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Königin der Küche

Grube-Deister wäre 90

  • Von Hans-Dieter Schütt
  • Lesedauer: 3 Min.

Ins Schweigen der Elsa Grube-Deister konnten Weltreiche hineinstürzen, in ihrer Heiterkeit explodierten Wärmequellen, ihre weiche Stimme war auch die eines weiblichen Schwejk. Grandios ihre Fallada’sche Frau Quangel im DDR-Fernsehklassiker »Jeder stirbt für sich allein«, neben ihr Erwin Geschonneck: Es war, als flehe eine Frau den Schöpfer an - damit er sie nicht so wehrlos lasse gegen die Anfechtung, sich menschlich zu verhalten. In dieser Nazischeißwelt, in diesem ewig-deutschen Denunziantenfrost. Antifaschistischer Widerstand als instinktive Reaktion einer Mutter, eines fühlenden Körpers. Heiner Müller sprach davon, das Reich der Mütter sei das Reich der Notwendigkeit, nicht der Freiheit. Denn Mütter sind nicht frei gegenüber ihren Kindern. Das macht sie in unbarmherziger Welt - hier gleichsam im »Auftrag« des im Krieg gefallenen Sohnes - zu Heldinnen, zu Mahnerinnen, die nach dem Preis nicht fragen.

Fast vierzig Jahre Arbeit am Deutschen Theater Berlin. Arbeit für eine besondere Zartheit. Das vor allem beherrschte sie: Leben zeigen als innerliches lächelndes Grauwerden. Der Kopf zog sich gern und listig zwischen die Schultern zurück. Pressten die Lippen sich zusammen oder wurden sie im Lachen eine mundoffene Trommel, dann ahnte man auch etwas von den Tiefen der Bosheit. Grube-Deister konnte gleichsam derb aufstampfen mit diesem Mund und sehr unverschämt staunen. Man denkt diese Frau ganz selbstverständlich paarweise, im Zusammenhang. Bei der »Schönen Helena« von Hacks und Besson: Fred Düren, beim »Blauen Boll« von Barlach und Winkelgrund: Kurt Böwe.

Und in Sean O’Caseys »Juno und der Pfau«, in den Siebzigern inszeniert von Adolf Dresen, spielte sie gewissermaßen Brechts Wlassowa - die aber: eine Ausgewanderte ins Irische. Wo die Wiesen grüner und auch die Menschen etwas saftiger sind. Wo alles eine Spur kleiner, verwinkelter, vertrackter, familiär verknoteter ist als andernorts. Die Grube-Deister war Juno: eine Proletarierfrau als ein großartig mühebeladenes Ja zur Welt, in aller Sorge doch eine Raumbeglänzerin, ein arbeitsschwerer Ermunterungsleib, eine Küchenkönigin, immer in putzender, glättender Bewegung. Am Ende wunderschön besiegt von jener lebensrettenden Kraft, gegen die sich ein Mensch meist am längsten wehrt: Es ist die Kraft zum Ausbruch - hier aus der Großfressenwelt des kläglichen Ehemännleins, prunkend gespielt vom nicht minder unvergesslichen Dieter Franke. Frankes Prahlen adelte Grube-Deisters Stille, gerbte sie aber auch, und noch lange nach jener Inszenierung sah man keine so fesselnd leise Art, wie eine (vom Kindstod getroffene) Mutter jene Grenze entlanggeht, die den Schmerz vom Wahnsinn trennt. Wie Grube-Deister diese Grenze nie überschreitet, jedoch den Grat auch nie verlässt: markerschütternd.

Mütterlich - so wurde oft genannt, was die 1926 in Hamburg Geborene auf der Bühne formte. Ihre schönsten Figuren waren aus Güte resolut, aus Liebe verschlagen, aus Würde bäurisch und biestig. An diesem Montag wäre Elsa Grube-Deister, die 2001 starb, neunzig geworden.

Hans-Dieter Schütt

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