Geschrumpfte Größe

Ingolf Bossenz über Köln, Nietzsche und das Gespenst der »Kollektivschuld«

Köln, Februar 1865. Vermutlich war es hier, in einem Bordell der Domstadt, wo sich Friedrich Nietzsche mit Syphilis infizierte und den Grundstein für seinen späteren Wahnsinn legte. Im Herbst 1888, kurz vor dem geistigen Zusammenbruch, verfasste der Philosoph sein Spätwerk »Der Antichrist«, in dem er überschwänglich die islamische Kultur pries (»... uns im Grunde verwandter, zu Sinn und Geschmack redender als Rom und Griechenland ...«) und das Christentum bezichtigte, die Europäer »um die Ernte der Islam-Kultur gebracht« zu haben. Ob das eine etwas mit dem anderen zu tun hatte, kann man indes nur spekulieren.

Köln, Jahreswechsel 2015/16. Ob die Horrornacht am Hauptbahnhof etwas mit islamischer Kultur zu tun hatte, ist eine berechtigte, gleichwohl heiß umstrittene Frage, die die deutsche Gesellschaft spaltet. Derweil wird die Kölner Katastrophe von anderen Staaten zum Vorwand genommen, Muslime außer Landes zu halten, damit »etwas wie in Deutschland« nicht geschehen kann. So der slowakische Regierungschef Robert Fico, der jetzt überhaupt keine muslimischen Migranten mehr aufnehmen will.

Das Gespenst der »Kollektivschuld« wird ausgerechnet in einem Kontinent wiederbelebt, dessen Größe einst in der Lobpreisung des Individuums bestand. Das ist der Wahnsinn, der nicht Methode werden darf.

nd Journalismus von links lebt vom Engagement seiner Leser*innen

Wir haben uns angesichts der Erfahrungen der Corona-Pandemie entschieden, unseren Journalismus auf unserer Webseite dauerhaft frei zugänglich und damit für jede*n Interessierte*n verfügbar zu machen.

Wie bei unseren Print- und epaper-Ausgaben steckt in jedem veröffentlichten Artikel unsere Arbeit als Autor*in, Redakteur*in, Techniker*in oder Verlagsmitarbeiter*in. Sie macht diesen Journalismus erst möglich.

Jetzt mit wenigen Klicks freiwillig unterstützen!

Unterstützen über:
  • PayPal
  • Sofortüberweisung