Schönes neues Wohnen

Südlich von Tokio läuft seit diesem Jahr die erste voll funktionierende Smart City - energieeffizient und komfortabel. Aber das Projekt kommt nicht ohne Überwachung aus. Von Felix Lill

Einerseits sieht das Wohnzimmer von Takamasa Goto aus wie ein Urwald, überall stehen Pflanzen, sogar die Kissen auf dem Sofa sind grün. Aber die Naturliebe des Unternehmensberaters mischt sich mit reichlich Hightech: ein hochmoderner Luftbefeuchter, eine Klimaanlage, ein riesiger Flatscreen. An der Wand klebt auch ein Sensor, der Takamasa Goto verrät, wie er lebt. »Bisher wirklich gut«, nickt der 42-Jährige, leger gekleidet, ohne Socken und mit Lesebrille. »Im Moment verschwenden wir wirklich keinen Strom. Und sobald sich das ändert, geht hier ein Alarm los. Hab’ ich so eingestellt.«

Grünen Tee bereitet Takamasa Gotos Frau mit einem Solarkocher zu. Durch die hellen Räume im 120-Quadratmeterhäuschen muss auch kaum elektrisches Licht benutzt werden - und wenn doch, schaltet es sich automatisch wieder aus, sobald sich niemand im Zimmer befindet. Ähnlich wie der Backofen, der mit Timer funktioniert, oder Dusche und Toilette, die das Wasser durch Luftbläschen voluminöser machen und dadurch weniger verbrauchen. Draußen vor der Tür tankt Gotos Hybridwagen Strom aus der Steckdose - auf seinem Smartphone sieht er, wann die Batterie voll ist.

So lebt man in Fujisawa, einer auf dem Reißbrett gebauten »Smart City« im Süden von Tokio. Seit Ende 2014 sind die ersten Häuser fertig, mittlerweile leben hier gut 200 Familien. Es könnte so etwas wie das Modell für das urbane Leben der Zukunft sein. Praktisch alles ist hier energiesparend und intelligent vernetzt: an den Parkplätzen für das Carsharing-System aus Hybridwagen ragen Zapfsäulen mit Strom, unter Solarpanels an den Wegesrändern warten Steckdosen für den Notfall eines katastrophenbedingten Blackouts. Im Gemeindezentrum stehen Pflegeroboter für die Älteren bereit, Kinderbetreuung gibt es rund um die Uhr.

Weltweit herrscht seit einigen Jahren Begeisterung für intelligente Konzepte des Städtebaus. Schließlich wird sich der Anteil der Menschen, die in Stadtgebieten leben, nach Prognosen der Vereinten Nationen von heute rund 50 Prozent in den nächsten drei Jahrzehnten auf 80 Prozent erhöhen. Grüner zu leben, wird dadurch noch wichtiger. Um diese Herausforderungen stemmen zu können, geht die Forschungsabteilung der Deutschen Bank davon aus, dass in den nächsten 15 Jahren rund 40 Billionen Dollar (ca. 37 Billionen Euro) investiert werden müssen. So vermarkten sich Multitechnikkonzerne wie Siemens, IBM, General Electric, Toshiba, Fujitsu oder Hitachi längst als Experten.

Verantwortlich für die auf 3000 Bewohner angelegte Siedlung in Fujisawa ist Panasonic. Ab den 1960er Jahren unterhielt das Unternehmen auf diesem 19 Hektar großen Gelände eine Fabrik für Fernseher, Ventilatoren und Kühlschränke. Als das Geschäft aber kollabierte, lag das Gelände für einige Zeit brach. 2007 kam die Konzernspitze auf eine neue Idee: Die verschiedenen Geschäftsfelder wie Robotik, Konsumentenelektronik oder Mobilitätstechnologie könnte man zu einem neuen Projekt verschmelzen. Lange wurde geplant, gemeinsam mit der Gemeinde der 400 000-Einwohnerstadt Fujisawa und dem Staat. Nach einem Investitionsvolumen von rund 60 Milliarden Yen (etwa 460 Millionen Euro) plus Fördergeldern steht hier nun die erste voll funktionierende Smart City der Welt.

»Für die nächsten 100 Jahre wollen wir nachhaltiges Wohnen prägen«, prahlt Katsuyuki Ito, ein Sprecher von Panasonic. »Jeden Monat ziehen neue Leute hierher, das Konzept ist sehr beliebt.« Knapp 500 000 Euro kostet ein Haus, jedes sieht gleich aus: weiße Wände, blaues Dach. Überzeugen soll die Siedlung vor allem in Sachen Sparsamkeit, Sicherheit und Komfort. Zumal in Japan: Mit noch höherem Tempo als in Deutschland und anderen europäischen Ländern altert hier die Bevölkerung, neuer Pflegebedarf entsteht, und damit die Nachfrage nach klugen Wohnlösungen. Für den Konzern aus der Metropole Osaka könnten Smart Citys tatsächlich ein Riesengeschäft werden.

Neuland ist das Bauwesen für Panasonic aber nicht. Mit der Sparte »PanaHome« ist das Unternehmen schon seit längerem im Geschäft. Weil es als Materialien viel Stahl und vergleichsweise wenig Holz verwendet, so betonen Offizielle gern, wurde durch das Erdbeben und den Tsunami vom März 2011, bei dem 20 000 Menschen starben und rund 300 000 ihr Dach überm Kopf verloren, kein PanaHome-Haus zerstört. Neben der Robustheit vor Naturkatastrophen geht mit den Baumaterialien ein weiterer Vorteil einher. Typische japanische Häuser haben oft dünne Wände, PanaHome achtet dagegen auf gute Wärmedämmung, was langfristig Geld spart - ob in Japans heißen Sommern, wenn viel mit Klimaanlage gekühlt wird, oder in den kalten Wintern, wenn man heizen muss. Der Energieverbrauch des ostasiatischen Landes ist enorm.

»Wir wollen das unbedingt ändern«, sagt Katsuyuki Ito, ein smarter Typ im weißen Hemd, und spaziert mit großen Schritten durch die Wohnsiedlung. »Bis 2018, wenn Panasonic 100 Jahre alt wird, wollen wir das umweltfreundlichste Technologieunternehmen der Welt sein.« Die Fujisawa-Siedlung ist als Flaggschiff gedacht. Die Wege wurden so angelegt, dass sie der Wind durchweht - um im Sommer für natürliche Kühlung zu sorgen. Entsprechend sind die Fenster in den Häusern gebaut, ebenso wie das Bodenmaterial der Wege, das je nach Temperatur Wärme absorbieren oder abgeben soll. »Unser wichtigstes Anliegen ist Energieeffizienz.« Seit dem verheerenden Erdbeben vor knapp fünf Jahren, als ein Tsunami eine bis heute kaum kontrollierte Atomkatastrophe auslöste, gehört die Energienutzung zu den kontroversesten Fragen des Landes. Mehr als die Hälfte der Japaner ist gegen Atomkraft, die Regierung aber hält daran fest, ließ im August 2015 den ersten Reaktor wieder hochfahren. Zur Energiestrategie gehört aber auch der Ausbau Erneuerbarer sowie eine Senkung des Verbrauchs. Mit Fujisawa will Panasonic das ganze Land mitreißen.

Durch die Solarpanels auf den Dächern und Brennstoffzellen daneben sollen die Häuser fast energieautark sein. In der ganzen Ortschaft, die auch ein Einkaufszentrum einschließt, sollen 30 Prozent des Energieverbrauchs aus regenerativen Quellen kommen. Immerhin dreimal so viel wie im japanischen Durchschnitt. Insgesamt wird der CO2-Ausstoß um 70 Prozent gegenüber herkömmlichen Siedlungen gedrückt, der Wasserverbrauch um 30 Prozent.

Die Energieeffizienz ist allerdings nicht nur auf die Bauweise zurückzuführen. Anreizstrukturen tun ein Übriges. Takamasa Goto zappt durch seinen Fernseher im Wohnzimmer, wohl kaum zufällig ein Produkt von Panasonic. Auf dem Infokanal wird dort sein täglicher Strom- und Wasserverbrauch zu allen Tageszeiten dokumentiert und mit dem Durchschnitt Fujisawas verglichen. Wer besonders wenig verbraucht, erhält Auszeichnungen. Liegt die gesamte Siedlung wiederum jenseits der Zielsetzungen, werden die Bewohner von ihrem Beirat zur Sparsamkeit angespornt. Eine weitere Liste auf dem Bildschirm zeigt Tipps, wie man noch weniger verbrauchen könnte. »Das Licht dimmen«, steht da zum Beispiel.

Takamasa Goto ist allerdings gut dabei, wie er findet. »Das, was die Solarpanels auf dem Dach auffangen, kann durch die Lithium-Ionen-Batterie drei Tage lang gespeichert werden. Und wenn wir mehr generieren als wir verbrauchen, dann können wir an den Stromanbieter verkaufen.« Takamasa Goto sieht richtig zufrieden aus, sogar stolz. Bei seinem Einzug ließ er sich das Haus mit der neuesten Klimaanlage einrichten, kaufte einen Highend-Kühlschrank dazu und achtete darauf, dass die Fenster doppelt verglast sind, was in Japan nicht zum Standard gehört. Goto zappt weiter, auf seine persönliche Energiebilanz, eine neue Tabelle öffnet sich auf dem Fernseher: »Dieses Jahr hab’ ich bisher für 6000 Yen (ca. 46 Euro) Strom eingekauft, aber für 20 000 verkauft.« In seinem vorigen Haus musste er noch 80 000 Yen (ca. 62 Euro) zahlen.

Drei Minuten Fußweg trennen das Haus von Takamasa Goto vom Gehirn Fujisawas. In einem Raum voller Bildschirme, Rechner und Blätter mit Tabellen sitzt Masako Wada und vergleicht die Daten der Bewohner mit den Zielwerten. Hier wird nicht nur der Stromverbrauch überwacht, die Mitarbeiter haben auch einen Wochenplan für soziale Aktivitäten im Dorf und Zugriff auf die Bilder der Kameras auf Spielplätzen, Parkplätzen und Gehwegen. Es wirkt ein bisschen wie Big Brother. Aber Masako Wada will sich auf den ökologischen Fußabdruck konzentrieren. »Bei den meisten Variablen wie Wasser, Strom und Gas erfüllen wir unsere Soll-Werte«, sagt die schmale Frau im dunklen Hosenanzug. Auch sie nickt, als wäre es Teil des kulturellen Codes der Fujisawa-Gemeinde. »Mehrere Bewohner bei uns sind Nettostromverkäufer, aber nicht alle. Das hängt sehr vom Lebensstil ab.«

Takamasa Goto gehört zu den Sparsamsten. Zufriedengeben will sich der Unternehmensberater aber nicht. »Den Wasserverbrauch wollen wir noch einmal radikal senken, nicht wahr, Schatz?« Seine Gattin in der ultramodernen Küche stimmt zu und deutet nach oben. Auf dem Dach sammelt ein Kanister Regenwasser, das die Gotos durch ein Filtergerät zum Kochen benutzen. Diese Tage besorgen sie sich einen zweiten Behälter, dessen Speichermengen durch die Toilette angezapft werden sollen.

Fujisawa klingt wie eine bessere Welt. Aber Kritik an intelligenten Konzepten wie diesem gibt es mittlerweile auch zuhauf. Soziologen kritisieren, dass Menschen allmählich intellektuelle Fähigkeiten verlieren, wenn ihnen durch Automatisierung zu viele Probleme abgenommen werden. Stadtplaner befürchten, dass gerade bei konzerngelenkten Städteplanungen nur infrastrukturelle Lösungen geboten, nicht aber auf soziale Probleme wie Armut oder Ausgrenzung geachtet wird. Diesen Fragen wird sich auch Panasonic stellen müssen, dessen Technologie von der japanischen Regierung zwar als Zukunftsmodell gelobt wird, sich aber vor allem an Gutbetuchte richtet. Wie an Takamasa Goto und seine Frau. »Langfristig wollen wir so sparsam sein, dass wir uns allein mit unserem verkauften Strom ein paar schöne Dinge leisten können«, sagt er und lässt sich in die grünen Kissen seiner Couch fallen. Dann könnte der Unternehmensberater all seinen Klienten vorrechnen, wie es geht, mit klugem Wohnen auch noch Geld zu verdienen.

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