Der Krampf von »Mein Kampf«

Erstmals gibt es in Deutschland eine kommentierte Neuauflage von Hitlers Buch

  • Von Rudolf Stumberger
  • Lesedauer: 4 Min.

Gerne als »Mein Krampf« verhöhnt, erscheint jetzt zum ersten Mal seit Ende des Nationalsozialismus in Deutschland ein Neudruck von Adolf Hitlers »Mein Kampf«. Gestern wurde im Münchner Institut für Zeitgeschichte im Rahmen einer kritischen Edition erstmals eine wissenschaftlich kommentierte Gesamtausgabe von Hitlers Propagandaschrift vorgestellt. Möglich geworden war dies nach Ablauf der Urheberrechte am 31. Dezember 2015, bis dahin war das Werk in Deutschland verboten. »Es wäre schlicht unverantwortlich, dieses Konvolut der Unmenschlichkeit kommentarlos frei vagabundieren zu lassen«, begründete Institutsleiter Andreas Wirsching die Neuauflage, der eine politische Debatte vorangegangen war.

Hitlers zweibändiges Buch »Mein Kampf« war in den Jahren 1924 bis 1926 entstanden. Während der erste Band stark stilisiert Hitlers Werdegang nachzeichnet, beschreibt der zweite Band die politische Programmatik für die NSDAP. Geschrieben wurde der Text überwiegend in der Zeit, die Hitler nach seinem gescheiterten Putschversuch in München im Gefängnis in Landsberg am Lech einsaß. Die Vermischung von Autobiografie, ideologischem Programm, Parteigeschichte, Hetzschrift und Kampfanleitung wurde zunächst wenig beachtet, wurde aber nach der Machtübernahme durch die Nationalsozialisten in mehr als 1000 Auflagen und einer Gesamtauflage von 12,5 Millionen Exemplaren gedruckt.

Nach dem Selbstmord Adolf Hitlers am 30. April 1945 und der Kapitulation Deutschlands acht Tage darauf übertrugen die alliierten Siegermächte die Rechte an dem Buch »Mein Kampf« dem Freistaat Bayern. Seither nutzten sämtliche bayerische Staatsregierungen dieses Recht allerdings nur zu einem Zweck: jede Neuauflage in Deutschland zu verhindern. In der Nacht zum 1. Januar erlosch dieses Recht.

In Deutschland war zuvor lange darüber gestritten worden, wie man mit »Mein Kampf« nach diesem Datum verfahren solle. Erst nach langem Hin und Her beauftragten die bayerische Staatskanzlei und das Kultusministerium schließlich das Institut für Zeitgeschichte, eine kritische Ausgabe zu erarbeiten, diese auch im Internet zugänglich zu machen und eine gekürzte Schulausgabe zusammenzustellen. 500 000 Euro Fördergeld wurden dafür bereitgestellt - und 2013 bereits wieder zurückgenommen. Denn man könne nicht in Karlsruhe ein NPD-Verbot beantragen, so der bayerische Ministerpräsident Horst Seehofer, und anschließend noch »unser Staatswappen« für die Verbreitung von »Mein Kampf« hergeben. Also gab es keine zusätzlichen Steuergelder für die Ausgabe; diese wurde aber auch nicht behindert.

So hat das Institut für Zeitgeschichte in Eigenregie und mit eigenen Mitteln die kommentierte Neuauflage herausgebracht. Die Verbannung des Buches sei sinnlos, so der britische Historiker und Hitler-Biograf Ian Kershaw bei der Pressekonferenz; es sei längst im Internet und in Antiquarien zugänglich gewesen. Die Bedeutung des Buches läge in seiner Funktion als ideologisches Gerüst für die spätere NS-Herrschaft, es stehe für eine bedeutsame Phase auf dem Weg in Katastrophe. Der heutigen Welt habe das Buch nichts mehr zu sagen. Deutschland sei heute eine gefestigte Demokratie, und es gebe keinen Grund, Angst vor der kommentierten Neuauflage zu haben, so der Historiker.

Institutsleiter Wirsching betonte, es sei zu respektieren, dass ein derartiges Projekt zum Teil auch für kontroverse Diskussionen sorge, insbesondere aus der Perspektive der Opfer des Nationalsozialismus. Angesichts der urherberrechtlichen und politischen Rahmenbedingungen wäre es allerdings auch politisch-moralisch nicht zu vertreten und mit großen Risiken behaftet, in Sachen »Mein Kampf« untätig zu bleiben.

»Dies ist eine kritische Edition mit Standpunkt«, stellte Projektleiter Christian Hartmann die Konzeption des Neudrucks dar. Der Text bedürfe einer Gegenrede, es gehe nicht nur um eine Erklärung, sondern auch um eine Bewertung. »Es geht um ein Symbol, das abgetragen wird«, so der Historiker. Der Text werde »umzingelt« von Kommentaren, die die Aussagen von »Mein Kampf« kritisch überprüfen.

Im Zentrum der Edition steht der Originaltext der Ausgaben von 1925 und 1927. Dieser wurde von den Historikern Stück für Stück auseinandergenommen und mit mehr als 3500 Anmerkung versehen. Wenn es zum Beispiel in Band 1 auf Seite 263 heißt: »Blutsünde und Rassenschande sind die Erbsünden dieser Welt ...«, so verweist der Kommentar darauf, dass der Begriff der »Rassenschande« sich bis in die Kolonialzeit zurückverfolgen lasse und erläutert dessen »Karriere« vom Ersten Weltkrieg bis hin zum Gebrauch durch völkische Autoren, die ihn zur Diffamierung von Beziehungen zwischen Juden und Nichtjuden benutzten.

Die erste Auflage der Edition mit 4000 Exemplaren ist bereits vergriffen, es gibt 15 000 Vorbestellungen. Aus dem Ausland liegen Anfragen für Übersetzungen vor, darunter aus China und der Türkei.

Hitler, Mein Kampf. Eine kritische Edition. Hrsg. im Auftrag des Instituts für Zeitgeschichte München - Berlin von Christian Hartmann, Thomas Vordermayer, Othmar Plöckinger, Roman Töppel. 2000 S., geb., 59 €.

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