Präsident der Tränen

Obama wegen Opfer durch Waffengewalt gerührt

In dem Film »Independence Day« gab es noch einen starken US-Präsidenten. Heute darf man als Präsident auch mal Schwäche zeigen. Schlecht nur, wenn man nicht nur die Traurigkeit der Welt beweint, sondern die eigene Wirkungslosigkeit.

In dem wirklich sehr gut gemachten und unterhaltsamen US-Propagandafilm »Independence Day«, in dem es um den Kampf gegen außerirdische Invasoren geht, die die Menschheit vollständig vernichten wollen, und der, das muss an dieser Stelle ausdrücklich betont werden, nicht von einem eingeborenen US-Amerikaner, sondern von dem Deutschen Roland Emmerich gedreht wurde, ist der Präsident (gespielt von Bill Pullman) ein jugendlich-dynamischer, zupackender ehemaliger Pilot der US-Air-Force. Gegen Ende des Films tritt dieser Präsidentendarsteller vor die jämmerlichen Reste seines Militärs und einen zusammengewürfelten Haufen von Angehörigen des sogenannten White-Trashs, des weißen Lumpenproletariats der USA, und verkündet, dass dieser Tag (der 4. Juli) künftig nicht nur der Tag der Freiheit und Unabhängigkeit der Bürger der USA sein werde, sondern der aller Menschen. Dies wird von seinen Zuhörern mit frenetischem, zustimmendem Jubel quittiert. Am Ende siegen die USA (und damit die ganze Menschheit), und die Erde ist gerettet.

Emmerichs Film kam 1996 in die Kinos, als US-Präsidenten noch als mächtige Politiker eines mächtigen Landes galten. Mitte dieser Woche stellte US-Präsident Barack Obama ein Programm zur Einschränkung des Waffenbesitzes vor. Dabei wurde er sehr emotional und musste sich eine Träne aus dem Augenwinkel tupfen. Unklar ist allerdings, ob die Träne wirklich ausschließlich der Trauer um die vielen Opfer der Waffengewalt in den USA galt oder ob Obama sie auch aus Verzweiflung über die Aussichtslosigkeit seines Vorhabens vergoss, sich gegen die mächtige Waffenlobby und ihre Politiker in der demokratischen und republikanischen Partei durchzusetzen.

Die Träne war aber auch symbolisches Eingeständnis des moralischen Scheiterns der Weltmacht USA und der zunehmenden Entfremdung vieler in den USA vom Rest der Welt. Würden heute Aliens uns vernichten wollen, man wüsste nicht, ob das waffenstarrende Lumpenproletariat der USA noch bereit wäre, für die ganze Menschheit zu kämpfen. jam Foto: AFP/Manedel Ngan

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