Meeresgrund gesunken. Die Fische erinnern in einem grundsätzlichen Sinne an Fellini. Im »Schiff der Träume« (1983) - der Film spielt im Ersten Weltkrieg - gibt es ein Nashorn. Warum denn das? Fellini antwortete damals gleichmütig, im Jahre 1914 seien alle Schiffe verpflichtet gewesen, im Laderaum ein Nashorn mitzuführen. Punktum. So hütet man Geheimnisse und erfüllt das Gebot von Philosophie: solche Fragen zu finden, die jede Antwort für blöd erklären.

Am Schluss Abtransport der Refugees durch ein isländisches Frontex-Kommando. Die riesige Kabinenwand kippt zur Seite. Schiffsuntergang. So, wie das scheinbar humane Verhalten einiger Musiker im Wörtersee ihrer Gesinnungsphrasen (»Ich bin Künstlerin! Ich bin Linke!«) und der Besitzbrüllereien untergeht (»Erst wollt ihr meine Kabine, später das ganze Schiff!«). Ein bezeichnender Satz auch dies: »Auf dem Sonnendeck sind wir alle Humanisten.« Karin Beiers Raffinesse: Sie stellt die hölzern bewahrte Anständigkeit, die verschämt tückische Unbarmherzigkeit ihrer »Kulturmenschen« gegen das erfrischend herausfordernde Europa-Recht der Farbigen. Aber gleichzeitig sprudelt und sprüht das Multikulturelle derart ungebrochen, dass man kaum umhinkommt, es ebenfalls als satirisch gefärbte Unterwanderung eines positiven Klischees zu sehen. Als drohe ein erneut befohlenes allgemeines »Fröhlich sein und singen!«

Die Trauergemeinde ist endlich frei von Belästigungen. Island griff ein - Europa wird nicht nur am Hindukusch, sondern auch an den verbliebenen Eisrändern durch sich selber versündigt. Die verstreute Asche des Komponisten wurde längst wieder aufgeklaubt. Einen Vorteil hat dessen Tod - wenigstens droht aus dieser Feder keine weitere politische, also langweilige Kunst, etwa: »Human Rights Nr. 5«.

Nächste Vorstellungen: 6., 10. und 24.1.

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